„Hast du einen ordentlichen Koffer?“ Meine Schwester Marie stand in der Mitte meiner Einzimmerwohnung und guckte sich um. Ein Großteil meines Krempels, der eigentlich nach dem Umzug keinen Platz mehr hatte, schlummerte in Umzugskisten. Ein anderer Teil aber steckte in Taschen und Köfferchen verschiedener Größe.
„Ich habe einen Reisekoffer. Aber für ein Wochenende reicht doch ein Rucksack.“
Marie zog eine Augenbraue hoch.
„Zeig mal her, deine Reisetaschen!“ Ich hätte es besser wissen sollen. Egal, was ich vorführte, sie waren ihr zu rot, zu billig, zu unpraktisch oder schlicht zu altbacken.
„Wir müssen shoppen!“, beschloss sie über meinen Kopf hinweg und diesmal war ich es, die die Augenbrauen hochzog.
„Ich bezahle dir den Koffer. So kannst du jedenfalls nicht mit Marco nach Oslo.“
Aha, Marco. Seit wann duzte sie den eigentlich?
„Sag mal, trägt er eigentlich immer ein goldenes Brokat-Sakko?“
„Natürlich, das ist sein Markenzeichen!“
Ich bückte mich nach meinen Monsterhausschuhen und stellte sie zurecht.
„Wage es nicht!“, sagte Marie.
„Markenzeichen!“
„Wenn du diese Chance platzen lässt, dann kille ich dich!“
Marie
„Muss ich, um es nicht platzen zu lassen, mit dem ins Bett oder auf die Besetzungscouch?“
„Du guckst zu viele schlechte Filme!“
„Ich mein‘ ja nur. Das war nämlich nicht mein Plan.“ Iso und das Goldmännchen, nein, das klang blöd! Und bestimmt schwitzte der Typ in seinen Goldklamotten ganz fürchterlich.
Noch vier Wochen bis zu der geplanten Reise nach Norwegen. Mittlerweile hatte meine Schwester mich eingeweiht, dass sie zusammen mit dem Galeristen den Plan ausgeheckt hatte, meine Selfies als Kunst bei einem Händler in Oslo vorzustellen. Die ganze Sache fühlte sich an wie ein James Bond Film. Umherjetten, wichtige Leute kennenlernen, dabei viel Geld verdienen und ein Typ im goldenen Anzug. Die Frage, die mir durch den Kopf jagte, war nur, wer sich hier eigentlich profilieren musste. Naja, besser als weiter pleite sein war der Trip allemal.
„Weißt du schon, was du zum Interview anziehst?“ Bis zu diesem Moment hatte ich noch damit gerechnet, dass mein Job aus nicken und wichtig gucken bestehen würde. Ein Interview in Englisch oder gar in Norwegisch? Das wurde mir langsam alles zu kompliziert.
„Was hast du eigentlich für ein Problem, Marie? Die sehen alle meine Bilder mit Vogelnest und Luftballons auf dem Kopf. Glaubst du irgendwer erwartet, dass ich da im Hosenanzug auftauche?“
Marie legte eine alte Ledertasche zurück, die sie die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte.
„Dann lass uns wenigstens einen neuen Koffer kaufen. Das Ding hier stinkt und ich traue dir zu, dass du sonst mit deiner Kühltasche als Gepäck nach Oslo fliegst.“
Wir stiegen in ihr Auto und ein gelber Käfer fuhr in Schrittgeschwindigkeit an uns vorbei. Ich erkannte Dima am Steuer, der offenbar einen Parkplatz suchte. Das Auto hatte ich noch nie gesehen. Ich winkte und zeigte ihm an, dass wir wegfahren würden.
„Kennst du den?“, fragte Marie und schaute über den Rückspiegel nach hinten.
„Ja, das ist mein Nachbar. Und ob du es glaubst oder nicht, er findet mein Kängurukostüm cool.“
„Wenn das stimmt, kann ich mir schon vorstellen, was für ein Typ das ist. Voll-Nerd?“
Ich dachte einen Moment nach und überlegte, was ich meiner Schwester erzählen wollte.
„Er ist nett und hat zwei Hunde“, sagte ich und dabei beließ ich es fürs Erste.
Sie fuhr los und heizte viel zu schnell durch die Innenstadt. An einer roten Ampel sah sie mich kurz an.
„Hätte ich fast vergessen!“, sagte sie und kramte zwischen den Sitzen in ihrer Handtasche.
Sie reichte mir ein Kärtchen auf dem stand: „hier und jetzt“
„Was ist das?“
„Sorry, hatte keine Zeit. Das ist deine neue Challenge für Mai. Verstehst du es?“
„Nein.“
„Wir sitzen im Auto? Das soll unterwegs heißen.“
„Sehr kreativ. Ist dir das auf dem Weg zu meiner Wohnung eingefallen?“
Maries Stimme klang zunehmend genervt.
„Mach es einfach und gut.“
Eigentlich konnte ich mein erstes Selfie gleich in ihrem Auto fotografieren, aber das fühlte sich zu simpel an. Außerdem war ich jetzt angehende Künstlerin, da reichte kein billiger Schnappschuss auf dem Beifahrersitz.
