Seit Marie dieses unmögliche Interview von Marco Schechwanzur entdeckt hatte, gab es in meiner Familie kein anderes Thema mehr. Sogar Dima steigerte sich immer mehr hinein. Er saß mit einer Tasse Kaffee am Küchentisch und blätterte die Seiten des Magazins vor und zurück. Er wurde immer hektischer, das Papier ächzte und er riss beinahe die Seiten auseinander.
„Hast du das bis zum Ende gelesen?“, fragte er, schlug das Heft zu und warf es in hohem Bogen in seine Papiermülltonne.
„Mehr fällt mir dazu nicht ein, weg mit dem Ding!“
So ärgerlich hatte ich ihn noch nie erlebt und eigentlich war die ganze Sache auch nicht sein Problem. Beleidigt wurden in dem Interview nur Marie und ich und ein bisschen unsere ganze Familie.
Dima stand auf und fischte die Zeitung wieder aus dem Müll.
„Ich habe einen Anwalt in der Familie, dem zeig‘ ich das. Da muss man doch was machen. Hier hör mal, das ist doch ganz klar Rufmord. Er blätterte wieder und las:
Marco Schechwanzur: Neulich erst hatte ich den Fall, dass eine eigentlich angesehene Familie, ich nenne jetzt keine Namen, aber sie betreiben die größte Werbeagentur, versucht hat mich zu täuschen und mir den talentlosen Schrott eines Familienmitglieds als Kunst unterjubeln wollte.“
Dima knickte eine Ecke des Papiers ein.
„Und das hier: Sie haben mich um viel Geld betrogen, aber ich habe die Reißleine gezogen, bevor der Schaden ausufern konnte. Ich fasse es nicht, der Typ wollte doch mit dir nach Oslo und hat Druck gemacht.“
„Dann weis‘ ihm das mal nach.“
Alle Welt um mich stand wegen dieses bekloppten Interviews von Marco Schechwanzur unter Strom, nur ich nicht. Klar nannte er meine Bilder talentlosen Schrott, aber ich hatte im Gegensatz zu meiner Familie keinen Ruf zu verlieren. Was war nur aus der tollen Idee meiner Schwester geworden, mich berühmt zu machen? Eigentlich bestätigte mich die ganze Sache nur darin, das zu bleiben, was ich ohnehin schon war – Iso aus dem Souterrain. Im Treppenhaus rumorten Stimmen und Handwerkergeräusche durcheinander.
„Was ist denn das für ein Lärm?“, fragte ich Dima, der wieder völlig in die Zeitschrift abgetaucht war.
„Ich ruf mal kurz an!“, murmelte er und kreiste mit einem Kugelschreiber die miesesten Zitate ein.
„Deinen Anwalt? Es ist Sonntag!“
Iso
„Ist mein Onkel“, winkte er ab und stand auf, um sich sein Telefon aus dem Wohnzimmer zu holen. TNT stand im Flur und presste ihre Nase an den Haustürschlitz. Hatte ich also nicht alleine den Radau im Treppenhaus gehört. Dima telefonierte schon, also zeigte ich ihm wortlos, dass ich kurz verschwinden wollte. Ich schob TNT beiseite und quetschte mich durch die Tür, damit sie mir nicht hinterherlief.
Frau Amanda stand alleine vor ihrer Wohnungstür und ließ sich matt auf die Stufen im Treppenhaus sinken. Ihre Haustür sah mitgenommen aus und ich bemerkte sofort, dass etwas nicht stimmte. Statt eines Türschlosses klaffte ein Loch im Metallbeschlag.
„Oh nein, hatten Sie Einbrecher in der Wohnung?“ Mir wurde ganz schummerig und ich musste wieder an die Gruselgeschichten des Maklers denken. Vielleicht schlich mein Vormieter doch noch heimlich durchs Haus.
Frau Amandas wischte sich eine Träne in den Ärmel ihrer Bluse.
„Nein, ich habe den Schlüssel vergessen und Frau Weiger von gegenüber hat mir einen Schlüsseldienst gerufen. Die haben alles ausgebohrt und dann sollte ich 450 Euro zahlen, bevor sie ein neues Schloss einbauen – in bar. Die habe ich aber nicht. Ich meinte dann das ist zu teuer, da haben sie gesagt, kein Geld, kein neues Schloss. Die Tür war schon offen, aber sie haben sie zugeknallt und sind gegangen. Jetzt komme ich immer noch nicht rein und sie wollen mir trotzdem eine Rechnung schicken.“ Frau Amanda hielt mir den ausgefransten Metallzylinder entgegen.
