Ich schlürfte morgens den restlichen Krautsalat vom Vorabend aus der Schüssel. Mein neues Lieblingsrezept – Weißkohl, heißer Essig und etwas würzen, fertig! Billiger ging’s nicht. Draußen legte der Frühling los, mit kleinen Krokussen entlang meiner Treppe. Besser konnte der Tag nicht beginnen.
Meine Schwester Marie hatte sich mit dem neuen Thema für ihre Selfie-Challenge ein Eigentor geschossen. Das Thema lautete Struktur und sie hatte mich in ihr traumhaftes Büro bestellt. Heimspiel! In dem Prachtbau fand ich an jeder Ecke passende Locations und das Bild war praktisch schon erledigt. Meine Nichte Lissy ging heute nach der Schule ebenfalls zu meiner Schwester ins Büro und wir wollten später einen lustigen Tante-Nichte-Nachmittag verbringen. Aber erst hatte ich noch Dienst im Büromarkt.
Die Stimmung war angespannt, als ich durch die Glastür trat. Keine meiner Kolleginnen wusste, ob sie es gerade mit einem echten Kunden oder einer Testperson zu tun hatten. Besonders meine jungen Kolleginnen reagierten geradezu panisch, wenn jemand sie ansprach.
Ich schaute auf den Einsatzplan und sofort setzte mein Fluchtreflex ein. Ausgerechnet in dieser Woche, in der hier jederzeit ein Mystery Shopper auftauchen konnte, wurde ich im Copyshop eingeteilt. Das bei meiner Kopiererbegabung. Im Grunde führte das Ding doch ein Eigenleben, fraß das Papier oder wollte mich ärgern. Ich schlurfte in die Abteilung und begann das Zubehör aufzufüllen.
„Guten Tag!“, sagte eine freundliche Frauenstimme und ich legte die verhedderten Spiralbindungen beiseite.
„Kann ich Ihnen helfen?“ Eine Spirale hatte sich an meinem Ring verfangen und ich versuchte sie unauffällig abzuziehen. Bitte frag nach A4 Kopien, eine Vorlage, 100 Stück, dachte ich.
„Ich hätte gerne Einladungsbriefe für unsere Taufe. Die Hälfte in Deutsch A4, die andere in Englisch im US-Letter-Format.“
Immer freundlich gucken und lächeln. Mein toller Plan ging nicht auf! Grinsen reichte hier nicht. Sie hatte mich erwischt und ich begann zu stottern.
„Hm, Letter-Format? Einen Moment bitte.“ Ich stellte mich hinter einen Großdrucker und tippte nervös auf meinem Handy herum. Alle Angaben, die mir die Suchmaschine ausspuckte, standen dort in Inch statt Zentimeter. Jetzt musste ich auch noch umrechnen.
Sie gab mir ihren USB-Stick mit den Daten. Eine Viertelstunde später und nun auch im Streit mit der Schneidemaschine, hielt ich ihr die gewünschten Briefe entgegen. Zeitlich keine Glanzleistung, aber immerhin guckte sie freundlich und machte sich keine Notizen.
Unter meinen Achseln hatten sich metergroße Schweißflecken gebildet. Ich bereute es, ein Synthetikshirt angezogen zu haben und behielt meine Arme den Rest des Tages an den Körper gepresst.
„Gehen Sie bitte auf die Fläche, facen und blocken! Ich übernehme hier“, sagte meine Chefin. Welche Erleichterung – Regale füllen. Immer schön die Ware nach vorne, abschließend zum Regalboden. Ich klemmte mir einen Karton Kleberollen unter den Arm und lief los. Im Büromöbelgang polterte etwas. Ich änderte meine Richtung und sah nach.
Eine ältere Dame quetschte sich durch die Auslage der Bürostühle und versuchte, ein Modell aus der zweiten Reihe hervorzuzerren. Aha, alte Dame plus komisches Problem! Das musste eine Mystery Shopperin sein. Was, wenn sie zu tief hineinklettern und nur noch mit den Füßen aus der Doppelreihe Bürostühle hervorgucken würde? Wie Lissy in meinem Umzugsauto.
