12. Hundesitter

Im Büromarkt herrschte tote Hose, komisch für einen Samstag. Meine Chefin lag schon die ganze Woche mit Fieber im Bett und die Arbeit zog sich langsam dahin. Mittags packte ich meinen Rucksack und verabschiedete mich von den Kolleginnen, die an der Kasse standen und quatschten. Die Ruhe passte mir gut, denn ich hatte noch endlos viel für meinen Miniflohmarkt vorzubereiten.

Als ich mein Fahrrad vor dem Haus anschloss, erwartete mich schon Frau Amanda aus dem ersten Stock. Sie lehnte an der Hauswand neben meiner Tür im Souterrain, einen zusammengeklappten Tapeziertisch zwischen den Beinen.

„Kennst du Kalte Muschi? Damit geht alles schneller und ist viel lustiger!“

Frau Amanda

„Ich hätte mir den doch selbst hier runtergeholt!“, sagte ich, aber sie winkte ab.

Leider wollte keiner meiner Nachbarn beim Flohmarkt an diesem Wochenende mitmachen, aber den Tisch hatte mir Frau Amanda zugesagt.

Sie grinste und zog eine Einkaufstasche hinter der Holzplatte hervor.

„Ich hab uns was Schönes gemischt!“ Sie stellte den Beutel auf die Tischkante und zog eine PETFlasche und zwei Campingbecher heraus.

„Kennst du Kalte Muschi? Damit geht alles schneller und ist viel lustiger!“ Sie lachte frech und schraubte die Flasche auf.

Wieder eine neue Facette meiner Nachbarin. Ich kannte ihre Mischung nicht. Bei den Mengen an Krempel, die ich gleich auf dem Tisch stapeln wollte, konnte ein kleiner Drink nicht schaden.

Frau Amanda reichte mir einen randvollen Becher und schwappte gleich die Hälfte auf den Boden, als wir anstießen.

„Cola, Orangensaft und Rotwein aus dem Discounter! Rettet dir jede Party.“

Alles klar. Ich nippte und der Geschmack erinnerte mich an Weihnachtsmarkt, aber in kalt. In einem Zug trank ich den Becher leer und gab ihn Frau Amanda zurück.

„Los geht’s!“

„Soll ich dir helfen? Ich kann gut sortieren.“

Ich glaube, es war die Neugier, die sie antrieb, aber was soll‘s. So stand ich nicht alleine vor meinem Chaos und alles ging schneller.

Meine Nachbarin wühlte sich durch die Klamottenkisten und faltete Pullover und Hosen in einer Geschwindigkeit, die ich nur aus Zeitraffervideos kannte. Mein Tisch im Kellerhöfchen sah aus wie die Auslage in einer Boutique. Jedenfalls wenn man sich die Farbkleckse auf der Holzplatte wegdachte.

Mit Lissy hatte ich ein Schild für den Gehweg gebastelt, damit die Fußgänger den Weg zu mir nach unten ins Souterrain überhaupt fanden. Ich lehnte das Schild an einen Busch.

Die Eingangstür zum Hauptflur öffnete sich. Mein Nachbar aus dem zweiten Stock, Herr Gupta, trat mir fröhlich einen Schritt entgegen.

„Oh toll, ich wollte gerade zu Ihnen!“, sagte er und hielt die Tür weiter offen.

Zu mir? Vielleicht hatte er es sich überlegt und wollte nun doch beim Flohmarkt mitmachen.

„Ich habe das ganze Wochenende über ein Turnier. Könnten Sie vielleicht auf meine Hunde aufpassen? Ich hatte neulich das Gefühl, dass Sie ganz gut mit TNT zurechtkommen.“

Damit hatte ich nicht gerechnet. Ob sich Hundesitten mit Flohmarktorganisation vertrug? Besonders, wenn ein Hund eine Rakete und der andere eine Schlaftablette war?

„Ja, klar!“, sagte ich und fragte mich im selben Moment, ob die Worte gerade aus meinem Mund gekommen waren.

„Ist es ok, wenn ich die beiden jetzt bringe und um 23.00 Uhr abhole? Ich gebe Ihnen auch die Körbchen und Futter.“

Letztes Mal hatte ich mit TNT nur Kuchen geknabbert und ein Selfie geschossen. Das hier bedeutete aber einen halben Tag Hundemama und gleichzeitig erfolgreiche Flohmarktverkäuferin sein. Wie sollte das denn gehen? Zumal ich eigentlich null Ahnung von Hunden hatte.

