22. Oslo

Fast hätte ich meinen Zielbahnhof verpasst. Züge wirkten auf mich immer wie Schlaftabletten. Nach der fünften Bodenwelle war ich weg und wachte erst wieder auf, wenn die aussteigenden Menschen mich beim Schieben durch die Gänge anstießen oder mir mit ihren Rucksäcken einen verpassten. Dieses Mal hatte ich mir einen Wecker gestellt, den Flieger nach Oslo durfte ich nämlich auf keinen Fall verpassen. Allerdings stand der Weckton auf lautlos und ich hatte Glück, dass eine Dame sachte meinen herabhängenden Kopf aus dem Gang hob, bevor sie ihren Überseekoffer weiterschob. Ich schreckte hoch und raffte meine Sachen zusammen.

Draußen auf dem Bahnsteig musste ich mich erst einmal sammeln und herausfinden, welche Rolltreppe mich zum Gate brachte. Wie sollte ich auf dem gigantischen Frankfurter Flughafen einen einzelnen Mann in den Menschenmassen finden? Eine Sorge, die sich als völlig unbegründet herausstellte. Ich sah ihn schon beim ersten Schritt von der obersten Stufe der Rolltreppe. Marco Schechwanzur war seinem schillernden Stil treu geblieben und trug ein weißes Brokatsakko mit goldenen Ornamenten am Revers. Zirkusdirektor, dachte ich, aber wenn’s half. Seinen Schuhen und dem Gepäck nach konnte er sich so einen Auftritt leisten. Ich beobachtete ihn den ganzen Weg.

Der Galerist musterte die Leute um sich herum und schien mich nicht zu bemerken, dabei lief ich direkt auf ihn zu. Aber sein Blick schweifte in die Ferne und scannte die Halle. Ich zog mein güldenes Köfferchen zu mir heran und blieb direkt vor ihm stehen.

„Hallo!“

„Hallo“, antwortete er abwesend und beobachtete weiter die Reisenden.

Nun gut, vielleicht war ihm nicht nach Quatschen zumute. Ich stellte mich neben ihn und folgte seinem Blick. Er drehte sich zu mir, sah mich einen Moment lang an und rückte dann einen Schritt von mir ab.

„Kann ich Ihnen vielleicht helfen?“, bot ich mich an.

„Nein, ich warte auf jemanden!“

Oha, Marie hatte recht behalten. Mein Outfit an dem Partyabend, als ich Marco Schechwanzur kennengelernt hatte, war für meine Verhältnisse derart übertrieben gewesen, dass er mich jetzt in meinen Turnschuhen nicht erkannte.

„Ich glaube, Sie warten auf mich.“

Iso

Seine Augenbrauen rutschten ihm tief ins Gesicht.

„Frau Aroma? Sie überraschen mich immer wieder! Wo ist Ihre Schwester?“

Wie, wo, was? Marie fliegt auch mit? Davon hatte sie mir nichts gesagt.

„Sind Sie nicht gemeinsam gekommen?“

„Nein, ich wusste nicht mal, dass sie mitwollte“, sagte ich und beobachtete, wie sich seine Miene erst verfinsterte, bevor er sich wieder fasste.

„Dann kommt sie sicher morgen nach. Sie verpasst dann zwar unseren ersten Termin, aber gut.“

Ich hatte Marie gar nicht so verstanden, als würden wir zu dritt reisen, aber ich wollte die Situation nicht noch zusätzlich verkomplizieren. Vielleicht konnte Dima dann auch mit. Ach was, die paar Tage musste ich jetzt aushalten, auch wenn meine Fantasie immer wieder mit mir durchging. Alles stellte ich mir in diesem Moment schöner vor, als mit diesem künstlichen Mann neben mir gen Norden zu reisen. Aber meine Karriere hing davon ab, das hatte mir Marie eingebläut, also riss ich mich zusammen.

„Kommen Sie, wir checken ein.“ Marco S. (seinen richtigen Namen konnte ich mir einfach nicht merken) zog unsere Tickets aus seiner Innentasche und ging voran zum Schalter.