Ich half ihr. Wir zerrten und verschoben gemeinsam, bis sie zufrieden den Wagen mit ihrem Boss-Master-3000 Bürostuhl zur Kasse rollte.
Dann Geschrei im Stiftegang. Ich lief hin, um nachzusehen. Ein Kindergartenkind hatte sich überlegt, die Permanent Marker nicht nur auf den ausgelegten Blöcken, sondern gleich auf allen Regalen zu testen. Tief durchatmen, Iso. Das hier waren also die eigentlichen Testkunden, die meine Ruhe und Diplomatie testen sollten. Haha, so schnell kriegten sie mich nicht. Ich blieb gelassen und beruhigte das Kind.
Am Ende meiner Schicht sackte ich müde auf einen Klappstuhl im Frühstücksraum. Heute war ich wie bei einem Brand von Glutnest zu Glutnest gerannt und hatte keine Vorstellung, wer von all diesen Katastrophen die wirklichen Testkunden waren. Ich freute mich auf das Feedback meiner Chefin nächste Woche, wenn der Testbericht der Mystery Shopper ankam. Ich war freundlich geblieben und hatte alle Probleme gelöst.
Am frühen Nachmittag stand ich mit Kameratasche und Stativ vor Maries Bürogebäude. Denkmalgeschützter Altbau. Wer da rein ging, wollte nie wieder raus. Mir rettete der Bau heute die Selfie-Challenge.
Lissy saß schon am Empfangstresen und wartete auf mich. Mann, hatten wir uns lange nicht gesehen. Sie lief mir entgegen und sprang mir in die bepackten Arme. Uff.
„Deinen Schulranzen lassen wir aber hier“, schlug ich vor. Den sollte Marie mitnehmen. Auf Hausaufgaben war ich nämlich nicht vorbereitet. Lissy und ich hatten andere Pläne.
„Hilfst du mir beim Fotografieren?“ Sie zögerte und schüttelte den Kopf.
„Ich kann das gar nicht.“
„Macht nix, ich habe einen viel besseren Job für dich. Aufpasserin sozusagen!“ Lissy freute sich, schnappte sich ihre Jacke und wir verabschiedeten uns von der Empfangsdame. Marie saß sicher in einem Meeting oder telefonierte.
„Tante Iso? Warum hast du ein Kleid an?“, fragte meine Nichte, als ich mit dem Stativ planlos im Treppenhaus umherrannte.
„Für’s Foto. Ist eigentlich viel zu kalt draußen, aber ich fand es ganz schön.“ Ich entschied mich für einen Platz mitten im Treppenhaus.
„Was soll ich machen, Tante Iso?“
Ich hockte mich vor sie und hielt ihre Schultern.
„Dein Job ist unglaublich wichtig! Wenn einer kommt, dann sagst du: Hier gibt es nichts zu sehen, bitte gehen Sie weiter! Kannst du dir das merken?“
Aus einer Seitentür kamen zwei Geschäftsleute, die sich unterhielten. Einer blickte zu uns herüber.
„Gehen Sie weiter!“, rief Lissy mit wichtiger Miene.
Die beiden Männer blieben kurz stehen und guckten. Dabei stolperte einer über das abstehende Bein meines Stativs.
„Hier gibt es nichts zu sehen!“, rief Lissy und scheuchte die Männer mit ihrer Hand weg.
Ich hatte meine Nichte unterschätzt. Oder meine Schwester färbte schon auf Lissy ab. Vielleicht war diese Achtjährige aber auch einfach die perfekte zukünftige Kandidatin für den Polizeidienst.

