Mein Kugelschreiber kritzelte zarte Federbüschel auf die Tapete. Das Kunstwerk an der Wohnzimmerwand hatte mittlerweile beachtliche Ausmaße angenommen. Gut, dass beim Einzug die Farbe nicht für die ganze Fläche gereicht hatte. Neben mir hatten sich mittlerweile Dima, Frau Amanda, meine Freundin Jenna und meine Nichte Lissy in schwarz und blau ausgetobt. Wenn man dicht davor stand, roch die Wand sogar nach Kugelschreibertinte. Lissy ging einen Schritt zurück und begutachtete ihr blaues Prinzessin-Power-Pony.
„Wer hat den süßen Hund gemalt?“, fragte sie und zeigte in die obere linke Ecke.
„Mein Nachbar Dima“, sagte ich.
„Und warum hast du deinem Vogel Kreuze auf die Augen gemalt?“
Der Vogel, der eigentlich ein Huhn darstellen sollte, beschäftigte mich schon die halbe Woche. Warum schlich mein Nachbar aus dem obersten Stock mit einem toten Huhn durch die Nacht? Dima wiederum kam nicht darüber hinweg, warum jemand ein Huhn im Park verbuddelte, anstatt es einfach zu essen.
„Bestimmt hat ihre Hühnerfamilie eine ganz schöne Beerdigung für sie gemacht.“
Lissy
Lissy schaute mich an und malte nicht mehr.
„Ach so, das Huhn lebt leider nicht mehr“, antwortete ich.
Lissy betrachtete mein Kugelschreiberbild und legte mir ihre kleine Hand auf den Rücken.
„Bestimmt hat ihre Hühnerfamilie eine ganz schöne Beerdigung für sie gemacht.“ Ich ließ die Worte sacken und starrte meine Nichte an. Wie blöd war ich eigentlich, dass mir eine Siebenjährige so eine Antwort liefern musste?
„Lissy, du hast recht! Ihre Familie war sicher ganz traurig!“ Und Familie isst man nicht auf! Das sagte ich lieber nicht laut, sondern behielt es für mich. Vielleicht hatte Lissy das Rätsel gelöst. Herr Bartolomeo konnte das Huhn nicht essen, weil sein Herz daran hing!
Ich griff zum Telefon und wollte Dima anrufen, da klingelte es schon in meiner Hand. Es war Haralds Nummer aus dem Freizeitpark. Ich nahm ab.
„Hey Iso“, sagte er, „du wolltest doch vor ein paar Wochen den Maskottchen-Job. Hast du noch Interesse?“ Aber so was von, ich konnte es kaum glauben.
„Ist allerdings nur diese Woche und auch nicht als unser Maskottchen.“
„Na toll, ich wollte hier gerade ’ne Flasche Sekt aufmachen.“
„Hier sind im Moment vier Leute gleichzeitig krank und wir brauchen diese Woche noch dringend einen Osterhasen. Kannst du das machen?“
Lustig hörte sich das schon an. Ich kannte mich mit Maskottchen-Jobs aus und Geld brauchte ich sowieso.
„Wann?“
„Jetzt!“ Das klang mehr als spontan.
„Ich habe meine Nichte zu Besuch“, sagte ich.
„Kauf ihr eine Karte und bring sie mit. Da findet sich schon was.“
„Die Karten sind mir zu teuer!“
„Mensch Iso, komm einfach, ich lass dich hinten rein. Ich hab‘ das sogar schon mit der Personalabteilung besprochen, dass ich dich anrufe.“
„Hast du Lust auf ein bisschen Freizeitpark?“, fragte ich in Lissys Richtung. Sie sprang um mich herum und nickte.
„Alles klar, wir sind in einer halben Stunde da.“
Im Bus erklärte ich Lissy, wie wir es machen würden.
„Also, ich hüpfe vor den Shows herum und mache Quatsch mit den Leuten, bis es losgeht. Du setzt dich dann mit in die Show und ich hole dich danach wieder ab. Dann gehen wir weiter zur nächsten Show, ok?“
„Was ist das für eine Show?“
„Einmal eine Vogelshow, einmal Zauberer und das dritte weiß ich gerade nicht.“
Lissy strahlte.
„Aber du holst mich ab.“
„Genau.“
Am Tor angekommen, klingelte ich kurz bei Harald durch. Er öffnete uns den Lieferanteneingang.