„Bist du da unten, Iso?“ Dima kam jetzt auch die Treppe herunter.
„Wir können morgen zu meinem Onkel in die Kanzlei. Dann guckt er sich deinen Fall an.“ Er stoppte und blieb auf dem Zwischenabsatz stehen.
„Gibt es ein Problem?“ Frau Amanda streckte wieder ihren kaputten Schließzylinder in die Höhe. Dima kam die letzten Stufen herunter, nahm das zerstörte Teil und betrachtete die Tür.
„Warum ist die Tür zugeschnappt, wenn der Zylinder ausgebohrt ist? Wo ist denn der Schlüsseldienst, der das gemacht hat?“
„Weg, weil ich keine 450 Euro zahlen wollte!“
„Was für eine Abzocke! Moment“, sagte Dima und lief die Treppe wieder rauf, „ich hole eine Scheckkarte, das müsste ja jetzt gehen.“
Aus dem Obergeschoss hörte ich das Klatschen von Hausschlappen auf dem Steinboden und Herr Bartolomeo reckte seinen Kopf über das Treppengeländer. Ich lehnte mich zurück und winkte ihm.
„Alles unter Kontrolle!“, rief ich und sein Gesicht verschwand wieder. Allerdings nur für einen Moment. Ich hörte, wie er seine Tür zuzog und die Treppe hinunter geschlappt kam. Er trug seinen obligatorischen Bademantel, hatte ihn aber mit einem Stoffgürtel fest zugebunden.
„Ich habe Werkzeug, noch aus meinem Garten. Braucht ihr was?“
Dima kam mit seinem Portemonnaie zurück und jetzt starrten vier Augenpaare auf die ramponierte Tür. Er schob seine Mitgliedskarte aus dem Fitnessclub in den Türspalt und murmelte vor sich hin.
„Oh, ich wusste gar nicht, dass du im Fitnessstudio bist“, sagte ich.
„Das wissen die dort vermutlich auch nicht“, schnaufte er und versuchte, das Plastik an der richtigen Stelle im Türschlitz zu positionieren.
„Haha“, sagte Herr Bartolomeo, „und ich bin eine Karteileiche im Männersingverein. Aber ich sage immer: besser da als auf dem Friedhof! Ich hole mal Draht von oben, vielleicht geht es damit besser.“ Er schlurfte wieder davon und Dima rüttelte verzweifelt am Türknauf.
„Ich krieg‘ die Karte einfach nicht dahinter!“
Mein Telefon klingelte, Johannes! Mist, ich hatte völlig vergessen, dass mein Bruder mich zum Familienrat abholen wollte.
„Iso, wo bist du? Ich steh‘ vor deiner Tür!“
„Ich bin im Haupthaus, warte kurz. Du kennst dich doch mit Immobilien aus.“
Ich öffnete meinem Bruder die Tür zum Treppenhaus und er blickte mich verständnislos an.
„Was ist denn los, wir sind verabredet.“
Jetzt guckte Dima irritiert.
„Hatte ich total vergessen, dir zu sagen – Familienrat.“ Es wurde voll im Treppenhaus.
„Das ist mein Bruder“, stellte ich Johannes kurz vor, „und er verdient sein Geld mit Immobilien. Kannst du uns helfen?“ Johannes beäugte die Tür und schüttelte den Kopf.
„Schlüsseldienstabzocke? Das ist eine ganz miese Masche und immer teuer!“
„Ich habe Draht gefunden!“, rief Herr Bartolomeo auf dem Weg zu uns und dann geschah das, was ich in den letzten vier Monaten noch nie gesehen hatte: Die Tür von Herrn Kaminskis Wohnung öffnete sich. Der mysteriöse Bestatter, der bisher nicht mehr als ein Phantom gewesen war, existierte tatsächlich! Aber Moment mal, das war der Bestatter?