„Kein Problem!“, sagte ich und schlug mir innerlich gegen den Hinterkopf. Was stimmte nicht mit der Datenverbindung zwischen meinem Mund und meinem Gehirn?

„Was für ein Turnier ist das denn?“

„Bedwars. Ein Minecraft Turnier.“

Das erklärte die Uhrzeit. Ein Online-Event also, kein Tennis, Golf oder Skat.

„Im Grunde geht es darum, sein Bett zu verteidigen. Vor den anderen Gruppen!“

Lustig, dachte ich. Die einen verteidigen online ihr Bett, andere hätten genau da gerne Gesellschaft. Im echten Leben.

Ich lief ihm hinterher, die Treppen hoch bis in den zweiten Stock. Das war die Chance, einmal einen Blick in seine Wohnung zu werfen. Als er die Tür aufschloss, ertappte ich mich dabei, wie ich im Treppenhaus nach oben in den dritten Stock linste. Als ob mir das irgendeine Erkenntnis über den seltsamen Herrn Bartolomeo bringen würde. Es regte sich nichts, nur TNT preschte durch die Eingangstür auf mich zu und schnupperte an meinen Füßen. Ich hielt sie am Halsband fest, während er die Hundesachen aus einem Zimmer am Ende des Flurs holte. Leider ließ er die Lampen aus und ich konnte kaum etwas von der Einrichtung erkennen.

„Wollen Sie die Körbchen nehmen oder Pumpkin? Die Treppen schafft er nicht mehr.“

Ich entschied mich für den flauschigen Hundeopa. Herr Gupta schleppte seinen Hundehaushalt hinunter und ich kuschelte mein Gesicht in die warme, weiche Wolke auf meinem Arm. Mein Nachbar bedankte sich, stellte alles in meinen Flur und eilte wieder zurück in den zweiten Stock.

Meine Wohnung stand jetzt noch voller als vorher. Ich richtete den Hunden ein kuscheliges Plätzchen auf meinem Bett ein. Viel mehr Möglichkeiten gab es eh nicht. Pumpkin döste gleich weg. Den Terrier nahm ich mit nach draußen.

„Gib mir ein Zeichen, wenn du mal musst. Nicht, dass du mir die Kunden noch vergraulst!“

Iso Aroma

TNT guckte mich mit schräg gelegtem Kopf und umgeklapptem Ohr an. Wir hatten also eine Abmachung.

Die kleine Hündin arbeitete auf ihre Weise mit und erhöhte die Aufmerksamkeit der Vorbeigehenden für meine Flohmarktaktion. Jeden Passanten bellte sie vom unteren Treppensims an, aber so guckten die Leute wenigstens und einige Furchtlose und Hundefreunde kamen zu meinem überladenen Tapeziertisch hinunter und schauten sich um.

Frau Amanda war nicht von meiner Seite gewichen und sorgte vor allem dafür, dass mein Glas Kalte Muschi immer randvoll blieb. Mit jedem neuen Schluck verbilligten sich meine Preise und ich wurde spendabler. Der Tisch leerte sich und Frau Amanda schleppte die nächste Kiste aus meinem Wohnzimmer nach draußen auf den Vorplatz. Balkongedöns, wunderbar! Das passte zum Frühling und mein alter Sommerhut musste gleich für die Selfie-Challenge herhalten.

„Ringe sind doch eine Struktur, oder?“

Zwei junge Frauen, die gerade meine Pullover inspizierten, schauten auf und nickten. Ich warf meine Jacke zur Seite und zückte mein Handy. Summer-Feeling an und schon hatte ich meine Fotopflicht Marie gegenüber erfüllt.

„Darf ich auch mal?“, lachte eine der Frauen und der Hut ging einmal rum. Im Laufe des Nachmittags wurde es ruhiger auf der Straße und TNT hatte sich endlich einmal hingelegt.

„Ich gucke mal nach Pumpkin“, sagte ich und Frau Amanda blieb am Stand sitzen.

Der puschelige Hund stand auf meiner Matratze und schaute mich an. Das war das erste Mal, dass ich ihn überhaupt auf seinen vier Beinen und nicht schlafend oder auf Herrn Guptas Arm sah. Das bedeutete nichts Gutes. Er musste sicher einmal raus. Aber den ganzen Weg auf dem Arm? Ich wühlte durch die Kiste mit Wintersachen und fand einen langen breiten Schal. Von meiner Freundin Jenna wusste ich in etwa, wie man ein Babytragetuch wickelt und genau das war nun mein Plan für diesen süßen Opa.

