23. Kängurutest

Maria saß mir auf meinem Sofa gegenüber.

„Was schreibst du da?“

„Tagebuch!“

„Glaubst du, es ist eine gute Idee, wenn du in deinem Zustand Tagebuch schreibst?“

„Das hört sich ja an, als wär‘ ich schwanger! Ich bin nur nicht ganz nüchtern.“

„Können wir uns vielleicht unterhalten bis Johannes kommt? Du bist total abwesend!“

„Das nennt sich abweisend! Du hast mir gerade alles verdorben!“ Auf meinem Couchtisch lag ein Kuli, den gab ich ihr.

„Verschöner‘ du solange meine Wand und ich schreib‘ den ganzen Mist jetzt auf, den du mir eingebrockt hast!“ Kaum zu fassen, aber sie nahm tatsächlich den Stift, ohne zu murren. Ich lehnte mich zurück und fing an in mein Tagebuch zu kritzeln.

Woche 23:

Auf meinem Norwegenausflug hatte ich neue Freunde gefunden. Marie und ich hatten die Jungs mit ihrem Bus in Kiel auf einen Campingplatz gebracht – zum Ausnüchtern. Während der Rückfahrt nach Hause hatte Marie ungewöhnlich viel mit mir geredet. Sie hatte mir hundertmal gesagt, wie sehr sie die ganze Sache mit Marco Schechwanzur bedauerte und wie stolz sie auf mich war, dass ich schon fast ein halbes Jahr durchhielt mit unserer Selfie-Challenge. Irgendwann auf der linken Spur bei 160 km/h hatte sie mir auch noch ein neues Handy geschenkt.

„Ich habe das Gefühl, ich habe dich tiefer reingeritten, als du Chaosmagnet es selbst je geschafft hättest“, hatte sie gesagt und mich zum Abschied vor meiner Haustür umarmt. Fast kam sie mir vor wie ein normaler Mensch.

Zu Hause hatte ich gleich bei Dima geklingelt, aber er war noch gar nicht wieder zurück aus dem Ferienhaus an der See. Hinterherfahren lohnte sich nicht, also schmiss ich mich auf mein Sofa und schlief eine Runde, nach der eher ungemütlichen Nacht auf der Fähre.

Den nächsten Vormittag verbrachte ich im Büromarkt. Ich saß an der Kasse, aber dieses Mal fühlte sich alles anders an. Meine Gedanken kreisten hin und her und ich arbeitete wie ein Roboter. Konnte sich ein Mensch an nur einem Wochenende so verändern? Nein, ich meine damit nicht mich, sondern meine Schwester.

„Schreibst du gerade über mich, oder warum guckst du so?“ Marie hatte von ihrer Kugelschreiberranke aufgesehen.

„Hast du das echt gemerkt?“

„Dein blödes Grinsen hat dich verraten!“

Marie

„Ja mache ich und jetzt lass mich weiterschreiben!“

Meine Schwester hatte sich verändert. Diese Vollkatastrophe von Galerist hatte uns tatsächlich zusammengeschweißt, auch wenn ich mir manchmal wünschte, dass sie ihre Gedanken nicht immer gleich rausplatzte.

Am Nachmittag nach dem Dienst saß ich draußen im Souterrain auf einem Klappstuhl. Dima kam bald nach Hause und das durfte ich auf keinen Fall verpassen. Die Sonne brutzelte meine Stirn und ich lauschte den Geräuschen der Stadt. Ein Müllauto piepte beim Rückwärtsfahren, ein Moped knatterte vorbei und auf dem Gehweg stritt eine Gruppe Jugendlicher.

„Ach, mein Liebchen, dich habe ich ja lange nicht gesehen!“, rief Frau Amanda und ich erblickte sie an ihrem Küchenfenster. Sie hatte sich auf das Fensterbrett gestützt und winkte.

„Brauchst du was, Liebes?“

„Danke nein, ich warte nur.“

„Auf den Nachbarn?“, fragte sie mit einem Unterton, der alles sagte. Sie hatte uns wohl im Blick behalten.

„Hast oft seine Hunde“, sagte sie und zwinkerte, „Hundemama? Vielleicht bald richtige Mama?“

Ach, herrje! Dazu gehörte erst einmal gemeinsame Zeit, die wir vor lauter Katastrophen noch gar nicht gefunden hatten.

