Mein Bruder Johannes hatte mich erst am Dienstag auf dem Weg zur Arbeit nach ewigem Hin und Her mit dem Makler am vereinbarten Treffpunkt abgesetzt. Es hatte eine Weile gedauert, bis ich bepackt mit meinen Rucksäcken und Bettzeug den Eingang gefunden hatte. Tatsächlich existierte gar kein klassisches Geschäftsgebäude, sondern der Makler arbeitete von seinem umfunktionierten Wohnzimmer aus. Er bat mir einen Platz an seinem gläsernen Esstisch an. Sonst standen außer einem Fernseher nur noch zwei Sessel und eine Glasvitrine mit Pokalen im Raum.
„Wie schön, jetzt trinken wir ja doch noch zusammen einen Kaffee!“, lachte er und wischte seine Hände in die schlecht sitzende Anzughose.
„Mit Milch?“
„Ja bitte, einmal alles“, sagte ich. Mit ein paar Tassen süßem Milchkaffee im Magen, konnte ich mir vielleicht das Mittag sparen. Ich wollte mein Geld lieber für neue Wandfarbe in der Wohnung ausgeben.
Ich hörte die Kaffeemaschine in der Küche röcheln. Wow, hatte ich dieses Geräusch lange nicht gehört. Meine Geschwister verehrten ihre italienischen Vollautomaten und ich trank lieber Tee, weil das auch ohne Maschine ging.
„Frau Aroma!“, sagte er und stellte mir eine verbeulte Packung H-Milch vor die Nase, „ich habe gute Neuigkeiten für Sie. Ihr Schloss wird morgen Nachmittag ausgewechselt und dann können Sie schon einziehen.“
Ich starrte erst den Makler an, dann mein Gepäck.
„Oh ich dachte, Sie geben mir heute gleich den Schlüssel, ich habe meine Wohnung schon gekündigt“, sagte ich und ratterte im Kopf meine alternativen Schlafmöglichkeiten durch.
„Nun ja,“ antwortete der Makler und mit seinem Stuhl etwas näher.
„Der Vormieter hat seinerzeit den Schlüssel nicht wieder abgegeben und ist auch nicht ganz freiwillig ausgezogen.“ Er sprach nun immer leiser.
„Wir wollen doch nicht, dass Sie eines Nachts unliebsamen Besuch in Ihrer Wohnung haben.“
Na wunderbar, mein neues Kellerloch wurde von Minute zu Minute attraktiver.
„Dann bestellen Sie doch einen Schlüsseldienst“, schlug ich vor.
„Naja, sehen Sie, die Kosten! Das Haus hat einen eigenen Hausmeister, der das regelt. Allerdings kommt der erst morgen aus dem Urlaub zurück.“
Wo sollte ich bloß unterkommen? Zu Johannes zurück, wollte ich nicht und Marie kam auch nicht infrage. Meine Eltern würden mir mitleidig Geld geben, das wollte ich auf gar keinen Fall. Jennas Haus war schon voll genug mit ihren Kindern, also blieb nur noch Vieke, meine beste Freundin aus der Grundschule, die ich viel zu selten sah. Hoffentlich hatte ich überhaupt eine aktuelle Telefonnummer.
„Ist alles in Ordnung, Frau Aroma?“ Der Makler war noch etwas näher gerückt. “Ich wollte Sie nicht erschrecken.“ Ich stütze meinen Kopf mit der Hand und dachte nach.
„Ich hätte auch ein Gästezimmer frei“, sagte der Makler ganz unvermittelt und strich sich die strähnigen Haare zurück. Lieber eine Woche bei Vieke im Hühnerstall schlafen, als noch eine Sekunde länger in diesem seelenlosen Wohnzimmer verbringen, oder gar im Gästezimmer. Meine Haare stellten sich auf und ich unterdrückte ein Schütteln.
