4. Fett-hair-day

Ich stand im Supermarkt und wog zwei Flaschen Öl in meinen Händen. Zehn Euro Unterschied, aber für meine Zwecke spielte Qualität keine Rolle. Fett ist Fett, dachte ich mir, jedenfalls wenn man eine Wette gewinnen will. Ich zupfte an meiner Mütze herum und schob unauffällig eine herausgerutschte Strähne zurück. Eigentlich hatte ich mit meinem „Fett-hair-day“ Experiment schon angefangen, dann aber nur die letzten, wenigen Tropfen aus dem Olivenöl-Kanister auf meinem Kopf verteilen können. Zum Glück war ich recht groß und hoffte, dass niemand merkte, wie das Öl in meinen Haaren langsam meine Mütze von oben glasig werden ließ. Es war erst Freitag, aber dieses Mal wollte ich mein Selfie so früh wie möglich erledigen, denn langsam wurde mein Zeitplan eng. In zehn Tagen musste ich meine Wohnung räumen.

Frau tropft auf Herdplatte und geht in Flammen auf.

Für heute standen noch drei Besichtigungen auf meiner Liste. Wenn gar nichts klappte, konnte ich sicher ein paar Tage im Ferienhaus meiner Freundin wohnen. Im Januar stand es manchmal leer. Aber darauf wollte ich erst mal nicht bauen.

In den Supermarktgängen herrschte wenig Verkehr und mein Einkaufszettel war eigentlich das Papier nicht wert: Kohl, Mehl, Zucker und eben Öl. Ein super durchdachter Plan. Vielleicht sollte ich Event-Managerin werden. Zuerst Haare zu Ende einölen, witzige Frisur mit Öl-Haaren fotografieren und nebenbei günstig kochen. Dann, kurz duschen und ab zum Besichtigungs-Marathon. Hoffentlich fingen meine Haare nicht beim Brutzeln Feuer. Ich stellte mir die Schlagzeile vor. Frau tropft auf Herdplatte und geht in Flammen auf.

Eine Viertelstunde später stand ich wieder in Unterhose und T-Shirt auf einem Müllsack im Badezimmer und betrachtete mich im Spiegel. Jetzt gucken, wie in einer Shampoo-Werbung. Ich brachte mich in Position und übergoss mich, mit dem neuen Öl. Viel hilft viel, dachte ich. Das knallgelbe Öl lief mir in die Ohren und den Hals entlang in den Ausschnitt. Vielleicht hatte ich es übertrieben. Mit meinen Fingern arbeitete ich alles schön bis in die Haarspitzen ein, merkte aber gleich, dass es hier längst nicht mehr nur um meine Haare ging. Ich hatte mich verschätzt. Wie sollte ich mit öligen Fingern mein Handy bedienen? Zum Glück standen einige Klopapier-Rollen neben der Toilette. Leider bekam ich meine Augen nicht auf. Der dicke Ölfilm hatte sich über meine Wimpern gelegt und ich tappte blind, tropfend durch den Raum. Meine Hand bekam den Badewannenrand zu fassen und ich tastete mich am Badewannenrand entlang. Der Boden unter meinen Füßen hatte sich in eine Rutschbahn verwandelt. Mist! Ich tappte weiter und erreichte das Ende der Wanne. Hier mussten die Rollen stehen. Meine Finger ertasteten feste, stachelige Borsten. Igitt, die Klobürste! Ich zuckte zur Seite und stieß an den Turm aus Klorollen, der mit einem leichten Puff in alle Richtungen auseinander rollte. Jetzt hatte ich mir auch noch eine Stolperfalle gebaut. Ich streckte meine Klobürsten-Hand weit weg von mir und tastete mit der sauberen Hand unter dem Klo herum, bis ich eine Rolle erwischte. Der Weg zurück zum Waschbecken war mir zu trickreich, also hing ich mich über die Wanne, um meine ekelige Hand zu waschen.

Mit sauberen Fingern knödelte ich mir fluffige Augen-Pads aus Klopapier und schrubbte mein Gesicht. Geschafft, endlich wieder freie Sicht. Ich stand auf und mein Blick fiel wieder in den Spiegel. Leider war von meiner Schminke nun auch nicht mehr viel übrig, egal sollte Marie halt ihren Schweinewimpern-Spruch loslassen! Jetzt war Foto-Styling angesagt. Aus der geplanten Turmfrisur wurde allerdings nichts. Meine Haare klatschten mir direkt wieder schwer ins Gesicht, sobald ich versuchte sie aufzurichten. Schöner Glanz, wenn das Ganze nur nicht so unangenehm tropfen würde. Links, rechts, oben, unten, es half alles nichts. Ich tat das, was meine Haare wollten – anklatschen.