„Hallo kleine Lady!“, sagte er zu Lissy und beugte sich herab.
„Dich habe ich das letzte mal gesehen, als du noch so klein warst.“ Er zeigte mit der Hand kurz über den Boden.
„Ich gehe schon zur Schule“, lachte sie.
Harald lief voraus und winkte uns hinter sich her.
„Wir haben einen neuen Kiosk, der morgen öffnet. Da liegt schon dein Kostüm und du kannst dich umziehen.“ Sein Walkie-Talkie knackte und Harald drückte auf Empfang.
„Harald, komm mal eben in Sektion 1 zur Schnellen Suse. Hier bockt einer rum und will nicht aussteigen!“
„Na super!“ Er kramte in seiner Hosentasche und fischte einen Schlüssel heraus.
„Zieh dich schon mal um, ich komme gleich zurück.“ Ich nahm den Schlüssel und Harald verschwand den Weg runter hinter der Achterbahn.
„Na dann“, sagte ich zu Lissy und baumelte mit dem Schlüssel, „auf in den Kiosk.“
Die Jalousie des Verkaufsfensters war heruntergelassen und im Inneren des kleinen Häuschens herrschte absolute Dunkelheit. Ich schaltete das Licht ein und sah sofort mein cremefarbenes Hasenkostüm. Lissy hatte nur Augen für die Plastikpötte voller Süßigkeiten, die aufgereiht vor dem verdunkelten Fenster standen.
„Kann ich eine bunte Tüte?“
„Lass mich erst mal das Ding hier anziehen.“ Ich knöpfte mich aus meiner gelben Bluse heraus. Im Moment trug ich jeden Tag komplett gelbe oder blaue Klamotten, falls mir ein genialer Hintergrund über den Weg lief. Zwei Fotos musste ich für meine Selfie-Challenge ja noch erledigen.
In Unterwäsche ließ es sich in diesen Vollsynthetikkostümen am besten arbeiten. Von der Länge passte es, aber der separate Hasenkopf sollte wohl ein schlechter Scherz sein. Das Ding war ein riesiges Monstrum. Die Hasenzähne aus Filz standen in zwei entgegengesetzte Richtungen ab und ließen sich beim besten Willen nicht zurückbiegen. Flonk! Bei jedem Versuch sprangen sie wieder in ihre unnatürliche Position zurück. Dann diese Schnurrhaare. Hatte ein echter Hase so was überhaupt? Auch die standen verknickt in alle Richtungen. Lissy rümpfte die Nase.
„So sieht der Osterhase gar nicht aus! Der ist eigentlich süß!“
Lissy
Sie hatte es auf den Punkt gebracht. Hoffentlich kam ich nach dem Auftritt nicht in die Zeitung.
Panikattacke im Freizeitpark – Monsterhase belästigt Besucher.
„Hast du Geld, Iso? Dann kann ich mir Süßigkeiten kaufen.“ Der Ausblick aufs Schlaraffenland ließ Lissy nicht los.
„Es ist noch gar nicht eröffnet“, sagte ich und Lissy verschränkte frustriert ihre Arme. So hatte ich mir unseren Nachmittag nicht vorgestellt.
Harald klopfte an die Kiosktür.
„Alles bereit da drin?“
Ich setzte schnell meinen Horrorkopf auf. Nicht, dass mich ein Kind so halb als Mensch sah. Im Hasenkopf stank es nach altem Regenschirm und ich hielt kurz die Luft an. Es half nichts, jetzt musste ich da durch. Lissy und ich traten nach draußen in die Sonne.
Meine Sicht reichte nur von Pfote zu Pfote. Das Netz, durch das ich die Welt sah, machte mir das Leben zusätzlich schwer. Alles dunkel und ein viel zu kleiner Ausschnitt für meinen Geschmack.
„Auf zum Hofplatz“, sagte Harald und nahm mir den Schlüssel ab.
„Stopp mal, wieso Hofplatz. Ich denke, wir gehen zur Vogelshow!“
„Nein, da ist das Maskottchen! Du bist der Osterhase, für dich haben wir ein Zelt aufgebaut.“
„Und was mache ich jetzt mit Lissy? Ich hatte ihr die Show versprochen.“
„Entweder sie setzt sich mit dir hinten ins Hasenzelt oder sie kommt mit mir mit und ich zeige ihr die Shows.“
Ich beugte mich zu Lissy herunter und sah sie durch das Gitternetz an.