Aufrecht und mit einem kleinen bisschen Mutterstolz trat ich mit Pumpkin vor der Brust aus der Tür.

„Gott, ist das süß!“, rief Frau Amanda und hielt sich die Hände vor den Mund.

„Ich gehe kurz Gassi mit den beiden. Geht das?“

Sie nickte.

„Ich passe auf und verkaufe dir alles. Geh ruhig!“

Der kürzeste Weg zu einer öffentlichen Grünfläche führte die Straße runter und dann abgekürzt über den Parkplatz einer Anwaltskanzlei. TNT zerrte und Pumpkin schnüffelte aus seinem Tragetuch heraus die Frühlingsluft. Mitten im Eilschritt stoppte TNT plötzlich auf dem Parkplatz und seilte eine lange, dünne Kackwurst ab. Mist, mitten zwischen Porsche und Mercedes musste sich die Terrierhündin verewigen. Ich wühlte durch meine Hosentaschen, aber die Beutel hatte ich in meinem beschnasselten Kopf wohl zu Hause liegenlassen. Der kleine Hund setzte wieder an und buckelte den Rücken krumm. Was hatte sie bloß gegessen und wie passte das alles in den kleinen Hundekörper, was sich da jetzt auf den Anwaltsparkplatz häufte?

Da kam mir eine geniale Idee. Ich konnte versuchen, die stinkenden Würstchen mit einem kleinen Stock in Richtung Gebüsch zu schnipsen. Im Laub des Grünstreifens fand ich zwei Stöckchen und versuchte mein Glück. Was ich mir physikalisch perfekt ausgemalt hatte, entpuppte sich als unberechenbar. Die Kackekugeln verhielten sich ich ihrer Flugbahn nicht wie von mir berechnet, was vielleicht daran lag, dass ich noch nie gut rechnen konnte. Ein Desaster. Das erste Würstchen klebte jetzt bombenfest seitlich am Bordstein.

Ich versuchte es mit der Esstäbchenmethode und klemmte die braunen Bällchen zwischen die Äste. Hätte ich im Chinarestaurant bloß nicht immer mit Gabel und Löffel gegessen. Ständig fielen mir die Klößchen runter, bevor ich das Gebüsch erreichte. Ein Sprung nach hinten rettete mir die Schuhe. So ging es nicht weiter. Pumpkin vor meinem Bauch wurde langsam schwer und behinderte meine Bewegung. Ich wühlte ihn aus dem Tuch heraus und setzte ihn auf den Grünstreifen. Das ging sogar ohne Leine, denn er bewegte sich nicht vom Fleck.

Ganz zu schweigen von TNT. Jetzt, nach ihrer Totalentleerung war sie wieder fit und sprang in ihr Halsband. Schaschlik kam es mir plötzlich in den Sinn. Das war die Lösung! Ich pikte meinen dünneren Stock in das Hundekügelchen und es hielt. Zack, zack, steckte das ganze Übel in einer Reihe an meinem Stöckchen und ich sah zu, dass ich meinen Spieß ganz unauffällig im Gebüsch deponierte. Neben mir blinkte die Türöffnung einer Luxuskarosse und ich fuhr zusammen, als mir ein Mittvierziger im Anzug entgegenkam. Nichts wie weg hier.

Ich zog TNT in die andere Richtung, um Pumpkin vom Grünstreifen einzusammeln. Zu meiner großen Freude hatte er es irgendwie geschafft, sich direkt neben dem Busch zu erleichtern. Ich beschloss, dass dieses Fleckchen als freie Natur zählte und ich mich lieber schnell verdünnisierte.

Zurück zu Hause setzte ich Pumpkin wieder ab und ließ mich neben Frau Amanda auf einen Klappstuhl fallen. Sie strahlte und hielt mir einen Fünfziger hin.

„Alle Balkonsachen und DVDs weg!“ Wir sortierten noch eine Kiste mit Küchenkram auf den Tisch und verkauften, bis wir beide keine Lust mehr hatten.

Gegen Abend räumte ich die Reste zurück in meine Umzugskartons und Frau Amanda kam mit geschmierten Käsebroten aus ihrer Wohnung.

