Meine Freundin Vieke war ein absolutes Goldstück. Sie hatte mich erst zu Dima ins Krankenhaus gebracht, damit er seinen Autoschlüssel zurückbekam, war in der Zeit mit seinen Hunden Gassi gegangen und hatte mich danach mit Pumpkin und TNT bis nach Hause gefahren.
Mittlerweile war Alltag eingekehrt und ich ging wieder in den Büromarkt. Dima hatte noch zwei Tage länger im Krankenhaus gelegen und erholte sich diese Woche noch auf dem Sofa. Und meine Schwester? Die stresste mich wegen der bevorstehenden Reise nach Oslo. Sie telefonierte beinahe täglich mit dem Galeristen. Ich stieg nicht mehr durch all die Pläne, die sie gemeinsam für mich und meine Selfies schmiedeten. Ich fühlte mich wie ein Projekt der beiden.
„Vielleicht komme ich einen Tag nach“, sagte Marie am Telefon. „Marco besteht darauf, aber ich weiß nicht, ob ich das schaffe.“
Ich fand das alles übertrieben und hatte meine Mühe mir vorzustellen, dass mein Gesicht künftig in irgendwelchen exklusiven Immobilien hängen würde. Hoffentlich dann nur in Norwegen.
Ich hatte mich mit Dima zum Gassigehen verabredet. Er fühlte sich noch nicht so ganz fit und wir teilten uns die Hunde auf. Dima hatte sich vor einiger Zeit das alte Babytragetuch meiner Freundin Jenna ausgeliehen und band es schon wie ein Profi. Linksrum, rechtsrum und zack, guckte ein niedlicher Hundekopf oben aus der Öffnung heraus. Mein Herz schmolz jedes Mal dahin.
Für heute hatte ich mir überlegt, mein altes Skateboard mitzunehmen. Ich musste es bloß noch aus meiner Outdoor-Kiste ausgraben. Die Idee dazu war mir beim Fernsehen gekommen, bei einer Dokumentation über Lasttiere. Vielleicht konnte mich TNT mit ihrem Geschirr auf dem Skateboard ziehen. Dann hatte ich mein Selfie für diese Woche im Kasten und TNT ordentlich Bewegung. Den Selfiestick hatte ich schon zurechtgelegt, das Skateboard folgte.
Es klingelte und ich hörte TNT schon vor der Haustür bellen. Ich schob die zerwühlte Kiste beiseite und öffnete. Dima stand in der Tür und schnaufte. Pumpkin hatte er sich umgebunden und TNT zerrte an der Leine.
„Sie macht mich heute echt fertig!“ Er stützte sich in den Rahmen und sah mitgenommen aus.
„Leg dich doch wieder aufs Sofa, ich krieg das mit den Hunden schon hin“, sagte ich. „Hab‘ ja mittlerweile Übung.“
Dima schüttelte den Kopf und zog TNT dichter an sich heran.
„Ich habe schon viel zu viel rumgelegen“, sagte er und sog die warme Frühlingsluft ein. „Was hast du denn damit vor?“, fragte er und zeigte auf mein Skateboard.
„Neue Selfie-Idee. Mal sehen, ob TNT mitmacht.“
„Ich glaube nicht, dass sie mit dir da drauf geht.“
„Ich dachte auch eher als Schlittenhund.“
Dima lachte.
„Na viel Erfolg. Ich bin gespannt.“
Ich klemmte mir das Board und den Selfiestick unter den Arm und übernahm TNT, die pausenlos an meinem Bein auf und ab hüpfte.
„So, meine Liebe“, sagte ich nach unten gebeugt, „jetzt powern wir dich so richtig schön aus.“
Wir liefen in den nahegelegenen Park, in dem wir schon Herrn Bartolomeo nachts verfolgt hatten.
„Hast du mal wieder was von unserem nackten Hühnernachbarn gehört?“, fragte Dima, der sich offenbar auch gerade daran erinnert hatte.