„Wir treffen uns morgen Abend vor der Wohnung, dann können Sie mir den Schlüssel geben“, sagte ich und schnappte meine Rucksäcke. Bevor er antworten konnte hatte ich die Wohnung verlassen und marschierte zum Bahnhof, denn Vieke wohnte auf dem Land, irgendwo im Nirgendwo.
Zwei Stunden, zwanzig Euro und 70 Zug-Kilometer später stand ich auf dem Bahnhof in Soltau und versuchte Vieke endlich ans Telefon zu bekommen. Es nieselte und der frostige Winterwind pustete mir die Ohren rot. Am nächsten Tag hatte ich um 10 Uhr Dienst im Büromarkt, deshalb suchte ich mir gleich schon die passende Verbindung für den Rückweg. Ich konnte die Tafel kaum lesen, so sehr tränten meine Augen. 6:55 Uhr. Feiner Hagel peitschte wie Nadelspitzen in mein Gesicht. Ich stellte mich in die Bahnhofshalle und versuchte es wieder.
„Hey Iso,“ meldete sich Vieke endlich auf der anderen Seite des Telefons, „wir haben ja lange nicht gesprochen.“
Sie holte mich mit ihrem umgebauten Hippie-Bus ab und wir quatschten, als hätten wir uns erst gestern gesehen. Mittags saßen wir gemeinsam am Kamin ihres Ferienhauses und ich konnte mein Glück kaum fassen. Einen Teil des Hofes bewohnte Vieke mit ihrem Mann, den Rest vermieteten beide an Feriengäste.
„Im Februar steht manchmal was leer, kannst also hier schlafen und dir die Sauna anmachen.“
Wahnsinn, Urlaub statt Obdachlosigkeit. Ich spürte, wie mir warm wurde und die Energie wieder in meinen Körper zurückkehrte. Ich erzählte ihr meine ganze Geschichte und auch von der Wette, die ich mit Marie laufen hatte.
„Kann ich ein Selfie mit deinen Hühnern machen?“
Vieke schaute mich lange an und verschwand schließlich ohne ein Wort. Als sie zurückkehrte, schleppte sie zwei große IKEA-Tüten mit sich.
„Ich habe etwas viel Besseres. Das wird Marie umhauen und dann gewinnst du die Wette!“
Vieke und meine Schwester waren in der Schule nicht besonders gut miteinander ausgekommen und so wurde mein Projekt nun auch zu Viekes.
„Los, lass uns Spaziergänger erschrecken!“
Grundschul-Freundin Vieke
„Zieh das mal an!“
Ich griff in die Tüte mit gelber Ballonseide und zog etwas gigantisch Unförmiges heraus.
„Steig hier rein, zieh das Band zu und mach den Ventilator an!“
Vieke selbst hatte sich die andere Tüte geschnappt und steckte schon zur Hälfte in einem schlaffen, orangenen Sack.
„Gebläse an!“, rief sie durch den zugezogenen Reißverschluss und wie von Zauberhand blähten sich unsere schlabberigen Beutel zu übergroßen Tierkostümen auf.
„Ha, damit rechnet Marie niemals!“, rief Vieke über das Gebläse hinweg und riss mit ihrem aufgeblasenen Dinosaurier-Kopf beinahe die Deckenlampe ab. Ich selbst steckte in einem Känguru-Kostüm mit ultra-breiten Hüften. Die Luft strömte kühl durch das Gebläse und die Kostüme bliesen sich immer größer auf.
Wir quetschten uns nach draußen und hampelten gegen den Wind auf den Wall hinter dem Haus.
„Los, lass uns Spaziergänger erschrecken!“, schlug Vieke vor und waberte mit ihrem Dino-Kostüm über das nasse Gras. Der Gegenwind knickte ihren übergroßen Kopf nach hinten ab und ich konnte mich kaum halten vor Lachen. Mein Kostüm war praktischer, denn ich steckte wie ein Känguru-Baby nur mit den Beinen im Beutel des Kostüms. Mein Oberkörper guckte heraus und ich hatte perfekte Sicht auf das Spektakel.
