Pumpkin hatte seinen flauschigen Hundekopf auf meiner Schulter abgelegt und schnarchte mir gleichmäßig ins Ohr. Mein Nachbar Dima war heute beruflich verreist und hatte mich gebeten, am Nachmittag auf seine zwei Hunde aufzupassen. TNT lag in ihrem Körbchen und zuckte im Traum mit den Beinen. Komisch, dass Schlafgeräusche von Hunden einen viel positiveren Effekt auf mich hatten als Männerschnarchen. Ich drehte mich ein wenig auf dem Sofa und Pumpkins kalte Nase stieß an mein Ohr. Er blieb auf mir liegen und schmatzte direkt in meinen Gehörgang. Alles drei eigentlich unerträglich, aber nicht bei dieser Hundekuschelwolke. Sogar seine Füße dufteten. Vielleicht brauchte ich auch ein Haustier. Ich ließ den Blick durch meine Kellerbude schweifen, über Umzugskisten und mein Bett ohne Beine und verwarf den Gedanken gleich wieder. Die Spinnen in den Fensterrahmen mussten fürs Erste reichen.
Ich hatte mir für heute vorgenommen, Herrn Bartolomeo aufzusuchen und ein für alle Mal zu klären, was er Nacht für Nacht in unserem Hausflur trieb. In einer Stunde kam Dima zurück, um seine Hunde abzuholen. Bis dahin wollte ich alles geklärt haben. Behutsam schob ich Pumpkin von meinem Oberkörper aufs Sofa. Er reagierte kaum. TNT öffnete leider sofort die Augen und stand im nächsten Moment an meiner Eingangstür. Hoffentlich ging das gut und sie ließ mich raus, ohne durch die Tür zu flitschen. Mit der „Hund-am-Halsband-halten-und-unter-Schmerzen-den-Arm-durch-den-Spalt-quetschen-Technik“ ging es.
Ich drückte den Messingknopf neben Herrn Bartolomeos Klingelschild und rieb mir den Arm. Es dauerte eine Weile, dann knackte die Gegensprechanlage.
„Ja bitte?“ Die Stimme klang zögerlich und erschöpft.
„Hallo, hier ist Iso Aroma, ihre neue Nachbarin aus der Souterrainwohnung. Ich würde Ihnen gerne etwas zeigen.“ Wieder Stille in der Leitung.
„Keine Zeit!“, kam es knapp aus dem Lautsprecher, dann knackte die Anlage wieder und blieb stumm. Ich klingelte ein zweites Mal, aber Herr Bartolomeo antwortete nicht mehr. Ich hätte ihm nicht gleich sagen sollen, dass ich aus der Kellerwohnung komme, dachte ich und drückte Frau Amandas Klingel.
Sie öffnete mir die Tür und lud mich direkt zum Kaffee ein.
„Heute leider nicht“, sagte ich, „später vielleicht. Jetzt muss ich einmal kurz nach oben.“ Sie blieb in ihrer geöffneten Tür stehen und sah mir neugierig nach.
Oben angekommen klopfte ich an Herrn Bartolomeos Haustür. Durch die Tür hörte ich Schritte im Flur, aber niemand öffnete.
Nachdem mich Lissy auf die Idee gebracht hatte, dass das vergrabene Huhn Herrn Bartolomeo etwas bedeutet hatte, kam mir eine alte Geschichte aus meiner Kindheit in den Sinn. Ich ging einen Schritt dichter an die Tür und sprach durch das Holz, sicher, dass er auf der anderen Seite stand und mich hörte.
„Als ich neun war, hatte ich einen Hamster und eines Tages lag Nugget tot im Käfig. Ich konnte es nicht glauben, redete mir ein, dass er schläft und versteckte ihn im Häuschen, damit meine Eltern ihn mir nicht wegnahmen. Nach zwei Tagen entdeckten sie ihn und meine Mutter brachte ihn weg, ich weiß nicht wohin. Meine Schwester sagte damals, ich soll mir einfach einen neuen kaufen. Hamster gäbe es im Baumarkt und die seien billig. Manche Menschen verstehen einfach den Wert von Tieren nicht.“
Stille. Dann das Klappern von Metall und ich hörte, wie Herr Bartolomeo die Kette an der Innenseite seiner Tür zurückzog. Er öffnete nur einen Spalt, aber es reichte, um zu sehen, dass er nackt war. Jetzt nicht beirren lassen und cool bleiben.
„Waren Sie das, die mich neulich nachts verfolgt hat?“
Herr Bartolomeo
„Oh, ich dachte, wir hätten das ganz unauffällig hingekriegt.“
Er lächelte müde und schüttelte den Kopf.
„Ja, das waren Herr Gupta von unter Ihnen und ich.“ Peinliches Schweigen.
„Und nach dem, was Sie da gerade vor meiner Tür geredet haben, wissen Sie also auch von Sibylle?“ Er warf einen schnellen Blick zurück in seine Wohnung und knallte ganz unvermittelt die Tür vor meiner Nase zu.
