Fünf Stunden unter Dauerbeobachtung meiner Chefin im Büromarkt und dann Hagel auf dem Rückweg. Das war zu viel. Ich schleppte mein Rad die Stufen hinunter ins Souterrain und fummelte das Schloss durch die Speichen. Jetzt nur noch aufs Sofa und Musik aufdrehen. Mein Blick fiel auf den Briefkasten. Er beulte sich schon so weit nach außen, dass man seitlich an der geschlossenen Klappe hineinsehen konnte. Zeit, die Werbung zu befreien. Ich hatte den Schlüssel kaum rumgedreht, da sprang mir das Metalltürchen mit dem Prospektberg entgegen. Gut, dass ich Reflexe wie eine Katze hatte. Es fiel nichts auf den nassen Boden. Mittendrin im Papierchaos leuchtete ein quadratischer, gelber Zettel.
„Ruf mich an, wenn du Zeit hast. Wir haben noch gar keine Nummern getauscht!“
Dima
Auf der Rückseite stand in akkurater Handschrift seine Telefonnummer. Die Frage war nur, wie lange lag der Zettel schon da drin? Den Briefkasten nach Füllstand zu leeren, war vielleicht keine gute Idee. Ich klemmte die Post unter den Arm und schlurfte damit nach drinnen. Meine Hose klebte eiskalt an meinen Oberschenkeln. Ich zog sie aus und wickelte mir eine Plüschdecke um die Hüften.
Im Kühlschrank stand ein Rest eingeweichte Haferflocken vom Frühstück. Nicht ideal, aber sie mussten reichen. Ich setzte mich damit aufs Sofa und rief Dima an.
„Oh, hi!“, sagte er, „ich dachte schon, du machst einen Rückzieher.“
„Wann hast du mir den Zettel denn eingeworfen?“
„Ist schon fast eine Woche her. Ich bin nämlich theoretisch fertig mit meiner Bewegungsmelderbastelei und wollte sie mal tagsüber mit dir testen.“
Die Kälte in meinem Körper wechselte in Aufregung. Wir gingen also tatsächlich gemeinsam auf die Pirsch.
„Hammer!“, sagte ich und wir verabredeten uns für in einer halben Stunde.
Wenig später klingelte ich bei Dima und er ließ mich ins Treppenhaus. Ich lief hinauf und TNT preschte mir auf halbem Weg entgegen. Sie sprang an mir hoch und ich hielt mich schnell am Geländer fest. Ich wollte nach oben und nicht rückwärts, Kopf voran wieder nach unten. Dima rannte mir entgegen und fing TNT ein.
„Komm“, sagte er durch ihr Gebell hindurch, „schnell in meine Wohnung.“
Als ich in seinem Flur stand, schloss er mit einem Schubs die Haustür hinter mir.
„Tja“, sagte er, „und hier siehst du dann auch das größte Problem unserer Mission.“ Er zeigte auf TNT, die zwischen mir und dem Zimmer am Ende des Flurs hin- und herrannte.
„Sobald ich aufstehe, fängt sie an zu bellen.“ Dima ging voran in die Küche. Wir setzten uns gemeinsam an den Küchentisch, etwas seitlich, denn direkt darunter gab es keinen Platz für die Füße. Vier pralle Einkaufstüten lagerten zwischen den Tischbeinen, alle prall vollgestopft und oben zugeknotet.
„Willst du einen Tee?“ Er schaltete den Wasserkocher an und holte zwei Tassen aus dem Schrank.
„Ewok oder Minecraft?“, fragte er und ließ mich zwischen zwei knallbunten Bechern wählen.
„Ewok“, sagte ich, denn die passte perfekt zum Rest der Einrichtung. Knapp unter der Küchendecke verlief ein Regal an allen vier Wänden entlang. Auf dem Brett zum Fenster standen Figuren von Ewoks in allen erdenklichen Ausführungen. Die Fanartikel an den anderen drei Seiten konnte ich nicht zuordnen. Dima goss mir Wasser auf den Teebeutel.
