8. Pumpkin und TNT

Ich sah aus wie ein vollgepackter, amerikanischer Zeitungsjunge, der die Nachrichten eines ganzen Monats auf dem Fahrrad hinter sich herzog. Die elf Kilometer hin zur Verwahrstelle der Polizei waren ja noch gegangen, aber nun zurück mit Umzugskartons und Sofakissen waren eine andere Nummer. Meine Füße glühten vom Strampeln in die Pedale und ich befürchtete, irgendwo zwischen meiner neuen Wohnung und dem Stadtwald umzukippen. Hoffentlich hielten die Spanngummis und Schnüre, die ich kreuz und quer über meinen Kram gespannt hatte.

Zum Glück besaß Herr Meywald nicht nur diesen Fahrradanhänger, den ich mir für heute ausleihen durfte. Ich hatte ihn auch noch breitgeschlagen, mir meine eingelagerten Möbel mit dem Auto vor die Tür meiner Kellerwohnung zu stellen. Irgendwann, wenn seine Frau zum Friseur ging und nichts mitbekam, das war der Plan. Der Mann führte sein halbes Leben an dem seiner Frau vorbei, wie es aussah. Jetzt hieß es für mich Daumen drücken, dass die Möbel schon auf mich warteten. Links, rechts, schneller treten!

Mein Kellerraum in der alten Wohnung stand immer noch halbvoll mit meinem Kram, aber der Vermieter erlaubte mir, die Sachen zwei Wochen länger zu lagern. Bingo! Mehr Zeit die Sachen zu zu Geld zu machen und wenn es nicht anders ging, musste ich eben doch noch zum Flohmarkt. Fürs Erste versuchte ich es weiter über Schrott-zu-Schotter und hoffte, dass Herr Meywald mir die Tür in den Keller öffnete, wenn ich einen Käufer fand.

Die Sonne schien vom blauen Winterhimmel hinab und mein Schweiß bahnte sich den Weg meinen Rücken hinunter in die Freiheit. Nur noch eine Häuserecke mit meinem wackeligen Fahrradgespann und ich hatte die neue Wohnung erreicht.

Mein alter Nachbar hatte Wort gehalten und alle Möbel fein säuberlich vor meiner Tür im Souterrain gestapelt. Ja, genau, direkt vor meiner Tür. Da stand ich nun, vor den Stufen hinab zu meinem Untergrund-Vorgarten und überlegte. Welche Reihenfolge ergab Sinn, damit nichts aus dem Anhänger geklaut wurde? Ich fummelte meine Sicherheitsgummis vom Anhänger ab und lud mir alles auf die Arme, was ging.

„Soll ich Ihnen helfen?“, fragte mich eine junge Männerstimme vom Fußweg hinter mir.

Ich drehte mich um. Der Mann hatte zwei Hunde bei sich, die unterschiedlicher nicht sein konnten. In seinen Armen trug er eine weiße, wuschelige Wolke, wie ein Baby. An seinem Handgelenk aber spannte sich eine straffe Leine mit dem kompletten Gegenteil am anderen Ende. Der schwarz-weiße Hund zerrte wie eine Rakete.

„Oh, Zwillinge?“, lachte ich und atmete schwer mit den Kissen auf meiner Bücherkiste im Arm.

„Ziehen Sie in den Keller?“

Nachbar mit Hunden

„Soll ich?“, fragte er und balancierte seinen Hund so um, dass er drei Finger frei gewühlt hatte.

„Geht schon“, sagte ich, „du trägst ja selbst schon was.“

Ich musste jetzt entscheiden, Small Talk und Sachen wieder abladen oder schnell ins Haus und nicht zusammenbrechen.