„Sie haben vorab keine Plätze reserviert“, hörte ich die Dame am Minigepäckband sagen, „möchten Sie nebeneinander sitzen?“

„Nicht nötig!“, antwortete mein goldener Reisebegleiter und im Grunde fand ich das sogar ganz angenehm. Wir hatten auch so noch genug Zeit, in der wir alles besprechen konnten.

Er reichte mir meinen Boardingpass und wir gingen wortlos durch die Sicherheitskontrolle. Der Metalldetektor neben mir piepte und ich sah, wie Marco S. seinen Gürtel abnahm. Dann folgte eine Metallklammer, die das Bargeld in seiner Hosentasche zusammenhielt und weitere Dinge, die ich nicht mehr sah, weil mein Hintermann mich mit bösen Blicken weiterschob. Zu viel Blingbling kann auch hinderlich sein, dachte ich und wippte auf meinen gemütlichen Schuhen auf und ab. Auf nach Norwegen! Ich stieg ins Flugzeug und er folgte in einigem Abstand.

Mein Platz lag am Fenster und ich zückte schnell mein Handy bevor sich jemand neben mich setzte. Ich hatte nämlich eine coole Idee für eine Fotomontage und brauchte dafür dringend dieses Selfie. Zum Glück funktionierte der untere Bereich meines Telefons noch und für die Kamera und den Auslöser reichte es. Nachrichten schreiben und Telefonieren gingen seit meinem Skateboardsturz leider nicht mehr, außer ich konnte die Nachricht aus den Buchstaben Q,W,A und S oder meinen zuletzt genutzten Emojis zusammensetzen. Klick, gerade noch geschafft und schon saßen zwei Herren in Anzügen neben mir.

Auf nach Oslo!

Pling, eine Nachricht von Dima. Na toll, er wusste doch, dass mein Telefon Schrott war. Ich öffnete die Nachricht und freute mich trotzdem riesig über sein Foto mit TNT und Pumpkin am Strand. Dieses Mal war er es, der alleine mit den Hunden in einem Ferienhaus hockte. Aber zum Glück hatte Dima es mir nicht übel genommen, dass ich nach Oslo flog. Das Herzchenaugen-Emoji funktionierte und so konnte ich wenigstens halbwegs reagieren. Ich machte mein frustrierendes Handy aus und steckte es ein. Für den Flug musste mein uralter mp3-Player herhalten, damit ich wenigstens Musik hören konnte.

Ich zog den Griff aus meinem Köfferchen und dackelte dem Galeristen hinterher in die Lobby. Dabei fühlte ich mich selbst wie ein Gepäckstück, das jemand hinter sich her schleifte. Er hatte alles vorbereitet und offenbar kannte ihn das Personal schon. Für sich hatte er eine Junior Suite gebucht, für mich ein Einzelzimmer. Ich fand das in Ordnung, schließlich musste ich für den ganzen Spaß keinen Cent zahlen. Wir verabredeten uns auf einen Snack im Hotelrestaurant und ich gab mir aller größte Mühe kultiviert rüberzukommen. Für den nächsten Morgen waren ein Treffen mit einem norwegischen Galeristen angesagt und nachmittags ein Interview für eine Zeitung. Je nachdem, wie diese Termine liefen, wollte er mit Marie beraten, wie es danach weitergehen sollte. Marco S. ließ das Essen auf sein Zimmer anschreiben und verabschiedete sich für den Abend. Wenigstens konnte er mit Marie telefonieren, wenn ich schon abgeschnitten von der Welt war.

Ich ließ mir ein Bad ein, wer weiß wann ich zu so etwas wieder die Gelegenheit haben würde. Ich hatte mich zwar an mein Duschklo gewöhnt, trotzdem fühlte sich dieses Schaumbad an wie ein Wellnesstrip. Ich steckte mein Telefon an den Strom und kuschelte mich unter die goldenen Samtdecke auf meinem Bett. Garantiert hatte Marco S. das Hotel wegen der Innenausstattung ausgesucht. Meine Augen folgten den goldenen Schnörkeln der Textiltapete und ich schlief wenig später ein.