„Fang mich, wenn du kannst!“, rief sie und rannte davon.
Der Wind blies ohne Gnade und deformierte unsere luftigen Tierkörper wie betrunken in alle Richtungen.
„Achtung, Kuhfladen!“, brüllte Vieke durch das Kostüm, sprang und landete trotzdem mit dem Schwanz mittendrin.
„Juhu!“, jubelte sie, denn leider reichte ihr Blick nicht besonders weit und sie merkte nichts davon. Stattdessen rannte sie fröhlich mit braunen Schlieren am Dino-Ende weiter.
„Mach schnell ein Selfie, dann kannst du Marie umhauen!“

Am Ende stank ihr Kostüm erbärmlich und mein Känguru hatte einen Riss am Hintern, aber ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal in meinem Leben so einen Spaß hatte.
Ich gönnte mir einen entspannten Abend in der Ferienhaus-Sauna, während Vieke ihrem Dino-Kostüm bei sich im Haus ein Bad eingelassen hatte. In diesem Moment war ich dem Makler beinahe dankbar, dass er das Schloss zu meiner neuen Wohnung noch nicht ausgetauscht hatte. Ich schlüpfte in einen der bereitliegenden, flauschigen Bademäntel und setzte mich zum Ausdampfen mit meinem Handy auf die Terrasse. Drei entgangene Anrufe mit unbekannter Nummer. Ich fragte mich, ob das der Makler sein konnte, da klingelte es ein viertes Mal.
„Frau Isolde Aroma?“
Wenn jemand meinen vollen Namen aussprach, konnte das nichts Gutes bedeuten. Alles was offiziell klang war irgendwie mit Ärger oder Kosten verbunden.
„Polizeidienststelle Nord, sind Sie die Fahrzeughalterin des blauen VW Golfs in der Credulus Straße?“
Bei den Worten Polizei und Fahrzeughalter wurde mir schlecht.
„Was ist denn passiert?“, fragte ich den Polizisten auf der anderen Seite.
„Uns wurde gemeldet, dass eine Tür offen steht, also haben wir den Wagen vorsorglich abschleppen lassen, als wir Sie nicht erreicht haben. Es ist allerdings völlig überladen, weshalb wir vermuten, dass nicht viel fehlen kann.“ Ich atmete erleichtert aus.
„Sie können ihr Auto morgen in der Verwahrstelle Ordoweg abholen, vorausgesetzt, Sie entladen es vorher.“
Na klar, nichts leichter als das. Wie sollte ich meinen halben Hausstand ohne Auto vom anderen Ende der Stadt in die neue Wohnung schleppen?
„Bringen Sie morgen am besten Einen Bekannten mit Fahrzeug und Anhänger oder einem Transporter mit, denn so können wir Sie mit dem Wagen nicht vom Hof fahren lassen.“
Hänger? Vielleicht hatte Herr Meywald aus der alten Wohnung einen Fahrradanhänger. Etwas Besseres fiel mir spontan nicht ein. Wie ich das leere Auto dann von der Polizeistelle abtransportieren sollte, stand auf einem anderen Blatt.
Wir beendeten das Gespräch. Die Sauna-Wärme war verflogen und ich spürte wieder den kalten Wind auf der Haut. Es klopfte an der Eingangstür und Vieke kam herein. Sie hielt mir das schlaffe Känguru-Kostüm entgegen.
„Ich hab den Riss mit Tape geklebt, aber so kann ich es nicht mehr vermieten. Willst du es haben?“ Dankend nahm ich ihr das Tier ab und hatte auch schon eine Idee, was ich damit anfangen wollte. Ich musste eine neue Wohnung gestalten und mochte die Vorstellung, wieder ein ulkiges Tier über mein Bett zu hängen. Ich freute mich schon auf Lissys Gesicht. Die zerstörte Prinzessin-Power-Pony hatte einen würdigen Nachfolger gefunden.
Hinterlasse einen Kommentar