Ich lag auf meiner Matratze unter der Treppe und zählte die Stufen. Das schlaffe Aufblaskänguru verdeckte zwar einen Teil davon, aber an den Seiten guckten die grau lackierten Kanten hervor. Ich streckte meine Beine in die Höhe und berührte mit den Zehen die Stufen. Auch ein gutes Fotomotiv, dachte ich… ‚unter der Treppe laufen‘. Die Idee hob ich mir für später auf. Erstmal brauchte ich von meiner Schwester das aktuelle Fotothema für März. Der Kalender zeigte bereits Freitag, den 4. und Marie hatte sich noch nicht gemeldet. Sah ihr gar nicht ähnlich. Allerdings hatten wir nach unserem Streit, als Lissy Kopf voran in meinem Auto feststeckte, auch nicht mehr miteinander gesprochen.
Ich setzte mich auf und schlüpfte in meine flauschigen Tatzenhausschuhe. Beim Laufen musste ich aufpassen, dass ich nicht stolperte. Das Fensterleder, das ich als Sohlenersatz darunter geklebt hatte, hielt nicht richtig und schlappte bei jedem Schritt in die falsche Richtung. Dafür waren diese Schuhe so unglaublich weich, dass ich mich unmöglich von ihnen trennen konnte.
So tappte ich nach draußen in die Kälte. Ich stellte mich auf Zehenspitzen und lugte mit einem Auge in die Briefkastenklappe. Leer, wie immer. Stopp! Wie immer? Erst seit ich hier wohnte. Shit! Meine Schwester kannte die neue Adresse überhaupt nicht und ich hatte vergessen, einen Nachsendeantrag zu stellen. Wer weiß, wie mein alter Briefkasten aussah. Aber das Problem musste warten. In zwei Stunden begann meine Schicht im Büromarkt, heute an der Kasse. Zum Glück. Alles war besser als der Copyshop. Wenn Kunden ihre Poster 23% verkleinert auf eine Doppelseite A5 mit extra breitem Rand bestellten, zuckte mein Gehirn nur mit den Achseln. Die Arbeit im Copyshop war wie die Quantenphysik des Marktes, Kasse eher wie Sanatorium.
Meine Schicht ging heute bis vier. Alles etwas knapp, wenn ich meinen alten Nachbarn Herrn Meywald erwischen wollte. Wir hatten telefoniert, aber zur Not öffnete mir sicher auch ein anderer Nachbar. Ich steckte den Schlüssel zum Vorhängeschloss meines alten Kellers ins Portemonnaie und schlüpfte startklar in meine Jacke. Ein paar Sachen wollte ich aus meinem alten Keller mitnehmen, schließlich konnte ich den Raum nicht ewig als Lager benutzen. All meine Stoffbeutel stopfte ich also in einen Rucksack und radelte zum Büromarkt.
„Lies das lieber, bevor du gehst! Nächste Woche kriegen wir Besuch.“
Kollegin im Büromarkt
Die Zeit huschte vorüber. Heute war der Markt gut besucht und ich merkte gar nicht, dass es bereits nachmittags war. Meine Kollegin übernahm die Kasse und drückte mir dabei einen offiziell aussehenden Zettel in die Hand.
„Lies das lieber, bevor du gehst! Nächste Woche kriegen wir Besuch.“
Ich brachte meiner Chefin das Geld aus der Kasse ins Büro und ihr Blick fiel auf das Papier, das ich zwischen die Finger geklemmt hielt.
„Nehmen Sie das ernst“, sagte sie und zeigte darauf.
Also las ich. Mysteryshopper. Das Schreckgespenst aller Pausengeschichten. Vom ungeduldigen Manager bis zur verwirrten Unentschlossenen. Nun kam so eine geheimnisvolle Person auch zu uns in den Markt, um uns als falscher Kunde zu testen. Aber ich machte mir keine Sorgen. Freundlich sein und sich nicht provozieren lassen, check. So schwer konnte das nicht sein. Ich würde einfach auf komplizierte Kunden achten, dann klappte das schon. Mehr Sorge bereitete mir mein Briefkasten und ich beeilte mich lieber.
Vor der Tür meiner alten Wohnung rief ich Herrn Meywald noch einmal an. Er drückte mich weg. Wahrscheinlich stand seine Frau gerade neben ihm. Ich beschloss stattdessen alle Klingelknöpfe zu drücken. Brauchte ich gar nicht. Neben dem Türschloss steckte ein winziges Stück Pappe, kaum sichtbar. Aber mir war der Farbunterschied aufgefallen. Die Tür konnte so nicht ins Schloss fallen. Danke, lieber Nachbar, dachte ich und stellte mir vor, wie er gerade zufrieden grinsend hinter seiner Gardine stand.
Im Treppenhaus roch es nach zu Hause. Eine Mischung aus altem Lack und stickiger Stadtluft. Mit einem Mal ploppten alte Erinnerungen hoch. Zuerst an Lissy und unsere gemeinsamen Abenteuer im Haus. Den Treppenputzdienst, den wir uns mit Spüliwasserbomben versüßt hatten, unsere Tierstimmenklingelstreiche bei den Nachbarn und all die verrückten Backexperimente. Lakritzmuffins mit Erdnussbutter – herrlich! Ich vermisste mein gemütliches Bett mit Füßen und Lattenrost. Im Vergleich lag die Matratze jetzt auf dem Boden wie eine Betonplatte.