Ich stellte meine Kamera auf Serienbild und rannte los, Treppe runter und wieder rauf, schmiss mich in verschiedene Posen und geriet ins Schwitzen. Mal wieder. Zwei Frauen kamen die Treppe hoch und Lissy trieb sie wie ein Hütehund an den Rand des Geländers, damit sie nicht durchs Bild liefen. Fantastisch! Dieses Mal hatte ich gleich eine ganze Auswahl an Bildern im Gepäck und verstaute zufrieden meine Ausrüstung. Danach sammelte ich meine Schuhe aus dem Erdgeschoss auf. Ich konnte mit Stöckelschuhen einfach keine Treppen rennen, also hatte ich sie gleich beim ersten Bild neben der Treppe liegenlassen.

Traumhafte Hanomag Business Lofts
„Bus oder Bahn?“, fragte ich Lissy, die immer aussuchen durfte, wenn wir uns trafen. Wir nahmen den Bus und zählten auf der Fahrt rote Ampeln. Neun waren es bis zu Hause.
„Wohnst du wirklich in einem ekeligen Kellerloch?“, fragte Lissy, als wir die Straße hinunterliefen.
„Sagt deine Mama das?“
Lissy wurde rot und schwieg. Als wir an meiner Treppe zum Souterrain ankamen, hockte jemand vor meiner Eingangstür. Der Nachbar, dessen Namen ich immer noch nicht kannte. Er hatte uns wohl gehört und schaute nach oben.
„Tut mir leid!“, sagte er und schwenkte einen schwarzen Plastikbeutel und eine kleine Gießkanne, „TNT ist schon wieder hier runtergerannt.“
Ich zuckte mit den Achseln. Wenigstens sammelte er die Haufen auf.
„Das hier ist Lissy, meine Nichte“, sagte ich. „Und das ist -“, ich schaute erwartungsvoll in sein Gesicht.
„Der Nachbar aus dem zweiten Stock“, antwortete er. Na toll. Ich fing mich schnell wieder.
„Gut, dass du gerade hier bist“, fuhr ich fort, „wir wollten nachher sowieso überall klingeln und euch einladen, am Wochenende bei unserem Vorplatzflohmarkt mitzumachen.“
Der Nachbar kratzte sich am Kopf und stemmte seine freie Hand in die Seite.
„Also, klingeln Sie lieber nicht überall. Schon gar nicht mit Ihrer Nichte im Schlepptau.“
Ich guckte erst auf Lissy, dann auf den Nachbarn.
„Warum nicht?“
„Hier unten geht’s ja. Die sind alle nett, aber nicht im dritten Stock. Glauben Sie mir einfach.“
Warum hörte er nicht endlich auf mich zu siezen? Ich fühlte mich in seiner Gegenwart wie achtzig!
Ich schloss die Haustür auf und er ging mit seinem Beutel zur Mülltonne. Zuerst zeigte ich Lissy meine neue Wohnung.
„Sind das die Kisten aus deinem Keller?“, fragte sie mit aufgerissenen Augen.
„Jup, wir gucken überall rein und wenn dir was gefällt, kannst du es haben. Wenn nicht, dann verkaufen wir es auf dem Flohmarkt.“ Ich hielt ihr einen Stoffbeutel entgegen.
„Den kannst du bis oben vollstopfen! Zuerst basteln wir aber unsere Infokarten für die Nachbarn.“ Ich hatte Papier aus dem Büromarkt mitgebracht und bunte Fineliner. Damit setzten wir uns auf mein Bett und legten los.
Es klingelte an der Tür. Wahrscheinlich hatte der Nachbar etwas vergessen. Ich lag nur knapp daneben. Vor dem Eingang stand Frau Amanda aus dem ersten Stock. Oben auf dem Kopf trug sie einen einzigen Lockenwickler, der ihren Pony formte, während die restlichen, weißen Haare in alle Richtungen abstanden. An den Füßen trug sie Kniestrümpfe und Samtpantoffeln. Frau Amanda hatte sich schon beim Umzug vorgestellt und streckte mir nun einen verschnörkelten Teller mit einer halben Torte entgegen.