Mein Reisebegleiter war nicht zum Frühstück erschienen, aber ich hatte die Gunst der Stunde genutzt. Nach wochenlangem Weißkohlsalat mit Weizenfladen aus der Pfanne war das jetzt die Gelegenheit für etwas Abwechslung auf dem Teller. Ich häufte mir Obst und Eier auf und schlemmte mich durch das Buffet. Es war mittlerweile halb zehn. Vielleicht hatte ich den Galeristen verpasst und er war bereits lange vor mir aufgestanden. Zeit, sich draußen umzusehen, dachte ich, die verschiedenen Galerien mussten alle in der Nähe sein. Mit etwas Glück fand ich ihn dort. Auf einen Versuch wollte ich es jedenfalls ankommen lassen.

Vor der Tür roch es nach Meer. Die Sonne schien, aber ein frischer Wind wehte durch die Straßen, herrlich. Ich lief die Rådhusgata entlang bis zu einem großen Platz mit einer Skulptur in der Mitte. Sie war Teil eines Brunnens und sah aus wie eine gigantische Hand, die auf den Boden zeigt. Ich hüpfte hinter einem Auto vorbei in die Mitte der Anlage und machte es mir auf den Granitrand des Brunnens bequem. Der Galerist war nirgends zu sehen, aber die riesenhafte Hand zeigte direkt auf mich und saß mir unangenehm im Nacken. An dieser Stelle war ich wenigstens unübersehbar. Ein komisches Gefühl zu wissen, dass sich meine Geldsorgen an diesem Ort in wenigen Stunden in Luft auflösen konnten. Ein paar Hürden gab es zwar zu stemmen, immerhin mussten die Galeristen hier noch überzeugt werden, aber wenn nicht jetzt, wann dann? Der Wind frischte auf und wehte einen feuchten Dunst vom Wasserspiel zu mir herüber. Wie ein Vorhang lief das Wasser hinter der Riesenhand entlang, mein Bühnenvorhang in ein neues Leben. Ob Marie wohl im nächsten Flugzeug saß und wir später zusammen feierten?

Ich beschloss, wieder zum Hotel zurückzulaufen und an die Tür meines Reisebegleiters zu klopfen. Auch wenn Oslo nicht gerade eine Megacity war, es reichte aus, um sich nicht zufällig über den Weg zu laufen. Seine Zimmernummer hatte ich mir gemerkt. Die Suite lag genau eine Etage über mir.

Eine Uhr in der Lobby zeigte halb elf, höchste Zeit also, wenn wir nicht zu spät kommen wollten. Ich nahm den Fahrstuhl und lief den Hotelflur entlang zu seiner Tür. Eine Reinigungskraft versperrte mit ihrem Handtuchwagen den Durchgang. Ich quetschte mich daran vorbei und staunte, als ich sie in der geöffneten Tür das Bett neu beziehen sah. Nummer 304! Hatte ich mich gestern so verhört? Die gegenüberliegende Tür stand ebenfalls offen, menschenleer.

„Is this the Junior Suite?“, fragte ich und der Zeitdruck beschleunigte meinen Puls.

Die Dame in Dienstkleidung nickte.

„Yes, 304 and 305.“

Ich rannte zum Fahrstuhl und kehrte zu meinem eigenen Zimmer zurück. Keine Nachricht, oder vielleicht doch? Mein blödes Handy streckte noch am Strom – im Tiefschlaf. Ich schaltete es ein, nichts von dem Galeristen, nur von Dima und Marie, aber darum musste ich mich später kümmern. Jetzt war die Rezeption meine letzte Chance.

„Mr. Schechwanzur left this morning!“, sagte die Dame am Tresen und ich zweifelte für einen Moment meine Englischkenntnisse an. Wie verlassen? Schon ohne mich zur Galerie?

„What do you mean?“, fragte ich die Frau.

„Mr. Schechwanzur checked out this morning.“

Rezeptionistin

Ich krallte mich am Tresen fest. Wir hatten in einer Viertelstunde einen Termin und er war weg? Mein Handy klingelte in der Hosentasche, Marie, aber das dumme Gerät ließ mich nicht abnehmen. Jetzt sah ich, dass sie es schon mehrmals versucht hatte.

„Can I use your telephone?“ Die Frau an der Rezeption guckte etwas zerknirscht, ließ mich dann aber doch an ihr Telefon, als ich ihr mein kaputtes Display zeigte.