Huch, damit hatte ich nicht gerechnet und eine Sibylle kannte ich auch nicht. Was war das bloß für ein Haus? Entweder ließen dich die Bewohner vor ihrer Tür stehen oder sie nahmen dich gleich in die Familie auf. Ein Dazwischen gab es nicht. Ich hörte ein leises Klappern am anderen Ende des Treppenhauses. Das war hundertprozentig Frau Amanda, die lauschte.
Da öffnete sich die Haustür ganz unvermittelt. Herr Bartolomeo trug jetzt einen Bademantel und schlüpfte zu mir in den Flur. Zack, zog er die Tür hinter sich zu und schloss zweimal ab. Er studierte mich von oben bis unten, bevor er sprach.
„Was wollen Sie wirklich hier?“
„Ich möchte Ihnen etwas zeigen!“
„Ich weiß schon, ich habe sie ja selbst beerdigt.“
„Ich meine nicht Ihr Huhn. Kommen Sie einfach mit.“ Ich ging voran und hoffte, er würde mir folgen. Stufe für Stufe und jetzt bloß nicht nach hinten gucken. Er stapfte mir schließlich doch hinterher. Ich ging aus dem Haus, über den Bürgersteig und die Stufen hinunter zu meiner Kellerwohnung. An der Haustür zögerte mein Nachbar kurz auf den Bürgersteig zu treten, eilte mir aber doch hinterher in meine Souterrainwohnung. Ich hatte es geschafft, die scheue Schnecke aus ihrem Haus zu holen.
TNT bellte an meiner Wohnungstür.
„Haben Sie ein Problem mit Hunden?“
„Nein, ich mag alle Tiere.“
Ich setzte mich auf meinen Sessel lud ihn auf mein Sofa ein, aber Herr Bartolomeo blieb in der Nähe der Tür stehen.
„Kann ich Ihnen eine bunte Tüte anbieten?“ Die prallen Dreieckstütchen lagen noch von Lissy aufgereiht auf meinem Tisch. Herr Bartolomeo lehnte kopfschüttelnd ab.
„Was wollen Sie mir jetzt zeigen? Ich würde gerne wieder hochgehen.“
Ich zeigte auf meine Schlafnische.
„Sie brauchen jetzt nachts nicht mehr über die Holztreppe schleichen. Ich habe Sie immer genau gehört, jeden Schritt, aber jetzt ist alles gedämmt. Laufen Sie ruhig fröhlich drüber. Wenn Sie wollen, können wir es mal testen.“
Herr Bartolomeo starrte auf die Isomatten, die ich von unten an die Holztreppe genagelt hatte. Dazu noch einige dünnere Kissen, für die ich eh keinen anderen Platz mehr fand. Das Ganze sah aus wie eine bunte Tropfsteinhöhle. Völlig aufrichten im Bett ging zwar nicht mehr und mein Kängurukostüm brauchte einen neuen Platz, aber dafür hörte ich keine Schritte mehr.
Herr Bartolomeo drehte sich zu mir um. Seine Augen gerötet, schlurfte er zum Sofa und ließ sich auf die Polster fallen. Dann vergrub er sein Gesicht in den Händen. Das war wohl nach hinten losgegangen. Eigentlich hatte ich gehofft, dass er sich freut.
Der alte Mann hob seinen Kopf und schaute mich an.
„Als Sie mich nachts verfolgt haben, dachte ich, Sie verpfeifen mich, schicken mir das Amt auf den Hals. Aber das-“, er zeigte auf meine Schlafnische, „warum tun sie das?“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Ich kann besser schlafen und Sie brauchen nicht mehr schleichen.“
„Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass mich jemand auf der Holztreppe belauscht. Als hätte ich geahnt, dass sie genau darunterliegen.“
Er sah mich wieder an, lächelte und wischte sich mit dem Handrücken die Augen trocken.
„Eins habe ich aber noch nicht verstanden“, sagte ich, „warum sind Sie so oft nachts unterwegs?“
Er stand auf und streckte mir seine Hand entgegen, wie ein Vater seinem Kind.
„Dann möchte ich Ihnen jetzt etwas zeigen.“
Beim Betreten seiner Wohnung bemerkte ich einen ungewöhnlichen Geruch, den ich nicht gleich einordnen konnte. Ich fühlte mich ganz kribbelig, wie jemand, der das erste Mal einen unerforschten Ort in der Wildnis betritt und keine Ahnung hat, was als Nächstes passiert. Die Wohnung erstreckte sich über das gesamte Dachgeschoss, das war mir vorher gar nicht bewusst gewesen. Am Ende des Flurs öffnete er eine Tür und ich hörte bereits, was mich gleich erwarten würde. Hühner! Der Raum, der in etwa so groß wie meine ganze Wohnung war, lag mit einer zentimeterdicken Schicht Sand bedeckt. An den Rändern zur Wand ragte an einigen Stellen blaue Plane heraus. Es gab Pflanzen, ein Hühnerhaus und sogar einen eigenen Hühnerbalkon. Ich zählte sechs Tiere.