„Meine Sendung fängt gleich an!“, sagte Frau Amanda und verschwand wieder hinter ihrer Gardine. Lästige Hochzeits- und Babyfragen hatte sich meine Familie immer verkniffen, schön, dass meine Nachbarin das jetzt übernahm, aber ich verübelte es Frau Amanda nicht.

Dimas Käfer hörte ich schon vom Ende der Straße heranfahren. Das Blubbern des Motors weckte sofort Erinnerungen an unseren letzten Trip, der für ihn im Krankenhaus geendet hatte. Ich rannte die Stufen nach oben zum Fußweg und beobachtete, wie er einparkte. TNT sah mich zuerst, wie sie so über das Verdeck des Cabrios guckte und ich freute mich riesig, als sie bellte und in ihr Haltegeschirr sprang.

„Ich habe euch auch vermisst!“, rief ich und knuddelte sie, während Dima seine Sachen vom Beifahrersitz einräumte. Ich hing mich von außen ins Auto und umarmte ihn.

„Hilfe, du zerquetschst mich!“, lachte er. Ich griff eine seiner Taschen, damit alles schneller ging.

„Lass mich erst mal meinen Kram nach oben bringen, ich komme dann gleich zu dir runter.“

Ich schnappte mir Pumpkin vom Rücksitz und trug ihn hinauf in Dimas Wohnung.

„Soll ich uns Pizza bestellen?“, fragte er, „ich habe den ganzen Tag noch nichts gegessen!“ Perfekt. Während er zu Hause ankam, bereitete ich meine Bude für ein Date vor. Ich rannte runter, sammelte das Altglas aus der Küche, warf die Prospekte vom Couchtisch und deckte für uns. Dann duschte ich, sprang in meinen Kuschelanzug und stand zeitgleich mit Dima und dem Pizzaboten in meiner Eingangstür.

„Ich hab‘ dir was mitgebracht!“, sagte Dima und mir wurde nicht gleich klar, ob er Pumpkin auf seinem Arm oder den Mann mit der Pizza meinte. Am Ende hatte ich mich in beidem geirrt. Mein Freund hatte mir eine Flasche Küstennebel mitgebracht. Wir saßen gemeinsam auf dem Sofa und Pumpkin schnorchelte zu unseren Füßen.

„Erzähl‘“, sagte Dima, „bist du jetzt ein Star in Norwegen?“

„Nein, eher der Pleitegeier von Oslo!“ Ich öffnete die Flasche Küstennebel und goss uns beiden ein.

„Komm, wir spielen ein Trinkspiel. Ich sage einen Zeitraum und wer die größte Katastrophe erlebt hat gewinnt. Der andere trinkt, ok?“

„Jetzt hast du mich neugierig gemacht“, sagte Dima und stellte sich sein Glas schon mal zurecht.

„Also los: die letzten 48 Stunden“, sagte ich. „Mich hat ein Geschäftsmann ohne Vorwarnung in Oslo sitzen lassen.“

„Was?“, Dima guckte mich entsetzt an. „Wie kann das sein?“

„Lange Geschichte, meine Schwester hat’s verbockt. Du musst trinken, oder kannst du’s überbieten?“

„Kann ich nicht, bei mir war es ganz schön am Meer.“ Er kippte den Schnaps hinunter und überlegte einen Moment.

„Ok, im letzten Monat: Blinddarm bei einem romantischen Ausflug.“ Ich überlegte nicht lange und trank mein Glas leer.

„Halbes Jahr: Wohnung und Auto verloren!“

„Ein Jahr: Führerschein vier Wochen abgegeben.“

In der nächsten halben Stunde erfuhr ich mehr über Dima als in allen Wochen davor zusammen und es wurde von Geschichte zu Geschichte lustiger.

Er nieste, erst einmal, dann hörte er nicht mehr auf.

„Ich kann übrigens Alkohol nicht gut ab“, sagte er und ließ sich auf die Rückenlehne fallen. Ich lachte.

„Alkohol-Niesattacke, das habe ich ja noch nie gehört. Ich kann keinen Likör ab. Ok, aber was kannst du denn gut ab?“

„Dich!“, sagte er und küsste mich.

„Ich habe mir in den letzten Tage die wildesten Dinge vorgestellt“, sagte er.

„Ich auch!“

„Was denn?“

„Sag ich nicht!“

„Leg los, ich bin bereit.“

„Im Ernst, du bist für alles bereit?“ Ich fuhr mit meinen Fingern durch seine perfekten Haare.

