Ich keuchte meinem Bruder hinterher die Treppen in den dritten Stock hinauf. Altbau wohlgemerkt und beladen mit einem Rucksack vorne, einem hinten und Bettzeug in den Armen. Ich zählte die Stufen, weil ich die Decke so weit oben halten musste, dass ich die Treppe nur erahnen konnte.
„Stell deine Sachen in den Abstellraum, ok?“
Johannes konnte es nicht ertragen, Zeug in seiner Wohnung stehen zu haben, das dort nicht hingehörte. Aber das kannte ich schon. Immerhin durfte ich ein paar Tage bleiben und er hatte mich sogar mit seinem Auto abgeholt. Zu seinem Glück war es ein Zweisitzer, sonst hätte ich sicher noch mehr Sachen mitgenommen.
Nachts breitete ich mich auf seinem Sofa im Wohnzimmer aus, aber bevor er morgens aufstand, musste ich alles wieder in den Originalzustand bringen. Er öffnete die Tür zu seinem Flur und ich streifte meine Schuhe über die Hacken ab, ohne sie zu öffnen. Dieses Mal ging es wirklich nicht anders. Normalerweise machte ich das einfach nur so, für seinen schmerzverzerrten Gesichtsausdruck. Er kannte das von mir und versuchte, möglichst gleichgültig zu gucken, klappte aber nicht.
Ich liebe meinen perfekten Bruder einfach. Wir sind wie Yin und Yang oder besser Yin und Young, schließlich war er ganze zehn Jahre jünger als ich.
Johannes Wohnung sah aus wie eine Instagram-Hotspot oder eine Doppelseite aus „Schöner Wohnen“. Sogar die Katzen passten farblich ins Konzept. Johannes hatte ihnen nicht nur französische, sondern gleich noch gesund klingende Namen verpasst. Er träumte von einer Zucht mit Mirabelle und der edlen Clementine. Ich ärgerte ihn jedes Mal damit, dass ich „Kartoffel“ und „Zwiebel“ als Namen schöner gefunden hätte.
Er mochte mich trotzdem noch und seine Katzen mochten mich auch. Es war ein festes Ritual, dass sie bei mir im Sofa-Bett schlafen durften, wenn ich da war.
„Maximal drei Nächte, ok? Ich kriege am Wochenende Besuch!“
„Ich geb‘ mein Bestes“, versprach ich, überlegte aber schon, wo ich danach einziehen konnte. Meine Wohnungssuche war wirklich ganz mies gelaufen. Nur Absagen, bis auf die Schrottbude mit Dusch-Klo im Souterrain, aber die hatte selbst ich dankend abgelehnt. Sie war nicht nur eine Zumutung, sondern auch zu klein für meine ganzen Sachen.
Apropos Sachen. Meine Möbel standen jetzt freundlicherweise bei Herrn Meywald im Keller. Mittlerweile hatte ich den Namen meines versteckten, arbeitslosen Nachbarn herausgefunden und wir hatten einen Deal. Ich verriet seiner Frau nichts von seiner gemütlichen Männerhöhle, dafür durfte ich meinen Lieblingssessel, Bett, Schrank und Küchentisch für eine Woche unterstellen. Pro verlängerter Woche hatten wir einen Kasten Bier als Zinsen vereinbart.
Alle Textilien und Technikgeräte steckten in meinem Auto. Es stand nur zehn Meter von der Wohnungstür entfernt und ringsherum leuchtete knallgrünes Moos. Lissy und ich hatten meine neue Abstellkammer auf Rädern nach ihrem Badewannen-Mittagsschlaf bis zum Rand vollgestopft. Praktisch, dass sie erst 1,26 groß war und in die kleinen Lücken passte. Erst ein paar Kissen, dann der Fernseher und darauf wieder Klamotten, wie die wechselnden Keks- und Schokoladeschichten bei einem „Kalten Hund“. Zum Schluss steckte Lissy so tief zwischen Autodach und Sofakissen fest, dass nur noch ihre Mini-Füße aus der Beifahrertür ragten.
