Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so entspannt die Welt aus dem Fenster eines Autos mit Sitzheizung betrachtet hatte. Herr Gupta war mit mir zum Abschleppdienst gefahren. Als Dankeschön fürs Hundesitten schätze ich. Nach etwas Gefeilsche mit dem Schrotthändler beulten nun 700 Euro meine Hosentasche aus. Die Dekokissen und Taschen, die seit Wochen auf den Autositzen lagerten, stapelten sich bereits in Herrn Guptas Kofferraum. So viel Ärger und Kosten für das ganze Hin und Her mit meinem kaputten Auto. Das hätte ich mir alles ersparen können, dachte ich.
„Einen Moment noch, ok?“ Mitten auf dem Gelände stand ein turmhoher Strommast, völlig frei. Wenn das keine 1A Struktur für mein Wochenfoto war.
„Ich muss noch schnell ein Selfie schießen!“ Was für ein Koloss. Ich schaute bis in die Spitze des gigantischen Metallbaums und hatte das Gefühl, die Luft schwirrte. Zack, abgedrückt und Bild erledigt! Ich lief zurück zum Auto und ließ mich in den Beifahrersitz neben Herrn Gupta fallen.

„War das wieder ein Bild für Ihre Schwester? So wie das mit meinem Hund?“
„Ja, genau!“ Ich atmete tief durch und schloss für einen Moment die Augen.
Herr Gupta startete den Wagen und drehte die Musik auf. Meine Haare standen augenblicklich zu Berge. Gefühlt jedenfalls.
„Das ist Bloodywood!“, brüllte er gegen die E-Gitarren an, „eine indische Metal Band. Im Sommer touren die durch Europa und kommen auch nach Hamburg und Köln!“
Ich versuchte, mich reinzuhören.
„Soll ich leiser machen?“
Ich winkte ab. Er drehte trotzdem leiser.
„Mit den ganzen Sachen“, er nickte in Richtung Kofferraum, „können Sie am Wochenende gleich den nächsten Flohmarkt machen.“
Die Ampel wurde rot und er drehte sich zu mir. Vielleicht hatte ich ihn zu sehr angestarrt beim Nachdenken.
„Jetzt, wo wir uns gegenseitig aus der Patsche geholfen haben, danke übrigens, könnten wir uns doch eigentlich duzen“, schlug ich vor. Nicht, dass ich das nicht eh schon konsequent machte. Er reagierte nicht.
„Ich meine, wir sind quasi gleich alt-“
„Siebenundzwanzig“, sagte er.
Verdammt! Ich hatte es geahnt, diese verdächtig glatte Haut. Er war gerade mal ein Jahr älter als mein kleiner Bruder! Das bedeutete, ich hatte schon den Grüffelo gelesen, als er noch Windeln brauchte. Ich beschloss, dass das Alter überbewertet wurde.
„Ich heiße Iso. Eigentlich Isolde, aber das muss eine böser frühkindlicher Scherz meiner Eltern gewesen sein.“ Er lachte und streckte mir seinen Daumen entgegen.
„Mein Name ist auch zum Kotzen!“
Herr Gupta
Das kam jetzt überraschend!
„Ich sage Leuten eigentlich nie meinen Vornamen“, grinste er, „meine Freunde nennen mich zum Glück nur „Runningtorch“, oder RT. Das ist mein Gamer-Name.“ Ich kratzte mich an der Schläfe.
„Ähm, also gut, RT!“
„Nee, ich mache mal eine Ausnahme. Wir sind ja Leidensgenossen!“ Die Ampel sprang auf Grün und er fuhr wieder an.
„Mein Vater wollte, dass ich einen möglichst deutschen Vornamen habe, weil wir ja Gupta heißen. Er hatte unglaubliche Angst, dass meine Lehrer keine indischen Namen aussprechen können. Naja, und weil er Modern Talking liebt, nannte er mich Dieter. Meiner Mutter klang der Name nicht katholisch genug, also musste hinten noch ein Maria dran. Ich heiße also Dieter-Maria Gupta. Meine Geschwister nennen mich aber Dima.“
Unglaublich, ein Mensch in meinem Leben, dessen Name ein genauso großer Lottogewinn war, wie meiner.