„Letzte Woche war ich unvorsichtig und da hat es Sibylle auf dem Balkon erwischt. Greifvogel. Ich konnte ihn verscheuchen, aber da war es für die Arme schon zu spät und ich musste sie beerdigen.“
„Wie viele Hühner mussten Sie denn beerdigen, so oft wie sie nachts unterwegs sind?“
Herr Bartolomeo lachte.
„Nein, nein. Ich muss sonst nur den Mist loswerden. Aber wenn das hier einer mitkriegt, dann schmeißt mich der Vermieter sofort raus. Der hasst Tiere.“
Oha, ich fragte mich, ob Dima das wusste, mit seinen zwei Hunden.
„Und warum machen Sie das, wenn alles so riskant ist?“
„Weil die Baugesellschaft meinen Kleingarten für ein Reihenhausprojekt eingestampft hat. Ich musste nach dreißig Jahren alles aufgeben. Was hätte ich denn mit meinen Hühnern machen sollen?“
Gut, dass Dima gerade nicht da war. Seine Grillhähnchenantwort hätte Herrn Bartolomeo sicher nicht gefallen.
Ein Huhn mit puscheligen Füßen und ohne Schwanzfedern kam auf mich zugelaufen.
„Das ist Dagmar.“, sagte Herr Bartolomeo und hockte sich hin. „Ich habe sie nach meiner Jugendliebe benannt. Da hinten, das ist Brigitte, meine erste Frau.“ Ich fragte lieber nicht, wer Sibylle im echten Leben gewesen war.
„Kommen Sie mit“, sagte Herr Bartolomeo und ich folgte ihm in die Küche.
„Nehmen Sie die hier, die sind von heute.“ Die verschiedenfarbigen Eier in meinen Händen fühlten sich angenehm glatt an. Ich bedankte mich und warf einen Blick auf die Küchenuhr. Mist, wahrscheinlich stand Dima schon vor meiner Tür. Ich versprach Herrn Bartolomeo, niemandem sein Geheimnis zu verraten, außer Dima, der ihn ja mit mir nachts verfolgt hatte, und rannte die Treppe nach unten zu meiner Wohnung.
Da stand er auch schon und tippte gerade in sein Handy.
„Wo kommst du denn her?“, fragte Dima, als er mich aus dem Haus kommen sah.
„Lange Geschichte!“, sagte ich.
„Passt ja super! Ich hab’ nämlich eine Überraschung für dich. Hast du Zeit?“
Dima
Klar hatte ich Zeit und ich liebte Überraschungen.
„Los, du ziehst dir was blaues an, war doch blau, was dir noch für die Selfie-Challenge fehlt, oder? Dann schnappen wir die Hunde und machen eine kleine Tour. Ich habe heute nämlich den perfekten Hintergrund für dein Bild gefunden.“
Wie toll war das denn? Er suchte Locations für meine bekloppte Wette mit Marie?
Während er seine Hunde im Auto verlud, schlüpfte ich in ein blaues Kleid mit Punkten. Ich packte noch ein paare blaue Dinge ein, die mir in die Finger kamen und schon ging es los.
Wir hielten am Rande eines Industriegebietes am anderen Ende der Stadt. Ein kleiner Weg führte an Lagerhallen und Höfen entlang. TNT zerrte an Dimas Leine und ich trug Pumpkin auf dem Arm. Ich erzählte ihm den ganzen Nachmittag von Herrn Bartolomeo und seinen Hühnern.
„Jetzt kennen wir die ganze Geschichte, weil du nicht lockergelassen hast“, sagte er und „mutig, dass du ihn einfach zur Rede gestellt hast.“ Dima blieb stehen und nahm mir Pumpkin aus dem Arm.
„Hier ist es, ein cooler blauer Container! Was sagst du?“ Die Location passte perfekt. In kürzester Zeit hatte ich alle Bilder im Kasten und ich gefiel mir zur Abwechslung sogar mal darauf. Ich umarmte Dima zum Dank, mit Pumpkin zwischen uns als Barriere. Mist, aber auch kuschelig.

In meiner Jackentasche brummte mein Handy. Ich zog es heraus, schaute auf die unbekannte Nummer im Display und nahm das Gespräch an.
„Iso Aroma.“
„Guten Tag, Frau Aroma! Galerie Schechwanzur. Herr Schechwanzur hat mich beauftragt, Flugtickets für Sie beide zu einem anstehenden Kunst-Event nach Oslo zu buchen. Er freut sich schon. Ich bräuchte dafür bitte nur noch Ihr Geburtsdatum.“
Das kam unerwartet. Oslo klang gut, allerdings wäre ich lieber in anderer Begleitung verreist.
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