„Kann ich mit zur Show?“, flüsterte sie durch das Netz hindurch.
„Na gut, wenn das für dich in Ordnung ist.“
Harald führte mich am Arm, so ging es schneller zum Hofplatz. Dort setzte er mich ab und übergab an seinen Kollegen Kai. Lissy winkte und hüpfte an Haralds Hand in Richtung Vogelwelt.
„Kurzes Briefing“, keuchte Kai, „die Schlange ist echt mega lang! Du gehst jetzt von hinten ins Zelt und setzt dich auf einen Strohballen. Die Eier haben wir schon verteilt. Immer 20 Kinder für 10 Minuten. Dann verstecken wir die Eier für die nächste Runde.“ Besonders österlich klang das nicht, eher nach Massenabfertigung.
Kai hob einen riesigen Lappen Plane in die Höhe und führte mich hindurch in ein winziges Zirkuszelt.
„Setz dich hier hin und dann winken, ok?“
„Aber-“
„Ich lasse jetzt die Kinder rein!“ Er rannte zum Eingang und zog den Vorhang zur Seite. Dann brach die Horde los.
Ich hatte mich schon auf Lissys Schulhof immer gefragt, warum Kinder kreischen, wenn sie Spaß haben. Das hier war beängstigend. Vielleicht ganz gut, dass keiner mein echtes Gesicht hinter der Maske sah.
Die Jungs und Mädchen rannten durch Stroh und Heu, das hier einen halben Meter hoch aufgeschüttet lag.
„Ich hab‘ eins!“, schrie ein Kind.
„Das war aber meins!“, ein anderes.
Sie wühlten sich in alle Richtungen durch die Lagen, um Eier zu suchen. Ein Dunst erfüllte die Luft wie in einem Sandsturm und die Halme flogen in Büscheln.
Blöd nur, dass ich Heuschnupfen hatte und das nicht zu knapp. Erst fingen meine Augen an zu tränen, dann musste ich niesen. Es war so markerschütternd laut, dass die Kinder für einen Moment zu mir herübersahen. Jetzt erst merkte ich, wie überflüssig mein Job hier war. Was zählte, waren nur die Schokoeier.
Ein Junge stellte sich direkt in mein Sichtfeld.
„Ich weiß sowieso, dass du ein Mensch bist. Den Osterhasen gibt’s gar nicht und wenn, ist der nicht so hässlich wie du!“
Danke auch. Ich nieste wieder.
„Sag ich doch!“, schimpfte er und steckte sich sein Schokoei in den Mund. Meine Augen schwollen weiter zu.
Kai stellte sich in die Mitte des Zeltes und legte die Hände wie ein Megafon an den Mund.
„Jetzt alle Tschüss sagen zum Osterhasen! Die nächste Gruppe ist dran.“
Ein Mädchen lief zu mir und drückte sich kurz an mein Bein. Der Rest der Bande stürmte mit ihren Schokoschätzen zurück ins Freie.
Ich saß wieder alleine mit Kai im Zelt. Er griff in eine Tasche an seinem Gürtel und warf Hände voll Süßigkeiten ins Stroh. Es sah aus, als wolle er die Ernte ausbringen.
„Alles klar bei dir?“, fragte er, wartete meine Antwort aber nicht ab.
„Weiter geht’s mit Runde zwei. Die Schlange ist lang!“ Wieder zog er die Vorhänge zur Seite und die Odyssee begann von Neuem. Ich beschloss, wie angewurzelt sitzenzubleiben und in Richtung Eingang zu winken. Sehen konnte ich mittlerweile eh nichts mehr. Meine Augen fühlten sich an wie angeklebte Pflaumen. Ich bekam überhaupt nicht mehr richtig mit, was um mich herum passierte. Die wievielte Runde war das schon? Als Kai die Kinder wieder nach draußen gelotst hatte, nutzte ich den Moment und setzte meinen Hasenkopf ab. Einmal durchatmen, so gut das in dieser Staubhölle ging.
„Ich hab nur Unterwäsche drunter.“
Iso
„Oh mein Gott!“, rief Kai und ich drehte mich weiter in die Richtung, aus der seine Stimme kam.
„Was ist mit deinem Gesicht los?“ Offenbar sprach er mit mir.
„Heuschnupfen!“, sagte ich und nieste, wie zum Beweis.
„Du musst hier sofort raus, deine Augen!“ Kai griff mich wieder am Arm und ich tappte ihm blind hinterher durch den Schlitz in der Zeltplane.