„Lass mich raten“, sagte ich, „deine Geschwister hatten mehr Glück?“
„Wie man’s nimmt. Mein Bruder heißt Thomas-Maria und meine Schwester Gitte-Maria!“ Er lachte wieder und schob sich die Haare aus dem Gesicht.
„Sie hätten meine Eltern im Standesamt irgendwie blocken sollen.“
Wir einigten uns darauf, dass ich ihn Dima nennen durfte und planten, das abends mit einem Brausepulverbier zu feiern. Dima Gupta, daran musste ich mich erst einmal gewöhnen. Er half mir, allen Kram aus seinem Auto in meine Wohnung zu schaffen. Dann musste ich zu einem Gespräch in den Büromarkt, obwohl ich heute frei hatte. Dima arbeitete von zu Hause aus. Was genau, wusste ich nicht, aber es war ein IT-Job.
Fünf Minuten zu spät! Eigentlich wäre das nur halb so dramatisch gewesen, aber meine Chefin Frau Stahl hatte mir die Einladung geschickt, per Post! Ich klopfte zaghaft und setzte mich vor ihren Schreibtisch in unseren Bürostuhl-Bestseller.
„Wissen Sie was?“, startete sie das Gespräch ganz unvermittelt, „Sie rauben mit Ihrer Unpünktlichkeit nicht nur meine Zeit, sondern auch die Ihrer Kolleginnen!“
BAM! Das hatte gesessen. Ich sank in den Stuhl zurück und schrumpfte in den Kunstlederbezug.
„Das passt aber im Grunde zu dem, was hier im Bericht steht!“ Ihre Stimme klang unangenehm herzlos. Mein gutes Gefühl, das ich am Tag mit dem Mystery-Shopper gehabt hatte, flatterte davon wie ein Luftballon, den man vergessen hatte zuzuknoten. Ich bekam Herzrasen.
„Die Mitarbeiterin Frau Aroma“, las sie aus dem Bericht auf ihrem Tisch vor, „beschäftigte sich erst im Copyshop mit ihrem Handy. Später auf der Fläche lief sie mehrmals an mir vorbei, fragte mich nicht, ob sie mir helfen könne, sondern beschäftigte sich ausschließlich mit einer älteren Dame und einer Mutter mit Kind.“
Meine Chefin lehnte sich zurück und sah mir ins Gesicht.
„Was sagen Sie dazu? Gibt es irgendein Problem?“
Chefin im Büromarkt
Das erste Mal in meinem Leben fehlten mir die Worte. Da hatte ich auf Krampf versucht, die Kunden glücklich zu machen und war am eigentlichen Mystery-Shopper vorbeigelaufen. Meine Augen fingen an zu brennen. Ich blinzelte wie verrückt, jetzt bloß nicht heulen!
„Nun gut, wenn Sie dazu nichts sagen wollen. Ich gucke mir ihre Arbeit in den nächsten zwei Wochen genauer an. Wenn Sie keine Lust mehr auf den Job haben, machen Sie es uns nicht so schwer und kündigen sie einfach. Oder reißen Sie sich zusammen! Das ist hier kein Kindergarten, in dem Sie machen können, was Sie wollen.“ Sie deutete mit verkrampftem Blick Richtung Tür.