„Scheiße, Iso!“, brüllte Marie in mein Ohr, als sie geschnallt hatte, dass ich es war, die sie mit einer norwegischen Nummer anrief, „warum meldest du dich erst jetzt? Wir haben ein Riesenproblem!“

„Das kann man wohl sagen! Dein toller Kumpel ist weg und wir haben hier eigentlich gleich einen Termin. Keine Ahnung, wie ich den in Oslo finden soll, denn ich weiß nicht welche Galerie das ist. Hat er dir was gesagt?“

„Mensch Iso, vergiss es! Der Arsch ist abgehauen!“

Jetzt verstand ich überhaupt nichts mehr.

„Wie abgehauen? Ich schwöre, ich habe keinen Scheiß gemacht und hatte sogar ordentliche Sachen zum Abendessen an!“

„Ja, ja, ich weiß! Das hat auch nichts mit dir zu tun. Dieses Mal hab‘ ich’s total versaut. Komm einfach schnell nach Hause, ist eine lange Geschichte.“

„Du bist witzig, ich habe gar kein Flugticket, das hat alles er!“

„Oh nein! Hat er wenigstens das Hotel gezahlt?“

„Warte, ich frage nach.“ Hatte er nicht, jedenfalls nicht mein Zimmer. Blanke Panik. Das Portemonnaie, das Marie mir geschenkt hatte, war eher Deko. Ich hatte kein Bargeld gewechselt. Zu Hause hing mein Konto eh schon in den Miesen und der Dispo war lächerlich gering, so ohne festen Job.

„Meinst du nicht, der kommt nochmal wieder?“, fragte ich Marie mit wachsender Verzweiflung.

„Hat er sein eigenes Zimmer bezahlt?“

„Ja.“

„Dann vergiss es. Der hat sich abgesetzt, alles meinetwegen!“ Jetzt dämmerte mir sein Verhalten am Flughafen.

„Etwa weil du nicht gekommen bist? Ich denke er ist so ein wichtiger Typ.“

„Ist er auch, aber ich wollte verdammt nochmal nicht mit ihm ins Bett steigen. Keine Ahnung was der sich eingebildet hat. Als ich ihn gestern Abend angerufen habe, dass ich nicht nachkomme, ist er ausgerastet und meinte, das wäre Teil unserer Vereinbarung.“

„Also doch Besetzungscouch!“

„Ach Iso, es tut mir leid, dass das alles so in die Hose gegangen ist. Am liebsten würde ich mich jetzt in den nächsten Flieger setzen und dich da raus holen.“

„Quatsch, das bringt doch nichts. Aber wenn du irgendwie das Hotel bezahlen könntest?“

„Klar, mache ich! Gib mir gleich mal die Rezeption, dann kläre ich das.“

„Und du bist sicher, dass ich nicht doch lieber schnell noch zu einer der Galerien gucken sollte?“

„Ganz sicher! Du willst nicht wissen, was er gestern alles gesagt hat. Guck du jetzt, welchen Flug du nehmen kannst, ich gebe dir dann zu Hause das Geld dafür.“

Wir beendeten das Gespräch und ich ließ mich auf einen Sessel in der Lobby fallen. Mein Körper fühlte sich an wie eine leere Batterie, die jemand in einen Container gekippt hatte. Ich überlegte kurz, ob ich mich selbst auf die Suche nach der besagten Galerie machen sollte, aber wahrscheinlich hatte der gute Herr Schneeanzug auch alle weiteren Termine abgesagt.

Ich fragte die Rezeptionistin, ob sie mir einen Flug buchen könnte. Sie tippte meine Vorgaben in unterschiedliche Suchmasken und reichte mir schließlich ein Blatt Papier mit einer Übersicht meiner nächsten Flugmöglichkeiten. Heute nichts mehr, morgen 600 Euro? Für diese kurze Strecke? Entweder blieb ich länger und zahlte weniger für den Flug, dafür aber Hotelkosten, oder ich nahm den nächsten Flug für zu viel Geld. Egal wie ich es drehte, mein Dispo gab keine 600 Euro her. Ich stützte mein Gesicht in die Hände und starrte auf die Zahlen. Ich musste noch einmal Marie anrufen.