„Er hängt mir freitags jetzt immer Eier an die Tür“, sagte ich „und von Frau Amanda bekomme ich mittwochs immer den Kuchen, der von ihrer Damen-Skatrunde übrigbleibt. Sehr praktisch, ich brauche bald nicht mehr einkaufen gehen.“
„Das ist schon irre, wie du das Haus aufgelockert hast“, sagte Dima.
„Ich bin gespannt, wann endlich neue Leute in die freie Wohnung ziehen. Wobei…“
Dima sah mich fragend an.
„Wenn der Eigentümer wieder diesen komischen Makler losschickt, na danke!“
Wir liefen bis zu einem asphaltierten Stück Radweg und ich setzte mein Board ab.
„Hier ist es doch schön!“
Dima grinste und beäugte mein Vorhaben kritisch.
Ich drückte ihm TNTs Leine in die Hand und klemmte mein Handy im Selfiestick fest. Zeitauslöser an, schließlich brauchte ich erst einmal richtig Fahrt. Ich nahm Dima die Leine wieder ab und stellte mich auf mein Board. TNT blieb stehen. Der Hund, der den ganzen Tag wie auf Speed ausflippte, stand nun regungslos vor meinem Board und guckte mich an.
„Los, tu‘ das, was du immer tust!“, rief ich, „Renn‘!“
Dima stand am Wegesrand und lachte.
„Au, meine Narbe!“ Er kriegte sich gar nicht mehr ein.
„Vielleicht musst du selbst ein bisschen Schwung holen, damit sie läuft.“
Leichter gesagt als getan, denn jetzt hatte sich TNT direkt vor das Skateboard gesetzt.
„Bis eben wusste ich nicht, dass du überhaupt still sitzen kannst!“, sagte ich und versuchte, um sie herum zu rollen. TNT stand auf und lief neben mir her. Dann rannte sich vor mich. Juhu, dachte ich, doch die Hündin drehte sich um, rannte rückwärts vor mir her und biss in mein Board. Ich versuchte, schneller zu rollen, aber ich hatte diesen kleinen Hund unterschätzt. Sie rannte selbst rückwärts schneller, als ich skaten konnte und bellte wie wild mein Board an. Dima lachte immer lauter, ich rollte immer schneller. Auf einmal drehte sich TNT um und gab Gas. Ein Gefühl wie auf Wasserski im Wind. Ich ging leicht in die Hocke und brauste mit Hundeantrieb durch die Allee. Aus dem Nichts tauchte ein Schatten in mein Blickfeld, ein Kaninchen in vollem Lauf. TNT hatte es auch bemerkt. Der Hüpfer preschte nach links in den Wald, TNT hinterher und ich gleich mit. Meine Knie bremsten das Spektakel und ich lag ausgestreckt auf dem Weg, die Hand fest um TNTs Leine gekrallt. Ich hatte sie aufgehalten, juhu! Meine Knie jubelten nicht.
Dima kam zu mir gelaufen, nahm mir die Leine ab und half mir hoch. Meine Knie und Ellenbogen brannten und Handy plus Board hatten sich in verschiedene Richtungen verabschiedet.
„Setz‘ dich erst mal hin“, schlug Dima vor, „ich sammle deine Sachen ein.“
Mein ganzer Körper schmerzte und ich pulte mir vorsichtig kleine Steinchen aus den Knien.
„Ich habe dein Handy gefunden“, rief Dima aus einem Gebüsch heraus, „der Stick ist auch noch dran, vielleicht funktioniert es ja noch.“ Ich konnte seine Freude nicht ganz teilen, als ich meine Telefons sah. Ein langer Riss zog sich diagonal über das Display. Völlig aufgegeben hatte das Handy nicht, immerhin leuchtete es noch. Ich tippte auf meine Fotogalerie, um die Bilder anzusehen, aber nur die untere rechte Hälfte des Telefons reagierte. Das kam jetzt zu einem denkbar schlechten Augenblick.