Ich schlurfte wortlos aus dem Chefbüro nach draußen. Zum Glück war dies mein freier Tag. Ich stieg aufs Fahrrad und radelte im Tränenblindflug nach Hause. Dort knallte ich die Tür hinter mir ins Schloss und vergrub mich unter allen Kissen, die ich finden konnte in meiner Schlafnische. Was für eine Achterbahn. Erst der Geldsegen beim Schrotthändler und dann das! Nach einer Weile buddelte ich mich wieder aus meinem Kuschelhaufen hinaus. Verstecken war keine Option. In meiner Technikkiste fand ich einen alten mp3-Player mit Kopfhörern. Die setzte ich auf und lief eine Runde um den Block. Ich sang in voller Lautstärke die Discolieder meiner Teenagerjahre mit und scherte mich nicht um die Blicke der Fußgänger. Eigentlich konnte ich sogar singen. Der Singspaziergang half mir, mich abzureagieren. Ich freute mich auf mein Abendbier mit dem Nachbarn, der jetzt auch einen Vornamen trug.
Um 19.00 Uhr klingelte Dima an meiner Tür. Ich hatte die Getränke kaltgestellt und einige Kisten verschoben, damit mein eines Zimmer etwas üppiger aussah. Er zog sich am Eingang die Schuhe aus und suchte einen Platz für seine Jacke.
„Ich finde dein Känguru ganz cool!“, sagte Dima und zeigte in Richtung meiner Schlafnische.
Konnte mich mal einer kneifen? Das würde mir meine Schwester Marie nie glauben, wo sie sich doch ständig über meine Einrichtung lustig machte. Aber er hatte es wirklich gerade gesagt. Ein Mann mochte meinen ausgefallenen Bettschmuck!
„Machst du Cosplay?“
Scheinbar guckte ich begriffsstutzig.
„Also ziehst du das Kostüm zu Conventions und Messen an?“
Ich kniff meine Augenbrauen zusammen und nippte an der Bierflasche. Keine Ahnung, was er meinte.
„Welche Figur stellt dein Kostüm denn dar?“
„Das war ein Geschenk“, sagte ich. Was Schlaueres fiel mir in dem Moment nicht ein. Er nickte und kippte noch etwas Brausepulver in seine Flasche. Wenn er mein Kostüm mit sexy japanischer Anime-Verkleidungen verglich, so sah ich in dem massigen Känguru mit überbreiten Hüften sicher nicht aus. Ich nahm das Handy vom Tisch und zeigte ihm mein Selfie im Kängurukostüm.

„Wow, ein echtes Traumpaar!“, sagte Dima als er das Bild betrachtete. Ich legte das Telefon wieder weg. Schnell das Thema wechseln.
„Hast du auch manchmal das Gefühl, einer schleicht nachts durchs Haus?“
Er guckte auf und blinzelte.
„Nee, hab‘ ich noch nicht gehört. Mein Schlafzimmer ist aber auch auf der anderen Seite.“
„Ich habe das Gefühl, dass die Schritte immer auf der Treppe über meinem Bett stehenbleiben und lauschen. Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein.“
„Und das ist jede Nacht so?“
„Vielleicht dreimal die Woche. Der Makler meinte, mein Vormieter hat seinen Schlüssel nie abgegeben!“
„Soll ich mich mal nachts auf die Lauer legen?“ Er sprang auf. „Viel besser! Ich baue einen geheimen Bewegungsmelder ins Treppenhaus, der mich weckt, wenn einer rumschleicht.“ Er schnappte sich seine Jacke vom Stuhl und ging zur Tür.
„Danke für das Bier“, sagte er, „ich hab schon eine Idee wie ich das umsetze!“
„Jetzt?“, fragte ich ungläubig.
„Ich glaube ich habe alles dafür da. Mach’s gut!“
Er schlüpfte in seine Schuhe und da saß ich mit meinem halbvollen Brausepulverbier.
Ich musste plötzlich an Frau Amandas Worte denken, endlich ist hier wieder Spaß im Haus. Wie spaßig die Sache mit dem nächtlichen Unbekannten ausging, konnte ich zwar nicht sagen, aber in der kurzen Zeit hatte ich in meinem neuen Zuhause schon mehr mit den Nachbarn erlebt, als in den drei Jahren davor in meiner alten Wohnung.
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