„Deine Haare sehen so glänzend aus wie Lakritz und ich möchte dich am liebsten beißen.“

Dima lachte.

„Wie jetzt? So richtig?“ Ich biss ihm leicht in die Schulter.

„Ok, mit einem Zahnabdruck kann ich leben.“

„Außerdem riechst du wie ein Wasserfall und ich würde dich am liebsten den ganzen Tag anschnüffeln!“

„Wow, das klingt sexy“, lachte er, „aber besser als hinterher schnüffeln.“

„Jetzt du! Wovon träumst du? Ich mach‘ alles mit dir, du schöner Mensch!“ Ich hielt es kaum noch aus und merkte wie der Alkohol meine letztes Stück Hemmschwelle herabsetzte.

„Ok. Dann zieh das Kängurukostüm an.“ Ich fühlte mich wie ein Luftballon, den jemand vor dem Zuknoten losgelassen hatte.

„Ähm, jetzt wirklich?“

„Seit du mir das Foto von dir in dem Kostüm gezeigt hast, kann ich an nichts anderes mehr denken. Und wie du dich da so angeschmiegt hast.“

Er meinte das wirklich ernst. Ich war schon aufgestanden und zog die Ballonseide hinter meinem Bett hervor. Das kleine Gebläse steckte noch am Kostüm. Hoffentlich reichten die Batterien.

„Und, ähm wie genau?“

„Du bläst, also du stellst den Motor an und wenn das Ding prall ist, steige ich mit rein.“

Ich stellte den Motor ein und das Gebläse pustete schrill die Wohnzimmerluft in den riesigen Kängurukörper. Mein Pullover, Shirt und die Socken flogen in Lichtgeschwindigkeit auf den Sessel und ich kletterte in das Kostüm. Meine nackten Füße schob ich durch die Beinöffnung und wartete.

„Ich muss hier oben aber zuziehen, damit die Luft drin bleibt.“

Der Oberkörper des Kängurus hing mir schlaff ins Gesicht und richtete sich nur mühsam auf. Ich musste lachen.

„Bin gespannt, wie du hier noch mit reinpasst.“

Dima hatte mittlerweile seine Klamotten ebenfalls auf den Sessel geworfen und kam zu mir. Jetzt nur nicht ohnmächtig werden und clever von ihm, die ganzen Sachen draußen auszuziehen, dachte ich. Meine Hose saß eng wie eine Pelle, ich hatte Mühe, mich in der aufgeblasenen Kugel auszuziehen. Dima öffnete das Bändchen um meinen Bauch, das die Luft im Kostüm hielt und stieg mit hinein.

„Warte, meine Hose! Und deine Füße müssen mit durch die Löcher“, sagte ich, als er hinten auf den Beinen des Riesentiers stand und die ganze Konstruktion wieder in sich zusammenfiel.

„Das ist keine gute Idee, dann kippen wir um, wenn unsere Füße zusammenhängen. Mach schnell das Band wieder zu“, sagte er. Da standen wir nun dicht an dicht im Beutel eines Riesenkängurus.

„Jetzt ein Selfie für deine Schwester?“, grinste er und zog mich noch dichter an sich heran.

„Untersteh dich!“, rief ich, aber scheinbar hatte meine Schwester einen siebten Sinn. Wir brauchten gar kein Selfie, um uns vor ihr peinlich zu machen, denn sie stand in diesem Moment an meiner Haustür und klingelte Sturm. Um unsere plötzlich aufkommende Hektik noch zu verstärken, klopfte sie zusätzlich mit ihrer Stahlfaust.

„Iso, mach auf!“

„Was machen wir jetzt?“, flüsterte Dima.

„Jedenfalls nicht so die Tür auf.“

„Iso, mach auf, ich hör doch deinen Föhn!“

Marie

„Ich kann gerade nicht!“, brüllte ich gegen das Surren des Motors und durch die geschlossene Tür.

„Es ist wichtig. Bist du auf dem Klo? Ich warte.“

„Meine Hose steckt hier irgendwo im Kostüm“, flüsterte ich. Dima öffnete das Bändchen um unseren Bauch ein wenig und tauchte ab in die riesige Ballonseidewolke.

„Meinetwegen könntest du da unten bleiben!“

Dima steckte seinen Kopf vorne aus dem Kostüm.

