19. Cabrio Tour

Dima hatte das Dach seines Käfer Cabrios aufgeklappt, als ich mit meinem Rucksack die Kellertreppe hinaufkam. TNT saß auf der Rückbank und sah mich kommen. Sie trug etwas auf dem Kopf, das aus der Ferne aussah wie ein Mini-Motorradhelm.

„Hab‘ ich neu gekauft, passend zum neuen Auto!“, sagte Dima, als ich auf ihren lustigen kleinen Hundekopf zeigte. „Das ist ein Gehörschutz, damit wir die Musik richtig aufdrehen können.“ TNT sah einfach zu witzig aus, ein Wunder, dass sie die Dinger an den Ohren so anstandslos anbehielt. Pumpkin lag neben ihr auf der Rückbank und hob kurz den Kopf.

„Und er?“, fragte ich.

„Pumpkin hört nicht mal mehr den Staubsauger, das geht klar bei ihm.“ Was waren wir doch für eine lustige Ausflugstruppe. Ich wollte mein Handy für ein Gruppenbild zücken, steckte es dann aber doch wieder weg. Nachher fand Dima das zu übergriffig, Familienidyll und so. Insgesamt schien er mir nicht unbedingt der stürmische Typ zu sein. Oder lag es an mir? Oh Gott, schnell wieder vergraben den Gedanken, denn gleich ging’s los in unseren ersten gemeinsamen Kurzurlaub – als Nachbarn.

Dima hing mit dem Oberkörper über dem Fahrersitz und schnallte seine Hunde an einer selbstgebauten Konstruktion an. Er war so ein toller Hundevater. Mensch Iso, reiß dich zusammen, dachte ich und stellte mir schnell irgendwas Unromantisches vor, um wieder runterzukommen – meine Schwester!

„Ah Mist“, fluchte er und setzte sich wieder hin.

„Geht’s nicht?“, fragte ich und schaute zu den Hunden.

„Doch, doch, ich habe mich nur irgendwie blöd drübergelehnt.“ Er hielt sich den Bauch und atmete lang aus. „Geht gleich wieder.“

„Verrätst du mir jetzt, wohin wir fahren?“, wollte ich wissen.

Dima grinste und ließ den Motor an. Dann tippte er kurz auf seinem Telefon herum und aus dem Lautsprecher auf der Rückbank schallte mit vollem Bass seine Lieblingsband Bloodywood.

„Lass dich überraschen“, brüllte er gegen die Musik und den knatternden Oldiemotor an, „vielleicht kommst du irgendwann drauf. Ich verrate nur, dass es schön ist und du da gemütlich ein Selfie mit dem Auto machen kannst.“

Dima parkte aus und wir rollten als fahrende Musikbox durch unsere Straße in Richtung Bundesstraße. Je schneller wir wurden, desto mehr wirbelte der Fahrtwind Dimas perfekte schwarze Haare durch sein Gesicht. Hör auf zu starren, Iso, redete ich mir als Mantra ein. Ich schloss die Augen und genoss den Wind auf meiner Haut. Leider besserte sich mein Zustand nicht. Ich stellte mir vor, dass er jetzt mich beobachtete, so von oben bis unten mit einem wohlwollenden Gesichtsausdruck. Ich blinzelte einen kurzen Moment zu ihm rüber und er lachte mich an. Ich erschrak und fühlte mich ertappt. Mein Kopf wurde heiß und Schweißbäche schossen aus meinen Achseln. Ich kniff meine Augen fest zusammen. Was für ein Kleinkind-Move dachte ich und hätte mich am liebsten selbst an den Schultern gepackt und geschüttelt. Eins war klar, dies wurde entweder ein geniales Wochenende oder ich machte mich komplett zum Affen. Ich hatte immer noch das Gefühl, dass von seiner Seite nichts kam, auch wenn er mich zu diesem Trip eingeladen hatte. Stark sein, Iso und Augen auf!

Wir brausten an einem blauen Autobahnschild vorbei und immerhin wusste ich jetzt, dass wir Richtung Norden unterwegs waren.