„Also, meine Idee ist folgende! Ich habe meinen Türspion umgebaut. Das ist jetzt ein Bewegungsmelder. Wenn einer vorbeigeht, kriege ich eine Nachricht auf mein Handy. Wenn es also wirklich stimmt, dass es jemand aus dem Haus ist, wissen wir bald mehr!“
„Ah, verstehe“, sagte ich. Wenn dein Ding nachts losgeht, ist es Herr Bartolomeo, denn der muss ja an deiner Tür vorbei. Cool.“
„Genau! Und wenn nicht, dann ist es der Kaminski von unten, oder Frau Amanda oder ein Fremder!“
„Wann wollen wir starten?“
„Meinetwegen gleich. Ich habe noch nicht getestet, wie weit der Bewegungsmelder reicht.“
Ich trank schnell einen Schluck und wir legten los. Ich schlich in verschiedener Entfernung um Dimas Tür herum und probierte alle Ecken und Winkel aus.
„Klappt hervorragend!“, sagte er und wir setzten uns wieder an seinen Tisch.
„Wenn mein Handy nachts Alarm schlägt, rufe ich dich sofort an, ok?“
„Und ich rufe dich an, wenn ich zuerst was höre?“
„Genau! Dann geht die Verfolgung los.“
Ich war jetzt furchtbar aufgeregt. Keine Ahnung, was uns erwartete. Alleine hätte ich mich das sicher nicht getraut, aber zusammen klang es nach Abenteuer.
Hinter dem Haus im Innenhof stand unser Papiercontainer. Auf meinem Couchtisch stapelten sich die Werbeprospekte mittlerweile so hoch, dass ich kaum Platz für meine Füße hatte. Ich sammelte allen Müll zusammen und lief damit durch den Hof zum Abfall. Wie befreiend! Neben dem Container entdeckte ich eine Handvoll fluffiger weißer Federn. Ich sammelte sie ein und trug sie behutsam nach Hause. Daraus ließ sich sicher etwas basteln, vielleicht Wimpern oder Augenbrauen für Fasching. Ach was, Fasching – viel besser für die Selfie-Challenge.
Ich kramte mein weißes Papierquadrat, das ich schon vor vier Wochen benutzt hatte, als Hintergrund raus. Jetzt brauchte ich nur noch ein paar weiße Kunstblumen aus meiner Balkonkiste und schon hatte ich alles beisammen. Thema Farbe weiß, check! Ich klebte das Hintergrundpapier an meine Haustür und legte los. Klick. Die fluffigen Federaugenbrauen wärmten sogar mein Gesicht. Ich beschloss, sie noch eine Weile dranzulassen. Das doppelseitige Klebeband wieder abziehen, wollte ich ohnehin rauszögern. Ich schaute mir das Ergebnis auf dem Display der Kamera an. Das Foto sah cool aus, wie eine lebende Wolken. Ich schickte es Marie und räumte mein Stativ zusammen.

Dima kam mit seinen Hunden aus der Tür. Er zwinkerte mir zu und runzelte dann die Stirn.
„Was ist das in deinem Gesicht?“
„Federn!“, sagte ich und strich mir lässig über die neuen Brauen. Er lachte und spazierte mit Pumpkin auf dem Arm und TNT an der Leine davon.
In der Nacht lag ich schlaflos auf meiner Matratze und starrte im Halbdunkel auf die Holztreppe über mir. Komm schon, wer auch immer du bist. Lauf jetzt durchs Treppenhaus! Bis Mitternacht spielte ich Karten auf dem Handy, bis eins las ich Nachrichten, dann fielen mir die Augen zu.
Mein Handy klingelte in voller Lautstärke in mein Ohr. Ich schreckte auf und tippte in der Dunkelheit wild darauf herum, um schnell abzunehmen. Dimas Nummer leuchtete.
„Ist dein Ding angegangen?“, keuchte ich ins Telefon. Mein Herz raste und ich guckte auf die Uhr. Drei Uhr nachts.