„Ziehen Sie in den Keller?“, fragte er, als ich meinen ersten Fuß auf die Stufen gesetzt hatte. „Das wusste ich nicht! Dann hätte ich alles vorbereitet.“

Vielleicht war das der Hausmeister, dachte ich. Jedenfalls wollte er sich kümmern und ich hatte wieder Glück mit meinen Nachbarn. Erst der nette Herr Meywald, der mir den Fahrradanhänger geliehen hatte und jetzt-

Mein linker Fuß glitschte weich zur Seite und die Sofakissen auf meiner Kiste gerieten bedenklich ins Wanken. Beinahe hätte ich den schnellen Weg, Gesicht voran, ins Souterrain genommen.

„Warten Sie, ich mach das“, sagte der junge Mann und setzte seinen Hund auf den Gehweg. Den Zweiten band er mit der Leine am Zaun fest, während dieser bellte und mit aller Kraft versuchte, das Halsband zu sprengen.

Anstatt mir die Kissen abzunehmen, zog der Nachbar einen kleinen, schwarzen Plastikbeutel aus der Tasche und huschte gebückt vor mir her.

„Hier war so lange keiner“, sagte er und grabbelte an meinem Schuh herum. Ich begriff jetzt, warum er immer neue Beutel aus der Tasche zog.

„Pumpkin kann nicht mehr so weit laufen. Da habe ich ihn einfach immer nach hier unten geschickt und einmal die Woche alles eingesammelt.“ Ich verstand ihn kaum, so laut bellte seine Hündin an der Leine.

Ein stechender Geruch nach verdauten Rinder-Innereien stieg mir in die Nase. Warum war mir das nicht früher aufgefallen? Offenbar hatte der Makler vor meinem Besuch nicht nur die gelben Säcke aus dem Weg geräumt, sondern die Tretminen von Pumpkin, der weißen Fell-Wolke, gleich mit.

„Ich heiße übrigens Iso“, keuchte ich mit schmerzenden Armen.

„Ich bin der Nachbar aus dem zweiten Stock links“, sagte der Hundebesitzer und verknotete seinen letzten Beutel. Vier Stück baumelten davon jetzt zwischen seinen Fingern. Der widerliche Geruch von meiner Schuhsohle blieb.

„Also vielleicht bringe ich erst mal die Hunde rein“, sagte der Nachbar und gestikulierte dabei in Richtung Haupteingang nach oben. Die Beutel schlenkerten in seiner Hand und ich konnte nirgends anders hinsehen.

„Ich meine, ich helfe Ihnen als Wiedergutmachung!“

Hör auf zu schlenkern, dachte ich, da riss die Naht an der Unterseite eines der Beutel auf und ein braunes, rundes Geschoss flog knapp an mir vorbei auf die Stufen.

Mit aufgerissenem Mund sah er richtig witzig aus, fast wie eine panische Comic-Figur.

„Wir teilen uns die Arbeit“, schlug ich vor und grinste, „ich die Möbel, du deine Hundesachen.“

Er nickte und versuchte, mit einem neuen Beutel meine Treppe sauber zu bekommen. Ich musste wohl größere Schritte machen. Die Bücherkiste stellte ich auf meinem kissenlosen Sofa vor der Tür ab. Mit diesem stinkigen Schuh wollte ich meine neue Wohnung nicht einweihen. Ich streifte beide Sneaker an der untersten Stufe von den Füßen ab und lief auf Socken zurück zum Eingang. Durch die Beine meines Küchentisches hindurch kam ich an das Schloss. Zum Glück öffnete die Tür nach innen.

Home Sweet Home. Nach Kneipe roch es immer noch, aber die Alternative, mit meinen Fenstern zum Hundeklo hin zu lüften, verwarf ich ganz schnell wieder.

Ich zog zwei originalverpackte Duftbäume aus meiner Jackentasche. Einzugsgeschenk von Johannes in den Sorten Forest-Waldmeister-Spirit und Yummy-Schoko-Bisquit-Parfait. Das klang nach einer vielversprechenden Geruchs-Kombination und typisch nach meinem Bruder. Ich verknotete die Bändchen am oberen Ende meines Duschvorhangs. Jetzt nur nicht die Hälfte meiner Sachen auf der Straße vergessen. Außerdem brauchte Herr Meywald seinen Anhänger noch vor dem Abend zurück.