„Ich habe von Herrn Gupta gehört, dass du ein Fest in deinem Hof machen willst?“
Wow, die Kommunikationswege im Haus waren kurz. Oder sie hatte von ihrer Fensterbank zugehört. Das Fenster zum Hof stand so gut wie immer offen, da war es ein Leichtes. Jetzt wusste ich auch endlich, wie mein Nachbar hieß – Gupta.
„Eigentlich wollen wir einen Flohmarkt“, weiter kam ich nicht.
„Darf ich reinkommen?“, fragte sie und stand bereits zwischen den Kisten in meinem Wohnzimmer.
„Ich helf’ dir, Schatz!“, sagte sie und musterte meine Berge an Zeug.
„Aber erst mal essen wir Torte! Bei mir. Du hast noch keinen Platz.“ Sie schaute zu Lissy auf dem Bett und drückte mir die Torte in die Hand.
„Komm Kleine, ich mach dir oben einen Kakao!“ Sie zupfte sich ihr Blumenshirt über die Hüften und winkte Lissy mit sich. Wie lieb. In diesem Moment wollte ich unbedingt diese Torte in einem kuscheligen, biederen Wohnzimmer naschen. Und das taten wir. Die Dame hatte eine Spielkiste von ihren Enkeln parat und Lissy rätselte in einem Kinderheft. Die Heizung bollerte auf Stufe fünf und vor dem Fenster zwitscherte ein gelber Wellensittich in seinem Käfig. Das Sofa mit seinen Samtkissen verschluckte mich förmlich. Die Einrichtung roch alt, aber die Möbel, das Porzellan und die Teppiche riefen alle kuschel dich ein und bleib hier.
Lissy schien es ähnlich zu gehen. Sie nippte an ihrem Kakao und sah keine Minute aus ihrem Heft auf.
„Wer wohnt denn hier noch so im Haus? Außer Ihnen habe ich bisher nur Herrn Gupta kennengelernt.“
Frau Amanda lehnte sich in ihrem Sessel zurück und holte weit aus. Sie erzählte von den Studenten, die vor einiger Zeit ausgezogen waren, vom Bestatter, der seit Monaten seine Wohnung nicht verließ und vom alten Herrn Bartolomeo aus dem dritten Stock, der schon länger im Haus wohnte als alle anderen.
„Mir wurde geraten, nicht in den dritten Stock zu gehen und zu klingeln“, sagte ich.
Frau Amanda lachte, schnitt eine Grimasse und stand vom Tisch auf. Sie kreiste ihre Hüfte und wackelte mit dem Hintern. Jetzt sah auch Lissy auf.
„Der ist immer nackt!“, sagte die Nachbarin und setzte sich wieder.
„Geh’ da nicht mit dem Mädchen hin. Der ist komisch.“ Das erklärte es.
Wir spielten eine Runde Kniffel und Frau Amanda erklärte Lissy die Spiele Mühle und Dame. Lissy gewann ein Spiel nach dem anderen und ich war mir nicht ganz sicher, ob Frau Amanda sie absichtlich gewinnen ließ. Draußen wurde es langsam dunkel.
Zum Glück hörte ich die schwere Autotür meiner Schwester durch das geöffnete Fenster. Wir verabschiedeten uns von meiner Nachbarin und ich brachte Lissy zu Maries Auto.
„Iso, wollen wir da mal wieder hin?“, flüsterte meine Nichte, als ich die Autotür schließen wollte.
„Ich glaube schon!“
Nachts lag ich wach im Bett und grübelte noch lange. Was für ein wunderbarer Tag, wie bei Oma im Bilderbuch. Da hörte ich wieder diese zögerlichen Schritte auf der Holztreppe über mir. Irgendwer schlich nachts durchs Haus. Vielleicht der alte Mieter, der noch immer einen Schlüssel für alles Mögliche besaß, oder der nackte Nachbar aus dem dritten Stock? Ich wusste nicht, was ich gruseliger fand. Meine Augen fielen zu und ich träumte von wilden Kindern mit Markern und alten Damen, die kopfüber zwischen Bürostühlen feststeckten.
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