„Ja, ist es. Ich habe aber kurz gewartet, damit TNT nicht gleich losbellt. Hast du nichts gehört?“
„Nein, ich habe geschlafen. Wollen wir hinterher?“
„Ich bin schon angezogen, also wenn du willst.“
Klar wollte ich. Zum Schlafen hatte ich einen Jogginganzug angezogen, der musste reichen.
„Wir treffen uns in zwei Minuten vor der Tür!“
Der Mond schien wie eine Lampe auf unsere Straße. Dima kam aus der Tür geschlichen. Im Gegensatz zu mir hatte er sich eine Jacke angezogen.
„Hast du jemanden gesehen?“, flüsterte Dima. Ich zeigte auf eine Gestalt, die in einiger Entfernung um die Ecke verschwand.
„Meinst du, das ist er?“
„Keine Ahnung, aber jemand anders ist hier nicht.“
„Dann hinterher!“
Ich schlich im Schatten der Häuser neben Dima die Straße entlang.
„Was machst du da?“
„Im Schatten bleiben?“
„Das sieht total auffällig aus!“
Ich richtete mich auf und versuchte es lässiger. An der Straßenecke, an der die Gestalt verschwunden war, blieben wir stehen.
„Da runter oder in den Park?“, fragte Dima.
Ich antwortete nicht, sondern spitzte die Ohren.
„Hörst du das?“, ich zeigte Richtung Grünfläche, „da ist einer im Gebüsch!“
Dima zog mich in einen Hauseingang. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich das jetzt romantisch oder gruselig fand. Dima sah mich an und presste seinen Zeigefinger auf den Mund.
„Lass uns hier warten!“
Die Zeit zog sich und die Kälte stieg am Nacken hinunter in den Jogginganzug. Meine Zähne fingen an zu klappern.
„Willst du meine Jacke haben?“, flüsterte Dima und zog den Reißverschluss auf. Da bewegte sich plötzlich etwas im Gebüsch. Dima stoppte und ich hielt meine Luft an.
Herr Bartolomeo! Ich hatte ihn zwar nie gesehen, aber der Mann, der dort aus den Büschen stieg, trug nur einen Bademantel. Und das bei null Grad Außentemperatur!
Dima packte mein Handgelenk und drückte zu. Er starrte und verzog das Gesicht, ohne zu sprechen. Ich nickte. Ich wollte aus dem Schatten treten, aber Dima hielt mich zurück.
„Wollen wir nicht hinterher?“, flüsterte ich.
„Nein, wir gucken, was er da getrieben hat.“
„Im Gebüsch?“
„Ja, im Gebüsch!“
Als sich der leicht bekleidete Herr Bartolomeo weit genug entfernt hatte, traten wir aus unserem Versteck und schlüpften in den Park auf der anderen Straßenseite. Dima schaltete die Taschenlampe seines Handys an und leuchtete durch die Blätter. Die Äste pikten und das Laub klatschte in mein Gesicht. Mir war so kalt, dass alles doppelt wehtat.
„Dima!“, rief ich und zeigte auf eine aufgewühlte Stelle auf der Erde.
„Da liegen keine Blätter auf dem Boden. Ich glaube der hat was vergraben!“
Wir schauten uns an, dann nickte er schließlich.
„Komm, wir suchen uns Äste und dann graben wir das aus!“
Wow, ein richtiges Abenteuer.
Dima reichte mir einen Stock.
Wir kratzten und schippten, so gut es ging. Zwischendurch leuchtete er immer wieder die Stelle aus, damit wir nicht den halben Park umgruben. Dann sah ich etwas Weißes. Zwar voller Erde, aber deutlich erkennbar. Mir wurde plötzlich mulmig.
„Vorsichtig!“, bat ich Dima. Ich schippte noch ein bisschen links und rechts, während er leuchtete.
„Ist das ein Vogel?“, fragte er.
Ich strich mir unwillkürlich über die Augenbrauen.
„Das ist ein totes, weißes Huhn!“
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