Dima hatte mir endlich eine Nachricht geschickt, nachdem er sein Handy für eine Weile im Krankenhaus ausgeschaltet hatte.
„Blinddarm! Ich melde mich nach der OP.“
Jetzt war klar, woher seine Schmerzen kamen, aber ob es ihm gutging, wusste ich nicht.
Meine Freundin Vieke versuchte, mich abzulenken.
„Jetzt musst du eh erstmal abwarten“, sagte sie, „wenn du willst, kannst du mir helfen. Heute kommt so eine Junggesellentruppe. Die haben zehn Kostüme und eine dicke Luftballongirlande bestellt.“ Vieke hatte schon einen coolen Beruf, dachte ich. Allemal besser, als unter den strengen Augen einer garstigen Chefin Tintenpatronen zu sortieren.
„Wir machen das im Ferienhaus, ok? Da kriegen wir die Heliumballons besser wieder eingefangen als bei mir mit den hohen Decken.“
Ich bekam eine Heliumflasche und wir bliesen Ballons im Akkord auf. Das Thema war Metallic und die Girlande nahm immer mehr Gestalt an. Ab und zu flitschte mir ein halb aufgeblasener Ballon von der Heliumflasche ab, aber alles in allem lagen wir super in der Zeit.
„Hast du mitgezählt?“, fragte ich Vieke.
„Nein, aber wir haben schon mehr als die Hälfte.“
Pumpkin war aus seinem Körbchen aufgestanden und legte sich auf meine Füße. Süß, aber jetzt konnte ich mich überhaupt nicht mehr bewegen zwischen all den Materialien. TNT schnüffelte fröhlich durch den Raum und gesellte sich zu Pumpkin.
„Mist, was frisst sie denn da?“, fragte ich Vieke, die noch viel weniger sehen konnte als ich, weil TNT ihr den Rücken zudrehte. Der Ballon, den ich gerade auf das Ventil gestülpt hatte, zischte ab und flog an die Scheibe. Da sah ich, dass TNT auf etwas Silbrigem herumkaute.
„Oh nein, der Ballon!“ Ich griff beherzt in ihr Maul, da hatte sie ihn bereits verschluckt. Ich sprang auf und Pumpkin rollte unsanft von meinen Füßen, aber ich musste TNT stoppen. Ich schaute mich um und suchte das Wohnzimmer nach meinen verunfallten Heliumversuchen ab.
„Wie viele hast du hier rumgeschossen?“, fragte Vieke und suchte mit.
„Vier glaube ich. Den letzten konnte ich aber retten.“
„Ich rufe meinen Tierarzt an!“ Vieke schüttelte den Kopf. „Geht nur das Band dran. Notdienst ist heute ein Dorf weiter.“ Sie telefonierte noch einmal und dann schnappten wir uns TNT. Bloß keine Magendrehung oder so was, betete ich. Keine Ahnung, was das genau war, aber es klang schlimm.
Die Tierärztin kam gleichzeitig mit uns an der Praxis an und spritzte TNT ein Brechmittel.
„Warten Sie mit Ihrem Hund auf dem Grünstreifen, bis alle Fremdkörper wieder draußen sind. Ich komme gleich wieder zu Ihnen.“
Die arme TNT lief erst ganz zügig, dann langsam, bis ich sie die letzten Meter auf die Wiese heben musste, damit das Elend nicht auf der Straße weiterging. Sie wand sich, buckelte und sah auf einmal ganz klein und zerbrechlich aus. Nummer eins lag auf dem Asphalt. Ein goldener Gummihaufen in einer Insel aus Schleim.
Aus meiner Hosentasche dröhnte der Imperial March von Star Wars. Endlich rief Dima zurück, auch wenn dies nicht der optimale Moment war. Die Melodie hatte ich seinen Anrufen schon vor einer Weile zugewiesen. Alle in meinem Telefonbuch bekamen von mir eine passende Musik verpasst. Marie klingelte mit dem Lied „Work, work, work“ und mein Bruder mit „You Are Beautiful“.
„Hast du deine OP gut überstanden?“, fragte ich ihn. Dima erzählte mir von seinem Eingriff und dass er bis Dienstag zur Überwachung bleiben musste. Mist, so lang hatte ich keinen Urlaub.
