Es klingelte an der Tür. Ich schreckte hoch und riss mir die Bambi-Schlafbrille vom Gesicht. Mein Wecker zeigte kurz vor acht. Um diese Zeit durfte bei mir maximal ein Expressbote vor der Tür stehen. Es klingelte ein zweites Mal, dann ungehaltenes Klopfen.
„Mach auf, Iso! Ich muss gleich zur Arbeit!“ Das war die liebliche Stimme meiner Schwester, die da dumpf durch meine Eingangstür motzte.
Ich schlurfte zum Eingang und öffnete ihr.
„Hier, nur ganz kurz“, sagte sie und drückte mir einen Umschlag in die Hand. Ich öffnete ihn und zog drei verschiedenfarbige Luftballons und eine weiße Büroklammer heraus.
„Also falls du’s nicht errätst, es soll „eine Farbe“ heißen! Ich hatte keinen weißen Luftballon, deshalb die weiße Büroklammer. Die Reihenfolge ist mir egal.“
Na toll! Sie hatte mir ja nicht einmal die Chance gegeben, das Rätsel selbst zu lösen. Ich legte die Ballons und die Klammer zur Seite. Die Selfie-Challenge für den April stand also fest. Eine Farbe, was auch immer das heißen sollte. Ich beschloss später meinen Schrank und die restlichen Kisten nach Klamotten in blau, weiß, gelb und orange zu durchwühlen.

„So, warum ich eigentlich hier bin“, sagte Marie, „heute Abend gehe ich zu einer Party ins Wasserloft und Marco Schechwanzur kommt auch!“
Ich hasste dieses „du weißt schon wer“, das immer in Maries Stimme mitschwang, wenn sie von Leuten sprach.
„Kenn‘ ich nicht!“
„Weil du ein Banause bist!“
„Marco Schneeanzug?“
„Marco SCHECHWANZUR! Das ist ein Galerist mit super vielen Kontakten und ich habe ihm letzte Woche deine Selfies gezeigt.“
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich die Wette für etwas ganz Persönliches zwischen meiner Schwester und mir gehalten. Das sah sie offenbar anders.
„Er schien jedenfalls begeistert, als ich ihm von unserer Wette erzählt habe und jetzt will er sehen, ob er dich irgendwo unterbringen kann.“
„Was soll das heißen?“
„Das bedeutet, dass du endlich eine realistische Chance hast, Geld zu verdienen!“
Ich schlüpfte in meine Hausschuhe.
„Und ich soll jetzt mit dir zu der Party ins Wasserloft?“
„Genau! Aber bitte nicht im Pyjama oder Monsteroutfit! Und versuch‘, einmal in deinem Leben erwachsen zu sein!“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Ok, hab‘ eh nichts anderes vor.“
„Ich hole dich um acht ab!“ Sie hob die Hand zum Abschied und schon war sie wieder davongerauscht.
Eine Party klang nicht übel und mir kam plötzlich eine Idee, wie ich das Ganze mit einem passenden Selfie abrunden konnte. Ich kannte die Location und besonders die ausgefallene Garderobe dort. Vor einigen Jahren hatte ich abends im Wasserloft gejobbt. Die Schränke im Eingangsbereich waren allesamt orange! Da ließ sich bestimmt was machen.
Ich ging erst mal einkaufen. Mehl, Reis und eine Steckrübe, damit ich unter meinem selbstgesteckten Limit von drei Euro blieb. Ich versuchte für sieben Euro die Woche Lebensmittel zu kaufen, vier waren vorher schon für Joghurt, Zwiebeln, Öl und Haferflocken draufgegangen.
Ich rief ich meine Freundin Jenna an und fragte sie nach passenden Klamotten, denn wenn ich eine Farbe garantiert nicht im Schrank hatte, dann war das Orange!
„Nur in orange?“, fragte Jenna, während sich ihre Kinder im Hintergrund zofften, „sieht das nicht total grässlich aus? Kombinier’ das lieber!“
„Geht nicht, ist für das Selfie.“
„Ich habe bloß eine Winterjacke“, sagte sie. Jackpot! Es war abends eh noch schrecklich kalt.
„Kann ich sie mir nachher kurz abholen?“
Jenna stimmte zu und ich versuchte mein Glück noch bei Frau Amanda, denn eine Jacke allein reichte nicht für mein Outfit.