„Später! Ich kann das nicht mit deiner Schwester vor der Tür.“

Wir wurstelten uns umständlich aus der Ballonseide und ich stellte das Gebläse aus. Dima fischte meine Hose aus dem zusammengefallenen Kostüm und wir warfen uns gegenseitig unsere Klamotten zu.

„Los, mach auf Iso.“ Ich hüpfte auf einem Bein zur Tür und zog mir den Bund über die Hüften.

„Hallo, was gibt’s“, keuchte ich durch den geöffneten Türspalt. Marie schob die Tür auf und kam ungefragt hinein. Sie entdeckte Dima und lief direkt auf ihn zu.

„Hallo, ich bin Marie!“, sagte sie und hielt ihm die Hand entgegen.

„Mein Name ist Gupta.“ Ich schaute ihn ungläubig an. Ging jetzt wieder diese Siezerei los? Marie war immerhin meine Schwester. Dima guckte ratlos zu mir zurück.

„Ich bin der Nachbar.“

„Das merke ich“, sagte sie und musterte ihn. „Scheint eine sehr freizügige Hausgemeinschaft zu sein.“

Dima sah an sich herunter und knöpfte sich hastig die drei vergessenen Knöpfe seiner Hose zu.

„Und wo wir gerade dabei sind, Iso, dein Pullover ist auf links. Sag mal, bist du besoffen?“ Sie kam näher und rümpfte die Nase. Jeder andere hätte einfach die Klappe gehalten. Sie nicht – typisch Marie!

„Kann ich bitte einen Moment mit meiner Schwester alleine reden? Es ist eine Familienangelegenheit.“

„Ich wollte sowieso gerade gehen“, sagte Dima, griff sich seine Socken und Pumpkin und verschwand aus der Tür. Mir war nach Heulen zumute.

„Dein Ernst? Du hast mir gerade den ganzen Tag ruiniert!“

Maries Blick fiel auf das Kängurukostüm, das schlaff vor meinem Bett lag.

„Und ich hoffe inständig, dass du bloß nicht aufgeräumt hast!“

„Nee, hast du ganz richtig gesehen. Er steht drauf!“

Marie setzte sich auf mein Sofa und schüttelte den Kopf. Sie hielt die leere Flasche Küstennebel gegen das Licht und verdrehte die Augen.

„Das ist dein schräges Ding!“, sagte sie, „darum kann ich mich jetzt nicht auch noch kümmern.“ Sie griff sich ihr Telefon aus der Tasche und rief unseren Bruder an.

„Endlich gehst du mal ran!“, sagte sie gewohnt charmant, „du musst zu Iso kommen. Ja jetzt, wir haben ein Problem!“ Ich hörte nur Protestgebrabbel von der anderen Seite, dann wieder Marie.

„Ich finde schon, dass Rufmord ein Problem ist und leider betrifft uns das alle!“

Marie stand immer noch an meiner Kugelschreiberwand.

„Bist du jetzt fertig? Was schreibst du da überhaupt auf?“

„Ich schreibe alles auf! Schon seit wir unsere Wette gestartet haben.“

„Das fehlt mir gerade noch! Es reicht schon, das Marco Schechwanzur durchdreht, da brauche ich nicht auch noch eine Enthüllungsgeschichte von dir. Ich weiß, dass ich Mist gebaut habe.“ Marie lief zurück zu ihrer Handtasche und zog ein flaches Päckchen heraus.

„Hätte ich fast vergessen! Bitteschön, für den neuen Monat.“ Ich öffnete das Papier und hielt einen verschnörkelten Spiegel in der Hand. Ich betrachtete mich und schnitt Grimassen.

„Was bedeutet das? Spiegelung?“

„Ja, das ist deine neue Challenge für Juni. Muss nicht alles Glas sein, Hauptsache Spiegelungen.“ Es klingelte an der Tür und Marie öffnete meinem Bruder. Der legte sich seine Haare zurecht und sah ziemlich abgehetzt aus.

„Ich hoffe es ist wichtig, ich habe gerade mein Date dafür versetzt.“

„Ist es“, sagte Marie und legte eine unerträgliche Kunstpause ein, „Marco Schechwanzur versucht unsere Familie zu zerstören!“ Sie zog ein geöffnetes Magazin aus ihrer Handtasche und klatschte es auf den Tisch.

„Seite 16 bis 24!“

Ich griff mir die Zeitung und beschloss, dass mein Selfie bis morgen Zeit hatte.

Spieglein, Spieglein!

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