„Hallo Herr Kaminski“, sagte Frau Amanda trocken, „das ist dann jetzt so was wie ein Mietertreffen.“
Wahrscheinlich starrte ich ziemlich dümmlich und ertappte mich dabei, wie das Thema Vorurteile mir gerade eine Lektion erteilte. Keine Ahnung, was ich erwartet hatte, vielleicht einen alten, blassen Mann mit finsterer Miene und schwarzem Anzug, aber sicher nicht das! Vor uns stand ein Mittzwanziger mit teuren Sneakern und knallenger Jeans! Wie jung war dieser Mann bitte und warum sah er aus, als käme er direkt vom Fototermin mit der Vogue?
Der Nachbar hielt einen Schraubenzieher in der Hand und hob ihn zum Gruß.
„Hallo die Herrschaften!“, sagte er und fing an die Schrauben aus dem Beschlag seiner eigenen Tür zu lösen. Spätestens jetzt glotzten wir ihn alle ungläubig an.
„Ist nicht meine erste Wohnungsöffnung“, sagte er und löste den Schließzylinder aus seiner eigenen Tür, „ich kenn‘ mich da leider aus. Kann ich mal?“
Die Menge teilte sich und keiner sagte ein Wort. Jan Kaminski schob das Metallteil, das gerade noch in seinem eigenen Schloss verbaut war in das Loch in Frau Amandas Tür. Dann drehte er seinen Schlüssel herum und wir blickten gemeinsam auf Frau Amandas Garderobe.
Ein spontaner Applaus brandete auf, was für ein Auftritt: erst Phantom, dann Retter in der Not.
„Ich muss Ihnen den aber leider wieder ausbauen“, sagte der Bestatter, „rein kommen Sie ja jetzt, raus geht leider nicht. Kaufen Sie sich morgen irgendwo einen neuen Zylinder, dann baue ich Ihnen den ein.“ Der Bestatter baute das Schloss zurück in seine eigene Tür und verschwand wieder.
„Mädchen, ich muss dich drücken!“, sagte Frau Amanda ganz unvermittelt und quetschte mir fast die Luft ab.
„Aber ich habe die Tür doch gar nicht geöffnet.“
„Ich weiß, aber seit du hier bist wird alles immer schöner! Hier passiert etwas im Haus, mein Mädchen.“
„Gut“, sagte Johannes an mich gewandt, „können wir dann jetzt?“ Frau Amanda ließ mich los.
„Kann ich dich anrufen, wenn ich nicht mehr rauskomme?“, fragte Frau Amanda und beäugte ihre kaputte Tür.
„Geh du schon zum Auto“, bat ich Johannes und beruhigte Frau Amanda.
Dima schrieb ihr seine Nummer auch noch auf und ich rannte mit ihm in seine Wohnung, um mein Telefon zu holen.
In der Küche umarmte ich Dima und wir verabredeten uns für den späten Nachmittag.
„Komm schnell zurück“, sagte er, „dann setzen wir uns nachher ins Auto, fahren an die Küste und picknicken im Sonnenuntergang, ganz spontan. Ich suche alles zusammen, was ich noch im Kühlschrank habe.“ Jetzt war mir die Lust auf den Familienrat völlig vergangen.
„Ich eile und bin schneller zurück also du gucken kannst! Da fällt mir was ein, kannst du mir einen Spiegel einpacken?“
„Wo soll ich denn jetzt so schnell eine Spiegel herzaubern?“
Dima
„Irgendwo in deinem Badezimmer hast du doch bestimmt einen.“ Johannes hupte auf der Straße. Ich steckte schnell mein Handy ein und küsste Dima zum Abschied.
„Eine Sache noch“, sagte er, „hattest du auch das Gefühl, dass dein Bruder unseren Bestatternachbarn schon kannte?“ Ich hielt kurz inne.
„Wie kommst du darauf? Sie haben kein einziges Wort miteinander geredet.“
„Ich kann’s nicht genau beschreiben, aber vielleicht auch nicht. Dann lauf schnell los, dein Bruder wartet.“ Was war das bloß für ein seltsamer Monat? Aus Geschäftspartnern wurden Gegner, Phantomnachbarn tauchten plötzlich auf und wie es aussah, schafften Dima und ich es tatsächlich mal einen Ausflug durchzuziehen, ohne dass die Welt unterging.

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