„Or you can take the ferry to Kiel!“, schlug die Rezeptionistin vor. Stimmt, Oslo hatte einen Hafen. Sie reichte mir einen weiteren Zettel mit Fährverbindungen. Nächste Abfahrt 14.00 Uhr, heute und das für 260 Euro. Ich dankte ihr und packte meine Klamotten in Rekordgeschwindigkeit. Alles rein in mein Köfferchen und auf zum Hafen. Das Hotelzimmer hatte Marie bezahlt, jetzt hieß es zur Fähre eilen und eine Last-Minute-Karte für die nächste Überfahrt kaufen.

Ich lief an Straßenbahnschienen entlang, immer das Wasser zu meiner Linken im Blick. Dann vorbei am Rathaus und am Jachthafen, eigentlich eine schöne Sightseeingtour, aber ich hatte nur mein Ticket nach Hause im Sinn. Es waren nur zweieinhalb Kilometer und trotzdem rannte ich. Je ungemütlicher die Gegend wurde, desto mehr freute ich mich. Ich lief vorbei an Reihen voller Neuwagen, die auf ihre weitere Bestimmung warteten und endete schließlich auf einem gigantischen Parkplatz. Das traf es nicht ganz. Eigentlich waren es Fahrspuren, in denen sich wenig später die Autos für die Fähre aufreihen würden. Ich war zu früh, das Servicehäuschen noch verschlossen, aber alles fühlte sich besser an, als in diesem Goldranken-Hotel zu bleiben.

Eine Gruppe Möwen kreiste über den Parkplatz und der Seewind verwirbelte meine Haare. Ich warf einen Blick auf mein Handy, halb zwölf. Am anderen Ende der Asphaltlandschaft bog ein Campingbus mit heruntergelassenen Scheiben in meine Richtung. Aus dem Inneren wummerte Techno in maximaler Lautstärke. Die Männer darin winkten mir und fuhren bis ganz vorne an die erste Wartelinie.

Der Beifahrer stieg aus und prostete mir mit einer Dose Energydrink zu.

„Kan du norsk?“

Ich schüttelte den Kopf und war froh, dass ich mich überhaupt in Englisch verständigen konnte.

„Only English“, sagte ich, „and German!“

Er drehte sich wieder zu seinen Freunden um, die nun alle aus der Seitentür hingen.

„Fra Tyskland!“, brüllte er gegen die Musik an.

Die anderen nickten und einer reckte den Daumen in die Höhe.

„Party!“, grölten sie und der Typ mit dem Energydrink lud mich ein, mit ihnen zu feiern.

Sie waren zu viert, alle etwa so alt wie mein jüngerer Bruder Johannes und alle fest entschlossen, die nächsten zwei Tage durchzufeiern. Ihr Campmobil hatten sie innen mit LED Lichterketten verziert, fast wie ein kleiner Puff auf Rädern, dachte ich und ließ meine Beine aus der offenen Tür baumeln. Als ich sie fragte, was sie sich in Deutschland angucken wollten, kriegten sich die Jungs nicht mehr ein.

„Your supermarkets!“, sagte einer.

„We go alcohol-shopping!“, ein anderer.

Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass die vier bereits jetzt schon verdächtig gut drauf waren.

Eine Frau in Uniform näherte sich dem Servicehäuschen und schloss die Tür auf. Meine Chance! Mittlerweile hatte sich hinter dem Partybus auch schon eine zaghafte Autoschlange gebildet. Ich sprang zur Tür heraus und hinterher ins Häuschen. Jetzt mussten sie nur noch ein kleines Plätzchen für mich frei haben, zur Not auch zwanzig Stunden im Stehen!

„Please book your ticket online!“, sagte die Dame, als ich sie nach Restplätzen fragte. Ich schaute mich im Raum um, konnte aber nirgends ein Terminal oder einen Automaten entdecken, auf dem ich hätte buchen können.

„You can use your cellphone“, sie hielt mir einen QR-Code unter die Nase und guckte freundlich.