Der Türsummer brummte und meine Nachbarin ließ mich ins Haupthaus. Ein Supermarktbote nutzte die Gelegenheit und schlüpfte mit mir hindurch in den Flur. Er stellte eine Pappkiste mit Lebensmitteln vor der Tür des Bestatters ab, klingelte und verschwand gleich wieder. Niemand öffnete.
„Komm rein, Schatz!“, sagte Frau Amanda, als sie mich sah. Ich warf einen fragenden Blick auf die einsame Lebensmittelkiste vor der gegenüberliegenden Tür. Sie zuckte nur mit den Schultern.
„Irgendwann holt er sie schon rein.“
Ich erzählte meiner Nachbarin bei einer Tasse Kaffee von meiner neuen Selfie-Challenge und sie verschwand für einen Moment im Schlafzimmer.
„Eine Bluse habe ich in orange und Ohrringe!“ Ich probierte sie an. Was für ein Hammer Outfit, fand ich. Jetzt nur noch eine Hose. Da musste es zur Not gelb tun, denn die hatte ich selbst noch im Schrank.
Ich sah die Enttäuschung in Frau Amandas Blick, dass ich schon nach einer Tasse wieder ging, aber meine Freundin wartete mit ihrer Jacke.
„So fahre ich nicht mit dir!“
Marie
Ich hatte mich bei Jenna verquatscht und war viel zu spät wieder nach Hause gekommen. Meine Nägel hatte ich noch schnell lackiert und mich in das Abendoutfit geworfen, als auch schon das Handy brummte.
„Ich steh vor der Tür, bist du fertig?“ Wahrscheinlich fand Marie keinen Parkplatz oder sie wollte nicht mit meiner Kellerbude in Verbindung gebracht werden. Möglich war beides.
Ich setzte meine Sonnenbrille auf und trat ins Dämmerlicht. Aber die Brille rundete das Gesamtbild perfekt ab. Jetzt nur nicht hinknallen, so halbblind.
Ich kletterte in Maries SUV. Meine Schwester drehte sich zu mir und stellte den Motor ab.
„So fahre ich nicht mit dir!“
Ich versuchte, ernst zu bleiben, hatte aber Mühe, ein Grinsen zu unterdrücken.
„Ich habe mich streng an deine Vorgaben gehalten“, sagte ich, „keinen Ganzkörperplüschanzug und keine Monsterkrallenschuhe!“
„Verdammt, Iso! Du siehst aus wie -“ ihr fehlten die Worte und sie begann zu stammeln.
„Irgendwas zwischen Milliardärsfrauchen und Straßenprostituierte!“
Ich schaute an mir herunter und rückte die Sonnenbrille zurecht.
„Du hast gesagt, dass der Typ bei der Party mich irgendwo „unterbringen“ will. Und du sagst immer, dass Künstler ihre eigene Marke sein müssen!“
Ich präsentierte mein Outfit mit professionellen Handbewegungen, wie die Damen in Quizshows, die Sachpreise anpreisen.
„Iso, du hast ein Rad ab!“
„Na dann, los zur Party!“
Marie schüttelte den Kopf und startete das Auto wieder.
„Ich versuche dir zu helfen und du sabotierst immer alles!“
Ich sagte nichts, fand meine Aufmachung aber trotzdem ganz cool.
Im Wasserloft angekommen entdeckte ich gleich eine ehemalige Kollegin, die gerade an der Garderobe zwei Pelzmäntel entgegennahm und sie auf Bügel hängte. Ich stellte mich in die Schlange der Wartenden, um zu den Schränken zu kommen. Marie hatte schon im Eingangsbereich jemanden getroffen und unterhielt sich.
„Hey Annika!“, sagte ich, als ich dran war und machte keine Anstalten ihr meine Winterjacke zu reichen. Sie kniff die Augen zusammen und überlegte.
„Bist du das, Iso? Hast du im Lotto gewonnen, oder so?“
Ich lachte.
„Nee, ist für ein Projekt. Kann ich kurz zu dir nach hinten kommen und ein Selfie vor den Schränken machen?“
Ein Mann hinter mir stöhnte ungeduldig.
„Orange vor orange? Dann sieht man dich ja gar nicht.“
„Exakt!“
Sie ließ mich durch und überließ mir sogar ihren stylischen, gelben Pausenstuhl, perfekt. Ich zückte mein Handy und lehnte mich in alle Richtungen. Dabei knabberte ich Süßigkeiten aus einem Schälchen am Tresen und legte richtig los. Verführerisch, klick, lässig, klick, billig, klick…

Auf der anderen Seite des Garderobentresens stand plötzlich ein Typ in einem goldenen Brokatanzug.