„Hast du schon eine Idee?“, brüllte Dima in den Wind. Ich konnte die Frage eher von seinen Lippen ablesen, als ihn wirklich verstehen. Er griff zwischen den Sitzen durch nach hinten und angelte blind nach dem tragbaren Lautsprecher. Pumpkin lag mit seinen Vorderpfoten darauf, was die Sache erschwerte. Ich hing mich über meinen Sitz und zog die Box unter dem Hund heraus. Dima griff fast gleichzeitig zu. Ich rührte mich nicht, sondern sog unauffällig seien Duft ein. Wenn ein Wasserfall einen Geruch haben konnte, dann so! Frisch und sommerlich und ich driftete schon wieder ab.

Wir hielten beide die Box hinter unseren Rücken fest.

„Willst du leiser machen oder soll ich?“ Ich ließ los und setzte mich wieder auf meinen Platz. Dima schaltete die Musik ab und ich fühlte mich auf einmal ganz ungeschützt. Wenn ich jetzt eine ernsthafte Unterhaltung führen sollte, war ich aufgeschmissen.

„Und? Kannst du dir denken, wohin wir fahren?“

Dima

Denken ging in diesem Moment leider überhaupt nicht mehr. Mein limbisches System hatte die Steuerung übernommen.

„Na? Norden? Wir fahren in die Heide und danach zu deiner Freundin ins Ferienhaus!“

Wie bitte, was hatte er da gerade gesagt? Wir fuhren zu Vieke ins Ferienhaus?

„Woher weißt du wo das ist?“ Das klang in diesem Moment weniger euphorisch, als ich es geplant hatte.

„Du hast mir erzählt, wie schön es da ist. Also habe ich gegoogelt und das Haus für ein Wochenende gebucht. Ich dachte du freust dich.“

„Das hast du dir gemerkt? Ich habe das doch nur einmal erzählt.“

„Ja, als wir das Brausebier auf deinem Sofa getrunken haben und du mir das Bild mit deinem Kängurukostüm gezeigt hast.“

Das überforderte mich! Ein Mann, der nicht nur zuhörte, sondern sich die Dinge auch noch merkte, über Wochen, das war irgendwie surreal.

„Bist du jetzt enttäuscht?“

Enttäuscht war ich nur darüber, dass es unüblich war, Männern noch vor der ersten Annäherung einen „reserviert“ Stempel aufzudrücken.

Dima legte sein Gesicht in Falten und presste die Zähne zusammen.

„Ich schlage vor, wir halten hier irgendwo an und machen ein Picknick.“

„Ist alles in Ordnung?“, fragte ich und bildete mir ein, dass sich seine Gesichtsfarbe von köstlich Karamell zu trocken Kreidestaub verwandelt hatte.

„Ja, ja, geht schon. Ich habe mir nur vorhin irgendwas am Magen verklemmt.“

Wir hielten auf einem einsamen Rastplatz mit einem doppelten Toilettenhäuschen. Nicht unbedingt romantisch, aber ich war offen für alles.

„Hinten ist eine Kühltasche mit Kuchen und Kakao“, sagte Dima und überraschte mich erneut. Ich liebte Kakao!

„Kannst ja schon mal ein Selfie machen und vielleicht kurz die Hunde bewegen? Ich bin gleich zurück.“ Ich ahnte, wohin es ihn zog und behielt Recht. Einladend sahen die beiden Betonhäuschen auf der Raseninsel nicht aus, also musste es dringend sein.

Dimas neues Auto

Ich posierte kurz vor Dimas Auto und hatte meine Bilder für diese Woche erledigt. Nach Selfies war mir gerade überhaupt nicht zumute, aber die Wette verlieren war auch keine Option. Die Hunde warteten schon ungeduldig darauf nach draußen zu kommen, also hob ich beide aus dem offenen Cabrio heraus. TNT zerrte mich mit Pumpkin auf dem Arm hinter sich her zur Grünfläche. Ich hatte Schwierigkeiten, die Balance zu finden und setzte den Hundeopa schließlich ab. An den Zweigen vor mir im Gebüsch wehte benutztes Klopapier im Wind. Einen wirksameren Romantikkiller gab es wohl nicht. Wie es aussah, war ich die Einzige in unserer Gruppe, die keinen spontanen Drang zur Totalentleerung hatte.