„Sie ist doch nicht dein Dackel, den du zur Arbeit in einen Fuchsbau jagen kannst!“
Marie
Beim Herausziehen hatte sie sich kurz am Türrahmen verklemmt und das Gesicht guckte ganz lustig durch das Dachschiebefenster. Als sie endlich wieder draußen stand, hatten sich Lissys Haargummis irgendwo zwischen meinen Kissen verabschiedet. Ihr Kopf leuchtete rot und wir bekamen ihre verstrubbelten Haare einfach nicht wieder in den Griff. Blöderweise war Marie in dem Moment um die Ecke gebogen und hatte das Ganze mitbekommen. Lissy lachte zwar, aber Marie rastete mitten auf der Straße aus.
„Sie ist doch nicht dein Dackel, den du zur Arbeit in einen Fuchsbau jagen kannst! Guck sie dir an, um ein Haar wäre sie steckengeblieben!“
Beim Gehen hatte sie mir noch einen Umschlag in die Hand gedrückt.
„Für Februar!“, sagte sie knapp und im Weitergehen schimpfte sie, dass man mir eigentlich kein Kind anvertrauen konnte.
Lissy hatte noch einmal zurückgeblickt und zaghaft gelächelt. Ich kannte meine Schwester. Sie war zwar sauer, aber am Ende gewann wieder ihre Karriere und ich wusste, dass sie fremden Babysittern überhaupt nicht über den Weg traute.
„Johannes, ich brauche Kartoffel und Zwiebel für ein Selfie!“
Er füllte gerade einen Wassernapf mit Flaschenwasser auf und schüttelte den Kopf.
„Solange du die beiden so nennst, kriegst du gar nichts!“
„Ach, komm schon. Ich brauche deine Hilfe.“
An meinem Rucksack steckte außen Maries Brief und mein Einbein-Stativ. Ich kippte Johannes die ausgeschnittenen Papier-Buchstaben aus dem Umschlag auf eine Ablage.

„Guck, das heißt „tierisch“.“
„Ist das dieser Quatsch, den du dir an Silvester mit Marie ausgedacht hast?“
„Eigentlich hat sie sich den Quatsch ausgedacht, aber ja, dafür brauche ich es. Ich baue hier nur kurz etwas um, ok?“
„Das bleibt hier schön alles, wie es ist! Setz dich meinetwegen aufs Sofa neben Clementine und gut!“
Ich dachte, der Arme kannte mich besser.
Einen Esszimmerstuhl, zwei Frühstücksbrettchen und diverse Kissen später hatte ich mir einen irren Kran für meine Kamera gebaut. Er pendelte hoch über dem Sofa in der Luft und machte beinahe einen stabilen Eindruck.
„Was soll das? Das baust du gleich alles wieder ab!“
Leider bekam meine Kamera Übergewicht und drohte zu kippen. Ich konnte sie gerade noch retten und zog die Gürtel, die ich extra mitgebracht hatte enger an den Stuhlbeinen fest.
„Da willst du dich doch nicht drunter legen!“
„Aber sicher. Mit dem Kopf sogar und du lockst deine Katzen für ein gemeinsames Selfie!“
„Ich soll meine wertvollen Katzen für dein mörderisches Selfie opfern?“
„Du verstehst das nicht“, seufzte ich, „wenn ich das mit Marie schon durchziehe, dann richtig.“
Ich legte mich unter meine bedenklich schwankende Kamera und aktivierte den Selbstauslöser.
„Bereit?“
Was soll ich jetzt bitte machen?“
„Hol‘ die Feder-Angel oder denk dir was aus, dass beide mit aufs Bild kommen!“
Die Angel war eine schlechte Idee. Die zwei Katzen drehten so richtig auf und als zwei Stunden und 300 Bilder später niemand mehr Lust hatte, passierte das, was ich mir eigentlich vorgestellt hatte. Alle wurden müde, legten sich zu mir und ich bekam schließlich doch noch mein Bild.