„Kann ich kurz ein Selfie mit deinem Handy machen?“, fragte ich Dima. Er reichte mir sein Telefon und ich humpelte zu meinem Skateboard, das sich im hohen Gras am Weg verfangen hatte. Ich setzte mich umständlich darauf und drückte ab.

„Kannst du das Foto meiner Schwester schicken? Ich gebe dir nachher ihre Emailadresse, ok?“
Er stimmte zu und wir hinkten und schlurften gemeinsam nach Hause.
„Wie das blühende Leben!“ Ich musste lachen.
„Ja, wir sind schon eine seltsame Truppe.“
Dima brachte mich zur Tür.
„Wollen wir zusammen Frau Amandas Kuchen essen? Vier Stücke schaffe ich eh nicht.“
Ich humpelte zum Kühlschrank und Dima schloss die Tür hinter sich. Er wickelte Pumpkin aus seinem Babytuch und setzte ihn ab. TNT sprang auf meinen Sessel. Ich ließ sie. Es war praktisch ihrer, seit ich auf die beiden aufgepasst hatte.
Durch die Alufolie in meiner Hand roch es nach Erdbeeren. Ich stellte Frau Amandas Kuchenpaket auf meinen Couchtisch und ließ mich aufs Sofa fallen.
„Mist, ich habe die Pflaster vergessen“, sagte ich zu Dima, der noch in der Küchenecke stand. „Kannst du sie mir mitbringen? Oberste Schublade?“
Er brachte auch gleich noch zwei Gabeln, an die ich auch nicht gedacht hatte. Wir stürzten uns gemeinsam auf die kalten Erdbeeren, die sich herrlich mit einer Schicht Pudding am Kuchenboden verbunden hatten.
Seit Viekes mich auf Dimas Nummernschild aufmerksam gemacht hatte, konnte ich nachts nicht mehr schlafen und grübelte in alle Richtungen. Standen die Buchstaben I und D wirklich für unsere Vornamen?
Ich hatte mich immer noch nicht getraut, ihn zu fragen.
Dima legte seine Gabel beiseite und zog die Papierstreifen von einem der Pflaster ab. Ja, streich’ es ruhig noch ein bisschen länger an meinem Knie fest, dachte ich und hielt die Situation einfach nicht mehr aus.
„Sind das zufällige Buchstaben auf deinem Kennzeichen?“
Iso
Jetzt gab es kein Zurück mehr für mich.
„Ähm, nein!“
„Stehen die für ‚Idee‘?“
Dima guckte irritiert.
„Informatiker-Dude?“
Jetzt grinste er.
„Na los, rate weiter, Queen of Buchstabenrätsel.“
Ich rutschte dichter an ihn heran und unsere Beine berührten sich. Er erschrak, aber das war die Gelegenheit für mich.
„Heißt es das?“, fragte ich und drückte ihm einen schnellen Kuss auf die Lippen.
„ID steht eigentlich für Ingenieursdienstleistungen!“, sagte er und ich kippte fast vom Sofa. Mir wurde schlecht und schwindelig zugleich.
„Mann, natürlich nicht!“, lachte er und küsste mich zurück.
„Ich dachte schon, du merkst es nie.“
Dima
TNT sprang auf das Sofa und quetschte sich zwischen uns.
„Sag ihr das mal!“ Die Hündin drückte ihre feuchte Schnauze zwischen unsere Gesichter und leckte Dimas Gesicht ab.
„Ich habe mich noch nie so begehrt gefühlt“, sagte er und setzte die zappelnde TNT auf den Teppich vor dem Sofa.
„Und ich habe eine Überraschung für dich!“ Er griff meine Hand und ich drückte ganz fest zu.
„Für nächstes Wochenende habe ich ein Häuschen am Meer reserviert. Weil die letzte Tour ja irgendwie eine Katastrophe war.“
„Shit!“, sagte ich und seine Mimik rutschte von heiter nach wolkig.
„Hab‘ ich dir nicht erzählt, dass ich nächstes Wochenende nach Oslo fahren muss?“
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