Dritte Woche erledigt, check!

Mit ausreichend Öl auf dem Kopf kannst du dir die Badekappe im Schwimmbad glatt sparen, dachte ich und betrachtete meine neue Helm-Frisur. #Lotuseffekt. Für Marie musste es reichen. Ich wickelte meine Hände in Klopapier und griff mir das Telefon vom Waschbeckenrand. Klick, war die Aufgabe erledigt und die Zeit verronnen, wie ich mit Schrecken feststellen musste. Mit einem schnellen Griff warf ich mein Shirt ab und schlitterte zur Dusche. Fünf Minuten mussten reichen, um mich wiederherzustellen. Nur fürs Putzen blieb keine Zeit mehr. Dreimal Shampoo und eine halbe Kernseife später stand ich frisch vor dem Kleiderschrank. Meine Haare fühlten sich wunderbar weich an. Ade Spülung, beschloss ich, willkommen billiges Speiseöl. Aber nun hieß es rennen, sonst fuhr der Bus ohne mich zu meinem neuen Zuhause.

In der Bahn klopfte ich mir in Gedanken auf die Schulter. Es war vielleicht unüblich, mit nassen Haaren zu einer Besichtigung zu erscheinen, aber immerhin waren sie nicht mehr fettig und rochen sogar ganz passabel. Die Bahn fuhr in die Station ein und ich sammelte Kraft. Meine Uhr zeigte schon fünf Minuten nach vier und ich musste zwei Straßen weit joggen. In meiner dicken Winterjacke begann ich zu schwitzen und beschloss sie während der Besichtigung auf jeden Fall anzulassen. Hoffentlich war der Makler nicht unverrichteter Dinge gegangen. Die Wohngegend direkt am Park sah nämlich mehr als einladend aus. Ich bog um die letzte Ecke und sah schnell, dass meine Sorge unbegründet war. Unbegründet traf es vielleicht nicht ganz, aber der Makler war augenscheinlich nicht wieder gegangen. Vielmehr reihte sich eine lange Schlange Menschen vor der geöffneten Eingangstür die Straße hinunter, wie eine Bäckerschlange am Sonntagmorgen. Ich stellte mich hinter einen Mittfünfziger und seine Tochter. Der Mann wippte ungeduldig hin und her und atmete genervt.

„Zeig nochmal die Bewerbung für den Makler, Rafaela!“, sagte der er und streckte der jungen Frau seine Hand entgegen.

„Hättest du die Mappe nicht in einen Umschlag stecken können?“ Sie sah ihn hilflos an und ich gleich mit. Eine Bewerbung? So etwas hatte ich nicht dabei.

„Warum hast du unsere Festnetznummer nicht dazugeschrieben? So sieht es unseriös aus!“ Er blätterte weiter und wurde hektisch.

„Sekretärin?“ Jetzt wurde er laut und klatschte seiner Tochter die Bewerbungsmappe vor die Brust.

„Ich habe dir hundertmal gesagt, dass du „Assistentin der Geschäftsleitung“ schreiben sollst! So kannst du die Wohnung vergessen!“ Er packte ihre Hand und zog sie hinter sich her aus der Schlange.

Assistentin der Geschäftsleitung? Wie sollte ich meinen Regale-Auffüll-Job im Büromarkt denn nennen, um Eindruck zu schinden? Ein leises Raunen ging durch die Wartenden, als es einen halben Schritt nach vorne ging. Das konnte ich mir sparen. Um diese Wohnung sollten sich die anderen Leute streiten.

Ich beschloss, die gewonnene Zeit zu nutzen, um zu Fuß zur nächsten Besichtigung zu laufen. Die Wohnung lag zwar in einem anderen Stadtteil, aber so lernte ich meine zukünftige Heimat vielleicht schon kennen.

„Fehlt da nicht eine Wand?“

Iso Aroma

Als ich ankam, sah ich einen jungen Mann, wie er eilig eine ganze Traube gelber Müllsäcke zusammenklaubte und diese aus einem Kellereingang hinaus in die Einfahrt des Nachbarhauses warf. Nicht sehr nett, dachte ich noch, als er plötzlich die Stufen hinauf stieg und sich in meine Richtung drehte. Er wischte seine Hände an der Anzughose ab und lief strahlend auf mich zu.