„Was hältst du von ein bisschen Wellness oder Friseur oder Kosmetik? Ich lade dich ein.“ Meine Schwester musste wirklich große Angst haben, dass ich mich in Oslo wie ein Penner aufführen würde.
„Kann ich mir was aussuchen?“ Das erste Mal an diesem Tag erhellte sich ihr Gesicht.
„Klar, was wollen wir machen?“
„Knabberfische!“ Und schon war’s wieder vorbei mit der guten Laune.
„Knabberfische? Wen schert bitte die Hornhaut an deinen Füßen? Ich hatte an etwas Sichtbareres gedacht: Augenbrauen zupfen, Strähnen oder Wimpernwelle.“ Ich schwieg und sah sie nur an.
„Iso, dir ist echt nicht mehr zu helfen!“
Marie
Wir verbrachten den Nachmittag mit einem Glas Sekt in der Hand und den Füßen in einem riesigen Aquarium voller Minifische. Es kribbelte angenehm und das Knabbern der kleinen Tierchen war kaum spürbar, herrlich.
„Hast du das mit Johannes mitgekriegt?“ Meinen Bruder hatte ich vor Wochen das letzte Mal gesehen. Das wurde mir erst in diesem Moment bewusst.
„Was meinst du genau?“
„Dass seine Ex ihn stalkt. Sie ruft ihn ständig an und realisiert nicht, dass Schluss ist. Im Büro hat sie ihm auch schon eine Szene gemacht.“
„Ist das die von deiner Silvesterparty, die ihn so angeschmachtet hat?“
„Genau, das ist das Problem. Sie ist eine gute Kundin von mir und ruft mich jetzt auch noch ständig an. Johannes sagt, es war so ein Ding für eine Nacht, sie meint, sie hätten eine Beziehung.“
Es war nicht immer von Vorteil, bildschön zu sein. Mein Bruder hatte diese irre Anziehungskraft, dafür endeten seine Beziehungen fast immer in einem Drama. Jeder und jede verliebte sich gleich in ihn.
Mit zarten, frischen Füßen standen wir im Kofferladen unseres größten Einkaufszentrums. Gängeweise standen hier die tollsten Gepäckstücke, mal mehr und mal weniger pompös in der Auslage. Vom Ponyrucksack bis zum Titankoffer gab es alles, was das Reiseherz begehrte. Meine Schwester schwirrte wie ein Satellit durch die Gänge und scannte jedes Produkt in Rekordgeschwindigkeit. Ich konnte mich nicht entscheiden, das war alles viel zu viel. Wir blieben bei den Kabinenkoffern stehen.
„Iso, der Mann hat wirklich viel Einfluss. Da hängt auch für mich eine Menge dran.“ Endlich gab sie das ehrlich zu.
„Dann gib mir den goldenen!“
„Was, den hier? Ist nicht etwas dick aufgetragen?“ Sie drehte das Preisschild um. Vierhundert Euro. Marie stöhnte, griff sich den Koffer und rollte ihn zur Kasse. Wenn sie sich für etwas entschieden hatte, ging danach immer alles rasend schnell.
Eine halbe Stunde später stand ich schon wieder vor meiner Haustür mit einem goldenen Gepäckstück vor meiner ramschigen Kellertür.
„Du armes Ding“, sagte ich zu meinem neuen, glänzenden Reisegefährten, „hast dir sicher ein stylisches Zuhause gewünscht.“ Mein neuer Koffer wirkte wie ein Alien in all dem Kram, der überall herumlag. Ich legte ein Handtuch darüber, so sehr irritierte mich der protzige Anblick. Zum Glück kam mir aber eine passende Idee für mein erstes Selfie im Mai. Zum Thema unterwegs passten meine alten Taschen doch perfekt.
Ich sammelte all mein verschmähtes Gepäck zusammen und türmte es im Hinterhof für ein haushohes Selfie auf. Ich stopfte Bücher und Kissen in den Koffer und die Taschen, damit nicht gleich alles in sich zusammenkrachte. Dann setzte ich mich oben auf mein wackeliges Kunstwerk. Meine treuen Taschen waren eben doch für etwas gut.

Dima kam um die Ecke und meine SerienbildEinstellung legte los. Er lachte und schüttelte den Kopf.
„Hab ich doch richtig gesehen, dass du hier wieder was Verrücktes veranstaltest. Hast du Lust auf eine Wochenendspritztour in meinem neuen Auto? Ich habe nächsten Montag frei.“
Fast wäre ich von meinem Taschenhaufen gefallen. Hatte er mir da gerade einen gemeinsamen Kurzurlaub vorgeschlagen? Am liebsten hätte ich sofort gepackt, wäre da nicht diese eine Hürde. Ich musste meine Büromarktchefin überzeugen, dass ich gleich zweimal kurzfristig Urlaub brauchte. Dann war ich bereit für die nächste Stufe mit Dima.
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