Mein Telefon klingelte, als ich gerade noch einen letzten Sicherheitsschuss auslösen wollte. Der Makler, der die Müllsäcke zum Nachbarn entsorgt hatte. Na wunderbar.
„Räum das hier alles weg!“, sagte Johannes. Ich ging an mein Telefon und wimmelte ihn mit der Hand ab.
„Frau Aroma, ich grüße Sie!“ Ich holte Luft, um zu antworten, kam aber gar nicht dazu, so schnell sprach er.
„Bei unserem letzten Gespräch hatte ich das Gefühl, die Souterrain-Wohnung hatte Ihnen nicht ganz so zugesagt.“
Gut erkannt, dachte ich und wollte antworten.
„Frau Aroma, ich habe für Sie noch ein besonderes Angebot, das Sie sich unbedingt anschauen sollten.“
Johannes stand jetzt mit verschränkten Armen vor mir und deutete mit seinen Augen ins Esszimmer. Ich konnte mich kaum auf das Telefonat konzentrieren.
„Was sagen Sie dazu, Frau Aroma?“
Ups, ich hatte den Mittelteil wirklich überhört und verzog mich mit dem Telefon aufs Klo.
„Noch nicht überzeugt? Es sind zwei romantische Wohnungen unter dem Dach für Junggebliebene. In den nächsten Jahren wird das Dach gedämmt und dann bekommt auch jede Einheit eine eigene Toilette. Bis dahin kann diese Miete wirklich keiner unterbieten!“
Ich fragte mich, was der arme Mann verbrochen haben musste, dass er ausschließlich Schrott-Buden vermitteln durfte.
„Sind Sie noch dran?“
„Oh ja, na klar. Wissen Sie was?“, fragte ich matt, „Zu wann könnte ich in die Kellerwohnung einziehen?“
„Die Wohnung steht frei, also wann Sie wollen. Wenn Sie es ausprobieren wollen, können wir eine Sonderkündigungszeit von nur vier Wochen vereinbaren. Na, wie hört sich das an?“
Wie eine akzeptable Zwischenlösung, dachte ich und schwor mir meine nächste Wohnung erst zu kündigen, wenn ich eine bessere gefunden hatte.
„Treffen wir uns morgen Vormittag!“, sagte ich. Immerhin musste ich dann keine Bier-Zinsen an Herrn Meywald zahlen.
„Gut, morgen“, versprach der Makler, „ich muss nur noch eine Angelegenheit mit dem Schlüssel klären.“
Ein Problem weniger. Es war zwar kein lichtdurchflutetes Loft, aber die Bude verschaffte mir mehr Zeit. Im Frühling begann die Maskottchen-Saison im Freizeitpark und das brachte mir wieder mehr Geld. Bis dahin auf Sofas von Freunden zu wohnen war einfach nicht mein Ding. Also auf in einen neuen Lebensabschnitt, in meinem neuen Unterwelt-Zuhause.
Johannes hatte es offenbar nicht ausgehalten und in den letzten fünf Minuten seine Wohnung wieder in den Originalzustand versetzt. Wie schaffte er das nur so schnell?
„Morgen bist du mich wieder los“, zwinkerte ich ihm zu.
„War das gerade ein Makler am Telefon?“
„Kannst du mich um 9.00 Uhr hinfahren? Ist auch nicht so weit von hier.“
„Du ziehst aber nicht in dieses Loch“, sagte er und starrte ganz unnatürlich.
„Mit ein bisschen Farbe und Duftbäumen an der Decke wird es bestimmt ganz okay. Ist ja nur eine Zwischenlösung!“
Johannes ließ sich aufs Sofa fallen und stütze den Kopf in die Hände.
„Erinnerst du dich noch an Thorsten von früher?“, fragte er nach einer Weile. „Er ist jetzt Kammerjäger. Falls du ihn brauchst, ich zahl‘ dir das!“
So schlimm war die Wohnung nun auch nicht und je mehr sich Johannes aufregte, desto mehr freute ich mich plötzlich auf meine neue Bleibe.
„Ein Zuhause ist doch immer das, was du daraus machst!“, sagte ich und freute mich plötzlich.
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