„Frau Aroma?“

Er sreckte mir seine Hand entgegen. Ich nickte und behielt meine Hand für mich.

„Ein außergewöhnlicher Name – Künstlerin?“

Dieser Name hing an mir wie ein Fluch. Ich schüttelte den Kopf.

„Ich arbeite im Logistik-Bereich.“

Er nickte und zog anerkennend die Augenbrauen hoch.

„Dann freue ich mich, Ihnen Ihr neues Zuhause zu präsentieren! Folgen Sie mir bitte.“

Wir stiegen die Stufen ins Souterrain hinab und standen auf einer 2 x 2 Meter gepflasterten Fläche, die von Moos bewachsen war, vor uns eine hübsche Kellertür.

„Dieser vorgelagerte Terrassenbereich gehört mit zu Ihrem zukünftigen Reich.“

Er deutete mit den Armen um sich, wie die Präsentations-Damen früher im Fernsehen in „Der Preis ist heiß“. Die anderen Mieter wussten von der Terrassen-Vereinbarung offenbar nichts und ich fragte mich, wann die Nachbarn wohl über die entsorgten Müllsäcke stolpern würden.

Zur Wohnung führte ein winziger, dunkler Flur.

„Die Lampe wird vor Ihrem Einzug selbstverständlich repariert“, sagte er und blieb so abrupt stehen, dass ich fast in ihn hinein lief.

„Hoppala!“, lachte er und schloss die Wohnungstür auf. Es dauerte einen Moment, bis die Neonröhre unter der Decke aufhörte zu flackern. Mein Blick fiel in den Raum und schnell erkannte ich, dass es bei diesem einen Raum bleiben würde. Ich sah erst den Herd und dann das Duschklo.

„Kommen Sie herein!“

Im Inneren roch es nach alter Kneipe. Die Bilder, die vorher an der Wand gehangen hatten, konnte ich auch noch erahnen. Der Makler war meinem Blick gefolgt.

„Mit etwas Farbe, wird diese Wohnung ein individueller Traum und das für wenig Geld in zentraler Lage. Solche Schnäppchen gibt es eigentlich gar nicht mehr.“

Ich verstand warum.

„Fehlt da nicht eine Wand?“, fragte ich und zeigte auf die Toilette, die über dem Spülkasten einen Duschkopf montiert hatte.

Der Makler zog an einem Vorhang, der ausgesehen hatte, wie eine Gardine und trennte so das Klo vom Wohnbereich ab.

„Sehen Sie, die Abtrennung ist wasserdicht!“ Wieder strahlte er.

„Gerüche und Geräusche hält das aber nicht so richtig draußen“, wand ich ein, aber da war er auch schon zum Herd gesprungen.

„Diese Hochleistungs-Abzugshaube saugt nicht nur schlechte Gerüche bei Kochen auf.“ Er drehte an den Reglern und ein ohrenbetäubendes Gebläse rauschte durch den Raum. Ich hielt mir die Ohren zu. Er schaltete die Abzugshaube wieder aus.

„Na, habe ich Sie überzeugt? Sonst können Sie auch einfach einen Schrank dazwischen stellen. Ist ja wie eine Leichtbauwand, nur praktischer.“ Er kreuzte durch den Raum und wedelte hier und dort mit den Armen herum.

„Und hier unter der Treppe haben wir eine perfekte Schlafnische!“

Wie auf Bestellung trampelte einer der Nachbarn die Holzstufen hinauf. Ein guter Wecker mochte die Treppe vielleicht sein.

„Das Beste kommt ja noch!“, sagte er und baute sich geheimnisvoll vor den schmalen Fenstern auf, die so hoch lagen, dass ich einen wunderbaren Blick auf die Schuhe der Passanten hatte.

„Schauen Sie, Sicherheitsfenster! Durch diese Gitterstäbe kommt so schnell kein Einbrecher!“

Nach weiteren zehn Minuten und einer Einladung zum Kaffee, die ich dankend ablehnte, hatte ich genug. Ich sparte mir die dritte Besichtigung und setzte mich in die Bahn nach Hause. Für heute reichte es mir. Fünf Wohnungstermine hatte ich noch vor mir an diesem Wochenende und langsam begriff ich, dass das Ganze weniger Spaß brachte, als ich gedacht hatte.

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