Es fiel nur wenig Licht in den Flur, also schaltete ich die Lampen ein. Schon war es vorbei mit der nostalgischen Rührseligkeit. In diesem Moment hätte jeder sagen können, welcher Briefkasten mir gehörte. Aus der Klappe quollen so viele Werbeprospekte, dass die eigentlichen Briefe bereits obendrauf gestapelt lagen. Mein erster Instinkt war Augen zu und weglaufen. Ein mit Klebeband angepinnter Zettel mit der Aufschrift „bitte räumen“ versprach insgesamt nichts Gutes. Ich sammelte alles ein, das irgendwie nach Post aussah und fischte die verklemmten Zettel mit spitzen Fingern aus dem Kasten. Das kannte ich schon von früher. Dann stapfte ich mit meinem Bündel des Schreckens in den Keller. Ich verzog mich in meinem Abteil und ließ mich auf einen Sack Altkleider fallen. Der Schirm steckte nach wie vor zwischen zwei Kartons und hielt tapfer den Abstand. Wenn jetzt mein ganzer Kram über mir zusammenbrach, brauchte ich wenigstens die Post nicht öffnen. Werbung links, Briefe rechts, wie Aschenputtel. Der Brief meiner Schwester fiel mir sofort ins Auge, denn er klapperte und war dicker als der Rest. Ich steckte ihn in meine Jackentasche. Das Rätsel hatte Zeit bis zu Hause.
Am meisten beunruhigte mich die Nachricht, dass mein Auto jetzt auf dem Hof eines Abschleppdienstes stand und tägliche Gebühren anfielen. Toppen konnte das nur die Notiz meines ehemaligen Vermieters. Bitte räumen Sie ihren Keller und Briefkasten bis zum 5. März. Heute. Zwei Wochen lang hatte der Brief im Kasten gelegen und jetzt stand ich da, mit meinen Einkaufsbeuteln vor einer riesigen Lawine Kram. Es half nichts. Ich holte mein Telefon heraus und telefonierte ein paar Freunde durch.
Meinen Bruder Johannes hatte ich nach langem Zögern auch angerufen. Mit seinem Roadster konnte er nicht viel transportieren, aber er überraschte mich. Als Erster erschien er vor dem Haus und half mir, alle Säcke mit Kleidung zu verladen.
„Marie kommt in einer halben Stunde“, sagte er, als wir wieder die Treppe hinabstiegen.
Ich zuckte zusammen.
„Ich habe sie gar nicht angerufen!“
„Weiß ich“, sagte er, „ich aber! Und ich weiß auch, dass ihr gerade nicht miteinander redet. Also, bester Zeitpunkt wieder damit anzufangen!“
Er klopfte mir auf die Schulter und ließ mich verdattert auf der Treppe stehen.
Als wir wieder auf die Straße traten, traute ich meinen Augen kaum. Harald hatte die Reptilien-WG im Schlepptau mit Lieferwagen. Kurze Zeit später bogen meine Freundin Jenna und meine Schwester mit ihrem Mann um die Ecke. Jetzt waren wir zu neunt, eine Ameisenkolonne zwischen Keller und Straße. Nach knapp einer Stunde gähnte mich mein ehemaliger Keller leer an. Der Raum hatte nichts mehr von dem Kistenchaos vor einer Stunde gemein. Ich schloss die Tür und steckte das Vorhängeschloss in meine Jackentasche zu Maries Brief. Das war’s dann wohl. Als ich die Haustür das letzte Mal hinter mir ins Schloss fallen ließ, waren alle verschwunden. Nur Johannes wartete mit laufendem Motor.
„Komm, die anderen sind schon auf dem Weg zu deiner neuen Wohnung.“
Im Auto brachte ich kein Wort heraus und blinzelte mir eine Träne weg. Mein Bruder sah zu mir herüber und lächelte mich an.
Neben meiner Haustür stapelten die Reptilienjungs bereits meine Kartons in die Höhe. Ich schloss auf und wir stellten gemeinsam alle Sachen in die Mitte des Raumes. Maries Blicken war ich bis jetzt erfolgreich ausgewichen. Als alle wieder draußen vor der Tür standen, erwischte sie mich doch.
„Sag nächstes Mal einfach früher Bescheid.“ Sie drückte meinen Arm und sah mich an.
„Wir müssen los“, sagte sie, „vergiss das Selfie nicht!“
Abends lag ich angezogen auf meiner Matratze und ließ den Blick von Ecke zu Ecke wandern. Neben der Schlafnische war das Klo der einzig andere freie Platz. Im Halbdunkel ragten die Kartons wie Wolkenkratzer in die Höhe. Die Kleidersäcke darunter waren Büsche und Bäume. New York und der Central Park! Ich lag in meiner Schlafhöhle mit Blick auf Manhattan. Irgendwie kuschelig und mir wurde klar, dass ich das alles nie alleine geschafft hätte.

Maries Brief steckte noch in meiner Jacke. Ich fischte ihn heraus und kippte die Holzbuchstaben auf mein Bett. R-U-K-S-T-U-R-T Ich grübelte und versuchte das Buchstabenrätsel zu lösen.
Über mir knarrte die Holztreppe, aber es klang anders als sonst. Die Schritte wirkten zögerlich und langsam und hörten direkt über meinem Kopf auf. Ich lauschte und hielt die Luft an. Stand da gerade jemand bewegungslos, nur ein Holzbrett und etwas Ballonseide entfernt, über mir? Ich presste die Lippen zusammen. Die Schritte setzten sich wieder in Bewegung und ich atmete auf.
STRUKTUR! Das war die Lösung für den Buchstabensalat vor meinen Augen und das nächste Selfiethema für den März. Keine Ahnung, was ich daraus machen sollte. Hauptsache es war einfach. Vielleicht konnte ich auf die Schnelle irgendwas mit Schach improvisieren. Ich räumte die Buchstaben zur Seite und putzte mir die Zähne. Heute rief mich nur noch das Bett, der Rest musste bis morgen warten.

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