Die Kartons hatten sich auf die Hälfte reduziert und ich baute aus Ihnen einen eckigen Torbogen an der Wand um meinen Fernseher herum. So wurde aus der New Yorker Skyline in meinem Wohnzimmer ein ganz persönlicher Arc de Triomphe. Endlich konnten wir Sessel und Sofa wieder nutzen. Ich zählte das Geld aus der Metallkasse. 278 Euro! Das hatte ich nicht erwartet. Ich hielt Frau Amanda den Fünfziger hin, den sie für mich eingenommen hatte.

„Als kleines Dankeschön für die ganze Hilfe!“

Aber sie winkte ab.

„Endlich ist hier wieder Spaß im Haus.“ Sie streichelte TNT, die sich auf Frau Amandas Füßen zusammengerollt hatte.

Ich holte zwei Flaschen Bier aus dem Kühlschrank, meine Notreserve für Gäste.

„Das hier ist mein Spezialgetränk!“, sagte ich und reichte ihr die Flasche und ein Päckchen Brausepulver.

„Los, immer rein in die Flasche!“

Wir kippten gemeinsam, nur unterschätzte sie die Sprengkraft der Mischung und fing den Schaum nur mit Mühe mit ihrem Mund auf. Frau Amanda konnte meine Mutter sein und doch hatten wir Spaß wie zwei Grundschulkinder auf Klassenfahrt.

Eine Stunde später stapfte sie müde zurück in ihre Wohnung und ich nickte mit Pumpkin im Arm auf dem Sofa ein. Es klingelte an der Tür und ich schreckte hoch. Herr Gupta, der Mann ohne Vornamen, wollte seine Hunde zurück.

„Hab ich Sie geweckt?“

Er hockte sich hin. TNT hüpfte auf seinen Schoß und leckte ihm die Ohren ab.

„Nein, wir haben nur ein bisschen auf der Couch gelegen“, log ich.

Herr Gupta richtete sich wieder auf und nahm mir vorsichtig Pumpkin ab. Er vergrub sein Gesicht im weichen Fell. Was für ein schöner Kontrast, seine glatten, schwarzen Haare im weißen Flausch.

„Hast du dein Turnier gewonnen?“

„Das geht morgen weiter“, sagte er und tauchte wieder aus der Fellwolke auf, „aber nicht mehr so lange, das kriege ich dann selbst hin mit den Hunden.“ Er kam einen Schritt in die Wohnung und zeigte auf das Körbchen in meiner Schlafnische.

„Oh, na die beiden hatten es ja gut hier. Hat denn sonst alles geklappt und haben Sie gut verdient beim Flohmarkt?“

„Es passt ziemlich genau für die Abschleppkosten und das blöde Auto“, sagte ich. Da fiel mir auch wieder der restliche Kram ein, der noch immer in meinem Auto beim Abschleppdienst lagerte.

„Wenn Sie das Auto eh nicht nutzen und es nicht mehr fährt, wieso verkaufen Sie es dann nicht an einen Autoverwerter? Der zahlt ganz gut und schleppt es sich selber dort weg.“ Ich starrte ihn an.

„Der schleppt sich das Auto selbst weg? Das geht?“

Herr Gupta nickte und zog die Achseln hoch.

Alleine dafür hatte sich das Hundesitten gelohnt! Endlich eine Lösung für mein Problemauto und ich wäre selbst im Leben nicht darauf gekommen. Ich umarmte ihn kurz, merkte aber, wie er sich verkrampfte und ließ schnell wieder los.

„Soll ich morgen die Nummer von meinem Bekannten in den Briefkasten werfen?“, fragte er, „der bietet so einen Service an.“

Und wie ich das wollte. Wieder ein Problem von meiner Liste gelöst.

Gemeinsam trugen wir alles Zubehör und den Hundeopa zurück in den zweiten Stock. Herr Gupta setzte Pumpkin in den Flur und nahm mir die Körbchen ab.

„Danke nochmal!“, sagte er, lächelte und schubste ganz unvermittelt die Tür zu. Wahrscheinlich hatte ihn mein Kängurukostüm über dem Bett abgeschreckt, dachte ich und stieg die Treppen hinab in meine eigene Wohnung.

Diese Nacht schlief ich lange nicht ein. Und das, obwohl niemand nachts im Treppenhaus herumirrte.

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