Ein Geräusch irritierte mich, etwas, das ich beim letzten Besuch hier unten noch nicht wahrgenommen hatte. Es kam aus der Küchenzeile. Ich legte mein Ohr an den brummenden Kühlschrank, den ich gar nicht eingesteckt hatte und öffnete die Tür. Die grelle Innenbeleuchtung strahlte mich an. Die Fächer standen leer, aber in der Mitte thronte eine einzelne kleine Torte mit einem handgeschriebenen Schildchen davor.

Wenn Sie noch Kaffee brauchen, rufen Sie mich einfach an.

Briefchen vom Makler

Die Nummer kannte ich, aber lieber würde ich den Kuchen mit einer Familie Kakerlake teilen, als mit dem Immobilienmakler. Kakerlake erinnerte mich wieder an meine Wette mit Marie. Vielleicht fand ich in einem der Fensterrahmen ein Insekt für ein gemeinsames Selfie. Allerdings musste das einigermaßen groß sein, damit man es auf dem Foto überhaupt sah. Vielleicht eine Winkelspinne.

Als ich mich umdrehte und der Nachbar aus der zweiten Etage mit einem Umzugskarton in den Händen vor mir stand, kam mir eine bessere Idee.

„Wenn ich hier fertig bin, kann ich mir dann einen deiner Hunde für ein Selfie ausleihen?“

Der Nachbar zog seine Stirn in Falten.

„Warum?“

„Das ist so eine Wette mit meiner Schwester“, fasste ich kurz zusammen, „also kann ich?“

„Meinetwegen“, sagte er und zuckte mit den Achseln. „Dann nehmen Sie aber TNT, Pumpkin schläft den ganzen Tag und kann nicht mehr gut aufstehen.“

TNT? da war der Name wohl Programm, dachte ich und freute mich, dass die Foto-Variante mit Spinne erst einmal vom Tisch war.

Ich baute meine Möbel in Rekord Geschwindigkeit auf. An den neuen, merkwürdigen Geruchsmix hatte ich mich auch schon gewöhnt. Nur mein Bett stellte sich an. Das Fußende passte nicht in die Nische unter der Treppe, die ich mir so gemütlich zur Schlafkoje herrichten wollte. Also legte ich meine Matratze erst einmal auf den Boden, bis mir jemand eine Säge auslieh. Das geflickte Känguru-Kostüm pinnte ich dieses Mal mit ganzen vier Reißzwecken von unten an die Holzstufen. Es schwebte wie ein gewölbter, gelber Betthimmel über der Matratze.

In der Mitte des Raumes stand meine Sitzecke mit Couchtisch. Wenn ich später noch ein Stück Stoff vor meinem Bett anbrachte, ging die neue Bude glatt als Zwei-Zimmer-Wohnung durch.

TNT

Anderthalb Stunden später stand der Nachbar mit seiner Hündin vor der Tür. TNT raste mit schleifender Leine hinein, beschnupperte mich kurz und schnüffelte sich dann wie ein Trüffelschwein von Ecke zu Ecke.

„Ich habe einen Kuchen“, sagte ich zum Nachbarn, aber der hob seine Hand und schüttelte den Kopf.

„Danke, ich esse keinen Kuchen!“

Uns so kam es, wie ich es vorhergesehen hatte. Zwar teilte ich die Torte nicht mit einer Kakerlake, dafür aber mit einer Rakete auf vier Beinen namens TNT. Ich konnte gar nicht so schnell gucken, wie sie sich auf dem Tisch an der Sahne und den Erdbeeren bedient hatte. Klick! Selfie-Challenge erfüllt!

Wie mein netter Nachbar nun heißt, das weiß ich immer noch nicht.

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