„Schön Sie kennenzulernen“, sagte Marco Schnechwanzur in meine Richtung. Er legte die Handflächen vor der Brust aufeinander und verneigte sich. Dann lehnte er sich auf den Tresen und rückte etwas näher.
„Nach den Erzählungen Ihrer Schwester hatte ich einen ganz anderen Typ Frau erwartet.“
„Das ist das Problem mit Erwartungen!“, sagte ich und schob mir eine Schokopraline in den Mund.
Er zog die Augenbrauen hoch und presste die Lippen aufeinander.
„Wie ich sehe, habe ich Sie bei der Arbeit gestört. Das war nicht meine Absicht.“
Ich stand auf, umarmte Annika kurz und überließ ihr wieder den Platz und ihren gelben Lederstuhl.
„Wollen wir uns ans Fenster setzen?“, fragte Marco Schnechwanzur. „Ich habe eine Liegelandschaft reserviert.“
Er zeigte auf ein Arrangement aus marokkanischen Holzliegen, überladen mit bestickten Seidenkissen.
„Gehen Sie ruhig schon vor, ich besorge uns etwas zu trinken.“ Eine Band auf der Empore spielte Loungemusik. Mir fiel auf, dass ich noch immer die Winterjacke trug. Zurückgehen oder mitnehmen? Ich entschloss mich, die Jacke unter die Kissen zu stopfen. Die Liegen sahen gemütlicher aus, als sie sich anfühlten. Ich zog meine Schuhe aus und fletzte mich gemütlich in die Kissen. So ging es.
Marie kam mit hochrotem Kopf auf mich zugelaufen, gefolgt von ihrem Galeristenfreund mit den Gläsern.
„Setz dich verdammt noch mal hin!“, zischte sie kaum hörbar und ich schreckte auf. Schnell hatte sie wieder ihr Geschäftslächeln aufgesetzt und ließ Marco Schnechwanzur den Vortritt. Er stellte die Gläser ab und setzte sich neben Marie. Alle schauten sich abwechselnd an, peinliches Schweigen.
„Was haben Sie denn mit Ihren Bildern vor, Frau Aroma?“, fragte er schließlich und faltete wieder seine Hände.
„Eine Wette gewinnen!“, antwortete ich. Marie warf mir einen bösen Blick rüber.
„Ich sehe mehr in Ihren Bildern als bloß eine Wette! Ich sehe das Meer, Skandinavien, ich höre das Rauschen der Wellen und ich sehe eine weiße Villa und fantastische Gemälde!“
Skandinavien? Ich hatte mit meinem ersten Freund einmal ein Haus in Dänemark gemietet. Alles, was da an den Wänden hing, waren blau lackierte Makrelen aus Gips.
Seine Hände holten jetzt weit aus und Marie rutschte ein Stück von ihm ab. Er schloss die Augen und atmete tief ein.
„Ich sehe weiße Vorhänge im Wind und an der Wand – ein Iso Aroma Selbstportrait in 2 Meter mal 2 Meter!“ Der Galerist öffnete wieder seine Augen und starrte Marie erwartungsvoll an. Sie lächelte verkrampft.
„Also vielleicht nicht jedes Bild, aber das ein oder andere.“
Er fuchtelte wieder in ausladenden Dimensionen.
„Nichts unter 1,80, sonst kommt das Gefühl nicht rüber und wir starten bei 4000 für die unscheinbaren Motive.“
„Und das kauft einer? Ein Bild von mir mit Luftballons auf dem Kopf?“
Er sah mich an, als wäre ich ein unwissendes Kleinkind.
„Die Story muss passen, ganz klar.“
Ich fragte mich, ob der damit meine wahre Geschichte meinte. Frau mit unsicherem Nebenjob, die in Kellerloch wohnt, hat ’ne Wette mit ihrer Schwester laufen?
Jetzt stieg Marie mit in den Spuk ein, aber erst, als Marco Schnechwanzur eine Modellrechnung mit möglichen Umsätzen ausgeführt hatte. Sie zwinkerte mir zu. Ich gähnte und stand auf.