„Wie hast du das Autoproblem gelöst?“, wollte er wissen, „du konntest es ja gar nicht anlassen. Habe ich später erst gemerkt, dass ich dir nur den Schlüssel mitgegeben habe.“
„Ja, das Ding für unterm Sitz fehlte. Vieke hat uns abgeholt, aber wir haben dein Dach vorher noch zugeklappt.“
„Super! Wie geht es den Hunden?“
Dima
TNT bäumte sich neben mir auf und gurgelte aus den Tiefen ihres Inneren einen Schwall schaumiger Spucke hervor. Plopp, kam ein silbriger Luftballon hinterher.
„Ganz gut“, sagte ich zu Dima und stocherte mit einem Ast durch den Schaum.
„Perfekt, ich dachte mir schon, dass ihr drei euch gut vertragt.“ TNT würgte noch einmal und schon erblickte ein dritter Gummihaufen wieder das Tageslicht.
„Nee, eigentlich sehr gut“, verbesserte ich mich und streichelte TNT, die sich völlig erschöpft ausnahmsweise freiwillig hingelegt hatte.
„Hast du auch das Futter aus dem Auto mitgenommen? TNT frisst sonst jeden Müll, wenn sie Hunger hat.“
„Sie hat was von Vieke bekommen“, sagte ich und behielt den Rest der Geschichte erst einmal für mich.
„Dann läuft ja alles. Ich muss Schluss machen und mir hier irgendwo ein Ladekabel organisieren“, sagte er und wir legten auf.
Naja, etwas holprig vielleicht, aber es lief. Der Hund war den glänzenden Müll los und Dima nicht beunruhigt. Das wertete ich als Erfolg.
Die Dame am Praxistresen murmelte sich halblaut meine Rechnung zusammen.
„Wochenendzuschlag, Apomorphin, 126 Euro bitte.“
Das waren drei teure Luftballons, dachte ich und schaute Vieke verzweifelt an. Sie zahlte.
„Kann ich das irgendwie abarbeiten? Auf dem Hof?“
Iso
Wir verließen die Praxis und Vieke steckte ihre EC-Karte wieder ein. TNT trotte uns kraftlos hinterher zum Bus.
„Wir finden schon eine Lösung.“
Verkehrte Welt. Während TNT schlapp auf einer Decke im Schatten neben dem Ziegenstall döste, schob ich im Akkord Schubkarren durch die Gegend. Aber ich wollte nicht meckern. Alle Ställe ausmisten im Tausch gegen die bezahlte Tierarztrechnung, waren ein fairer Deal. Am Nachmittag stellte ich die Schubkarre zurück an ihren Platz zu den restlichen Gartengeräten und entdeckte einen alten Trecker, der einsam hinter der Scheune stand. Perfekt für mein Selfie. Mein Handy lag noch im Ferienhaus, also holte ich es schnell und legte los. Ich lehnte mich neben den Traktor, schob mich hier- und dorthin und kletterte darauf, bis mir endlich ein Bild gefiel.
„Hätte ich mir denken können, dass ich dich hier bei dem alten Schätzchen finde“, sagte Vieke, als ich gerade auf dem Sitz thronte.
„Richtig zufrieden siehst du da oben aber nicht aus.“

„Ach Vieke, ich weiß einfach nicht, woran ich bei Dima bin? Das ist irgendwie kompliziert, außerdem ist er viel jünger und sucht vielleicht was Knackigeres.“
„Immerhin hat er dich auf ein Wochenende eingeladen.“
Ich seufzte und wischte durch meine Selfies auf dem Handy.
„Sind da auch noch ältere Bilder drauf? Zeig nochmal unser Kostümbild mit dem Känguru und Dino!“, sagte Vieke und nahm mir mein Telefon ab.
„Ich habe das Gefühl er weicht zurück, wenn ich versuche ihm näherzukommen.“
Vieke guckte durch all meine Selfies und grinste.
„Seit wann hat er sein neues Auto?“, frage sie, als sie bei den Bildern meiner letzten Aktion angekommen war.
„Seit zwei Wochen, glaube ich.“
Vieke reichte mir mein Foto mit Dimas gelbem Käfer nach oben.
„Und das Nummernschild ist Zufall?“
Ich nahm ihr das Telefon ab, starrte auf den Bildschirm und konnte nicht fassen, wie blind ich gewesen war.

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