Ich kehrte mit den Hunden zum Auto zurück und schnappte mir die Kühltasche. Dima kam hinter einem der Betonhäuschen hervor und ich hätte ihn beinahe nicht wiedererkannt. Er lief ein paar Schritte und blieb dann stehen. Sein Gesicht sah entsetzlich aus, grau wie Beton. Ich lief ihm entgegen, aber er winkte ab.

„Verlad‘ mal bitte die Hunde und finde raus, wo hier das nächste Krankenhaus ist.“ Ich wurde hektisch.

„Soll ich nicht lieber fahren?“

„Bist du schon mal einen Oldtimer gefahren?“

Ich schüttelte den Kopf und suchte parallel in meinem Telefon nach Krankenhäusern.

„Ich krieg das schon hin, wenn’s nicht zu weit ist“, sagte Dima und setzte sich ans Steuer.

„Zehn Kilometer“, sagte ich und guckte nach Alternativen.

„Krieg‘ ich hin, wenn du nebenbei die Hunde anschnallst.“

„Hast du was Schlechtes gegessen?“, fragte ich und hing mit dem Oberkörper über dem Sitz.

„Nein, so ist das nicht. Dachte ich auch erst, aber ich sterbe einfach vor Schmerzen.“

Alles lief wie in Trance. Dima fuhr das Auto und folgte meiner Navigation.

Eine Viertelstunde später saßen wir in der Notaufnahme.

„Sind Sie eine Angehörige?“, fragte mich die Krankenschwester. Leider nicht, dachte ich, schüttelte aber nur den Kopf. Die Frau nahm Dima das Klemmbrett mit einem ausgefüllten Bogen ab und bat ihn, mitzukommen. Solche kurzen Wartezeiten kannte ich aus der Stadt nicht. Dima kramte in seiner Jackentasche und reichte mir seinen Schlüsselbund.

„Fahr‘ du schon mit den Hunden vor zu deiner Freundin. Ich rufe dich an, wenn ich hier fertig bin oder nehme ein Taxi. Ist ja nicht mehr so weit.“

Die Schwester streckte den Arm nach Dima aus und er folgte ihr mit einem gequälten Lächeln. Ich winkte ihm hinterher.

Ein älterer Mann in Jogginghose stellte sich neben mich an den Pförtnertresen und wandte sich an den Mitarbeiter hinter der Scheibe.

„Da draußen bellt ein Hund in einem Cabrio den ganzen Parkplatz zusammen. Können Sie das mal ausrufen lassen?“

„Nicht nötig!“, grätschte ich in das Gespräch und sah zu, dass ich nach draußen kam. Ich joggte über den Parkplatz und machte drei Kreuze, dass ich TNT vorher noch angeschnallt hatte. Sie saß oben auf dem gefalteten Verdeck und nur ihre Leine hinderte sie daran, Dima über den Platz hinterherzurennen. Ich beruhigte sie, hob sie wieder auf die Rückbank zurück und ließ mich in den Fahrersitz fallen. So hatte ich mir unseren Ausflug nicht vorgestellt und Dima sicher auch nicht. Ich holte mein Handy heraus und suchte die Navigation zu Viekes Ferienhaus heraus. Noch sechsundzwanzig Kilometer, das war machbar.

Mit den Anzeigen und Hebeln hatte ich mich schnell vertraut gemacht und steckte den Schlüssel ins Schloss. Es rührte sich nichts. Ich versuchte es wieder. Da dämmerte mir, dass Dima noch eine kleine rote Mutter unter dem Sitz benutzt hatte, bevor er den Motor starten konnte. Am Schlüssel fand ich das Ding nicht und auch nirgends sonst im Auto. Na super, ich saß fest auf einem Krankenhausparkplatz im Nirgendwo, mit einem Oldtimer, der nicht ansprang, zwei Hunden, die mir nicht gehörten und einem Mann im Krankenhaus, der jetzt eigentlich mit mir ein Heidepicknick knabbern sollte.

Ich wischte die Navigation beiseite und wählte Viekes Nummer. Eine Stunde später sammelte sie die Hunde und mich auf dem Parkplatz ein.

„Das Verdeck müssen wir aber noch zu kriegen“, sagte sie und wir mühten uns gemeinsam ab.

„Warte noch, bevor wir losfahren. Vielleicht ist er gleich fertig und es geht ihm besser.“

Ich wählte Dimas Nummer, aber niemand hob ab.

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