„Mensch, Iso. Doch nicht bei der Arbeit.“
ehemalige Kollegin Annika
„Ihr macht das schon! Ich hol’ mir noch was zum Trinken“, sagte ich und ließ die beiden weiterreden. An der Bar bestellte ich zwei Drinks, einen für mich und einen für meine alte Kollegin Annika. Fünfunddreißig Euro! Scheiße! So zerschmolz das schöne Geld, das mein Auto gebracht hatte, weiter dahin. Wofür sparte ich dann so eisern beim Essen?
Die Garderobe war jetzt menschenleer und Annika unterhielt sich mit einem jungen Kollegen. Ich hielt ihr das Glas hin, aber sie lehnte ab.
„Mensch, Iso. Doch nicht bei der Arbeit.“
Ich kippte beide Cocktails hinunter und knabberte weiter Süßigkeiten vom Tresen. Annika und ich wärmte die schönsten Geschichten von verwechselten Jacken und Polizeirazzien im Wasserloft auf. Die Zeit verging und es kamen immer wieder irgendwelche hippen Männer vorbei und brachten uns Drinks, die am Ende alle ich trank.
„Guck die nicht alle so aufreizend an!“, lachte ich und Annika boxte mir in die Seite.
„Echt, ich kann nicht mehr und wegschütten will ich die nicht.“
Annika zeigte auf einen Baum im Kübel, der mit Substratperlen befüllt war.
„Kipp’ die da rein, wenn du nicht mehr kannst.“
Wir verbrachten einen lustigen Abend hinter dem Garderobentresen. Meine Schwester vermisste mich offenbar nicht. Gegen eins fand sie mich schließlich, als sie mit einer Freundin vorbeigestöckelt kam, die gerade ihren Mantel abholen wollte.
„Mir ist schlecht!“, sagte ich und Marie lief rot an.
„So kommst du nicht in mein Auto. Ich rufe dir ein Taxi!“
Ich verabschiedete mich von Annika, holte noch schnell Jennas Mantel und Marie verfrachtete mich in einen wartenden, beigen Mercedes.
„Wir reden später!“, sagte sie, buchstabierte dem Fahrer meine Adresse und knallte die Autotür zu.
Zu Hause im Bett schwirrte mir der Kopf. Ich stand lieber noch einmal auf und stellte mir eine große Salatschüssel neben meine Matratze. Nur für den Notfall. Etwas über mir knarrte. Erst war ich nicht sicher, ob ich richtig hörte, aber da war es wieder, dieses Schleichen über meinem Kopf. Ich legte das Ohr an die Stufen und presste dann meine Lippen an einen feinen Spalt im Holz. Einmal tief einatmen und dann grölte ich hindurch.
„Ich höre dich da oben. Jedes Mal!“ Dann schlug ich mit meiner Faust gegen das Holz. Das Getrampel über mir wurde hektisch und rannte davon. Nach oben! Davon war ich überzeugt.
Somit kamen nicht viele Leute infrage. Die Studenten aus dem zweiten Stock waren schon vor meiner Zeit ausgezogen. Frau Amanda traute ich die nächtlichen Spaziergänge nicht zu. Blieben nur noch Herr Bartolomeo von ganz oben oder der Bestatter, der nie seine Wohnung verließ. Zu blöd, dass ich keinen Schlüssel für das Haupthaus hatte. Es blieb mir also nur übrig zu warten, bis Dima seine Konstruktion mit den Bewegungsmeldern gebaut hatte.
Ich stand aus dem Bett auf und schlich um meine Möbel herum. Irgendwann erwische ich dich! Jaha! Anpirschen würde ich mich und dann, zack, drauf schmeißen! Ich sprang bäuchlings über die Lehne meines Sofas. So war es jedenfalls geplant. Dabei knallte ich mit den Oberschenkeln auf das hölzerne Untergestell. Mir wurde schwindelig und ich schnappte nach Luft. Es stach mir durch den ganzen Körper. Bestimmt waren meine Beine abgebrochen und baumelten nur noch an der Haut nach unten. Igitt. Beine. Wie viele hatte ich davon überhaupt? So viele wie Cocktails? Ach, egal!
Am nächsten Tag wachte ich mit zwei dicken blauen Striemen auf den Oberschenkeln auf. Ich lag immer noch bäuchlings auf dem Sofa und mein Kopf fühlte sich an wie ein Druckkessel ohne Ventil. Aufstehen oder liegenbleiben? Ich musste dringend mit Dima sprechen, aber erst, wenn meine Beine das wieder mitmachten.
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