„Gib mir das Kostüm. Ich rufe Harald, der soll dir helfen und dann mache ich selbst weiter als Hase.“
„Ich hab nur Unterwäsche drunter.“ Ich hörte, wie Kai die Luft durch die Zähne einzog.
„Hier, nimm meinen Pullover. Ich sag Harald, dass er dir eine Hose mitbringen soll. Wo sind denn deine Klamotten?“
„Noch im neuen Kiosk.“ Ich quälte mich aus dem Kostüm und schlüpfte in Kais Sweatshirt. Mittlerweile war mir alles egal. Ich konnte eh nicht sehen, wer mich hinter dem Zelt so ohne Hose angaffte. Kai erreichte Harald über Funk und drückte meine Hand mit der Plüschpfote.
„Ich mache jetzt weiter!“, sagte er und ich hörte, wie er die Zeltplane wieder zur Seite zog.
Kurze Zeit später hörte ich Haralds erlösende Stimme.
„Hier sind deine Sachen“, sagte er und legte mir den Stoff in die Hand, „und eine Allergietablette!“ Harald hatte sogar an eine Flasche Wasser gedacht. Ich schluckte die Tablette und schlüpfte blind in die Hose.
„Lissy, bist du auch da?“
„Ja. Streck’ mal die Zunge raus, ich kühle dich.“ Harald hatte ihr ein Eis gekauft.
„Das war wohl nix“, sagte er und führte mich zu einem Klappstuhl, „erst wollten dich neulich unsere Schweine fressen, dann killt dich fast der Osterhasen-Job.“
Vielleicht war meine Zeit im Freizeitpark wirklich vorüber.
„Ich wollte dir gerade den Vertrag für die Woche geben.“
„Behalt’ den, ich will nur noch nach Hause.“
Auf dem Rückweg im Bus saßen Lissy und ich nebeneinander und schwiegen. Ich hielt meine Augen geschlossen, obwohl ich mittlerweile wieder gucken konnte.
„Das war ein schöner Tag!“, sagte Lissy schließlich und lehnte sich an meine Schulter. Na bitte, wenigstens eine war glücklich.
„Wir müssen hier raus, Tante Iso!“
Ich öffnete meine Augen, holte einmal tief Luft und stand auf. Wir schlenderten die Straße entlang zurück zu meiner Kellerwohnung.

„Guck mal, alles gelbe Blumen!“, sagte Lissy, „das wolltest du doch für dein Foto!“ Ach warum nicht, dachte ich, dann hatte der Tag wenigstens einen passablen Abschluss. Ich hockte mich vorsichtig zwischen die Osterglocken und zückte mein Handy.
„Hey da!“, pöbelte eine Stimme vom Gehweg, „nich‘ die Blumen abreißen! Das ist verboten!“
Ich schaute erschöpft zu dem Mann mit dem hochroten Kopf.
„Es liegt mir fern, hier irgendetwas abzureißen. Ich fotografiere.“
„Aha, ich seh’ aber keine Kamera!“ Was für ein Tag.
„Und was macht das Kind da?“ Ja, was machte Lissy? Sie hatte sich ebenfalls zwischen die Narzissen gesetzt, nur fotografierte sie nicht, sondern düngte die Grünanlage mit halbverdauten Gummibärchen.
„Mir ist schlecht Tante Iso“, sagte sie. Eine Information, die ich gerne vorher gehabt hätte. Es half jedenfalls, den wütenden Mann loszuwerden.
„Meine Güte, was hat Harald dir alles gekauft?“ Ich tupfte ihr Gesicht notdürftig mit meinem Ärmel ab.
„Alles, was ich wollte.“ So erreichten wir mein Zuhause. Eine bleich wie Raufasertapete und eine verquollen wie ein matschiger Marshmallow.
In meiner Wohnung ging es Lissy schon besser. Trotzdem stellte ich ihr meine Salatschüssel auf den Couchtisch.
„Tante Iso?“
„Ja?“
„Ich möchte die Süßigkeiten nicht mehr haben.“ Sie zog eine bunte Tüte nach der anderen aus ihrer Jackentasche und legte sie auf den Tisch.
„Du kannst alles haben, wenn du willst.“
„Danke“, sagte ich, „die kann ich sicher gut gebrauchen. Ich glaube ich bekomme bald Besuch von meinem Nachbarn von ganz oben.“
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