Aber nicht mit meinem Schrotthandy, dachte ich und zeigte ihr mein Problem. Ich hatte das Gefühl, dass sie solch eine steinzeitliche Buchung nicht gewohnt war, aber am Ende hielt ich mein Ticket mit Unterbringung in einer Innenkabine in der Hand. Jetzt konnte die Party beginnen. Ich lief wieder zum Campingbus und die Jungs feierten mein Ticket, als wären wir schon ewig Freunde. Rune, der Lauteste, saß auf dem Fahrersitz und spielte gleichzeitig den DJ.

Ich beschloss, mit den Jungs im Auto ins Schiff zu fahren, dann musste ich gar nicht erst den Fußgängerweg hinauf suchen. Wir fuhren als eines der ersten Autos die Rampe hinauf. Trotzdem wurde mir mulmig, als Rune meinte, die Rampe käme man am besten mit ordentlich Schwung hinauf. Ein Parkanweiser fuchtelte verärgert mit den Armen und kam uns hinterher. Überhaupt fuhr Rune viel zu dicht an die Bordwand.

„Shit, bilspeilet!“, brüllte Bent seinen Freund an und griff aus dem Fenster, um im letzten Moment den Seitenspiegel einzuklappen. Wir hielten und Bent öffnete die Seitentür.

„Go, go!“, sagte er zu mir und scheuchte mich raus, bevor der Einweiser das Auto erreicht hatte. Das gab Ärger und den wollten sie mir scheinbar ersparen.

Ich verzog mich in meine Kabine und warf mich auf das schmale Bett. Für eine Nacht sollte es reichen. Was Dima wohl sagen würde, wenn ich plötzlich vor der Tür stand, früher als erwartet und ohne Künstlerkarriere in der Tasche.

Abends investierte ich meine letzten Euromünzen in eine Rolle Kekse und einen schnellen Anruf bei Marie. Ich hatte nur eine halbe Minute, aber das reichte, damit meine Schwester wusste, dass ich mich auf dem Rückweg befand. Von der Jungstruppe sah ich nichts mehr, schade eigentlich. Ich lief einmal außen um das Schiff herum, tankte salzige Seeluft und verkroch mich dann mit meinem mp3-Player in der Koje. Ich schlief früh ein und das rächte sich.

Ab fünf Uhr morgens lag ich hellwach da und langweilte mich zu Tode. Zeit für einen Morgenspaziergang in aller Ruhe, beschloss ich. Oben an Deck fand ich die Jungs. Einer hing halb unter einer Plane, Rune lag auf einer Bank und die anderen beiden mehr oder weniger zu einem Haufen verschmolzen daneben auf dem Boden. Wie es dazu gekommen war, hätte ich mir auch ohne die Duty Free Tüte mit leeren Flaschen denken können. Ich richtete die Kerle auf und überredete alle, wenigstens nach drinnen zu kommen, bevor sie im kalten Wind erfroren. Vier Becher Kaffee später sahen die vier Jungs wieder einigermaßen passabel aus, aber ihr größtes Problem hatten sie selbst erkannt.

„Can you drive?“, fragte mich Ole und irgendwie hatte ich meinen Chauffeur-Job schon am Vortag kommen sehen. Am Vormittag legte die Fähre in Kiel an. Alle stürmten in die unteren Decks zu ihren Autos, auch ich, nur hielt ich dieses Mal ein riesiges Schlüsselbund in der Hand.

„Ok boys, fasten your seatbelts!“, lachte ich und tatsächlich schnallten sich alle brav an.

Ich lenkte den Bus sicher nach draußen und folge dem Autostrom, bis wir das Hafengelände verlassen hatten.

Mein Handy brummte und ich gab es Rune, der neben mir saß.

„Marie!“, sagte er und zeigte mir das Display. Ich hielt am Seitenstreifen einer Tankstelle an und lieh mir Runes Telefon, um Marie zurückzurufen.

„Bist du schon runter von der Fähre?“, fragte sie, „ich stehe am Fußgängerterminal und warte auf dich!“
„Are you ok?“, fragte Rune, als mir die Tränen, die Wange runterliefen. Es ging mir gut, sogar besser als vor dieser ganzen bekloppten Reise.

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