3. Von Nestern und Schweinchen

Ich saß weit zurückgelehnt am Küchentisch und rührte in meinem Tee, so vollgestopft, dass der oberste Knopf meiner Hose offen stand. Mareike aus dem Büromarkt hatte Brötchen ausgegeben. Die jungen Kolleginnen verschmähten wie immer das Essen, ich schätze, wegen ihrer Insta-Traumkörper. Nach kurzem Überlegen hatte ich beschlossen, ihre vier Portionen einfach mitzuessen. Sechs Brötchenhälften später lobte ich mich selbst für diese tolle Geldersparnis. Mein Magen fühlte sich zwar an wie ein Lehmklumpen, aber spätestens im Februar musste ich topfit sein als Sparfuchs.

Mein Plan lief brillant. Erst Kellerkrempel verkaufen und so den Februar überbrücken, dann eine neue Mini-Wohnung und ab März wieder zusätzlich als Maskottchen im Freizeitpark arbeiten. Check! Eine Wohnung hatte ich zwar noch nicht gefunden, aber da ergab sich schon noch irgendwas. Gekündigt hatte ich bereits und bis Februar waren es noch fast drei Wochen. Meine Schrott-zu-Schotter Anzeigen hatten sich immerhin schon Leute angesehen, aber die waren ja auch erst ein paar Tage online. Die Selfie-Challenge lief auch super. Beim Wühlen im Keller hatte ich das perfekte Requisit für mein nächstes Bild gefunden und das lag nun auf dem Küchentisch vor mir – ein Deko-Vogelnest.

„Dein Kopf sieht aus wie ein Vogelnest!“

Marie

Früher hatte ich sonntags mit Marie gerne Buden gebaut. Meine bestanden hauptsächlich aus engen Gängen. Ich wühlte mich immer erst aus der Kissen-und-Decken-Lawine heraus, wenn es mir selbst in Unterhose zu heiß geworden war.

„Bürste dich mal!“, sagte Marie, wenn ich mal wieder aus einem meiner geheimen Seitenarme gekrabbelt kam.

„Dein Kopf sieht aus wie ein Vogelnest!“

Ich dachte nie dran, mich zu bürsten, aber in diesem Moment, an meinem kleinen Küchentisch, ergab plötzlich alles einen Sinn. Das kleine, piksige Ding war meine Rettung. Selber wie ein Vogelnest auszusehen, schien Maries Vorstellungen von „bad hair“ perfekt zu entsprechen. Ich packte das Nest und eine Handvoll Haarspangen in meine Kameratasche und machte ich mich bereit, meinen Plan umzusetzen. Jetzt hieß es Daumendrücken. Ich hatte null Ahnung von Vogel-Zeiten, aber um halb fünf wurde es dunkel. Also nicht trödeln. Für die nächsten Tage war auch noch Regen angesagt.

Mit einem Klappstuhl unter dem Arm lief ich durch den Stadtpark, immer den Ohren nach. Mein Stativ baumelte schwer am Fotorucksack und knallte mir bei jedem Schritt in die Waden. Kurz vor dem Ententeich fand ich das perfekte Fleckchen. Hier zwitscherte es aus allen Ecken und ich baute mein kleines Projekt auf. Kamera auf Stativ, Stuhl unter potentielle Vogeläste und dann fehlte nur noch die passende Frisur. Ich toupierte meine Haare, klemmte hier und klippte dort eine Strähne fest, bis das Nest auf meinem Kopf hielt. Jetzt bloß keine ruckartigen Bewegungen mehr und bitte keine dicke Taube. Dann brach alles zusammen. Schlau, wie ich war, streute ich Sonnenblumenkerne als Köder in meine üppige Frisur. Ich setzte mich in Position. Die Kamera beobachtete mich einäugig von ihrem Stativ aus. Ich saß kerzengerade und fühlte mich wie eine Disney-Prinzessin des Waldes, um die sich in wenigen Momenten die Tierwelt des ganzen Stadtparks versammelt würde. Jetzt nur nicht mehr bewegen und den richtigen Moment abpassen. Ich stellte meine Atmung auf Scharfschützen-Modus und bewegte nur noch die Augen. Auf dem Bildschirm meines Telefons beobachtete ich den Kamerablick. Komm näher, noch ein winziges bisschen, du kleine, süße Meise. Mein Finger wanderte kaum merklich zur Auslösefläche.

„Füttern Sie auch die Enten?“

Dame mit Brot

„Füttern Sie auch die Enten?“, krähte eine alte Stimme von hinten in mein Ohr. Ich zuckte zusammen und die Sonnenblumenkerne prasselten mir wie Monster-Schuppen auf die Schultern. Schräg hinter mir stand eine Dame, die offensichtlich gerade von einem Feldzug durch die Bäckerlandschaft zurückgekehrt war. Sie schob einen beachtlichen Stapel Weißbrote vor sich her, den sie mit Klebeband zusammengebunden hatte.
„Nein, nein“, antwortete ich, „das hier ist ein Vogelexperiment.“

Sie nickte und rührte sich nicht.

Auf ein Neues, ihr kleinen Hüpfer, dachte ich. Aber nun stand die Dame mit ihrem Rollator in meiner linken Bildecke.

„Entschuldigung, könnten Sie einen Schritt zur Seite gehen? Ich habe Sie im Bild!“

„Aber sicher!“, lachte sie. „Hier vielleicht?“

Sie hatte sich kaum 10 cm zur Seite bewegt.

„Fantastisch!“, rief ich und dieses Mal zuckte sie zusammen. „Schauen Sie nur, die vielen Enten. Ich zeigte auf den Teich und lachte mit weit aufgerissenen Augen. Meine Augäpfel deuteten in die Richtung, aber es kümmerte sie nicht.

„Ich weiß, die warten schon auf mich.“

So wurde das nichts und mir gingen langsam die Ideen aus, wie ich die Dame loswerden konnte. Da meldete sich mein Telefon mit einem lauten Nachrichten-Pling. Die Erlösung, dachte ich!

„Oh, meine Mutter! Da muss ich leider drangehen“, log ich und hielt mir das Telefon ans Ohr.

Die Dame blieb an meiner Seite, legte sich die Brote auf den Schoß und setzte sich auf ihren Rollator.

„Wie schön, dass Ihre Mutter Sie anruft“, sagte sie und schaute erwartungsvoll auf mein Telefon.

„Ich bin gar nicht hier, ich höre weg!“

Dame mit Brot

„Hallo Mama!“, sprach ich ins Nichts. „Rufst du wegen der Geheimnummern an?“ Hoffentlich merkte die Frau meinen Schwindel nicht. Sie blickte mich weiter ungerührt an.

„Das ist schwierig, Mama, ich bin gerade nicht alleine.“

Die Dame winkte ab.

„Ich bin gar nicht hier, ich höre weg!“

Statt zu gehen, knabberte sie eines der Brote an – verdammt! Ich quasselte also belangloses Zeug in mein stummes Telefon.

Ein Sonnenstrahl fiel durch die kahlen Bäume. Ich blickte in den Winterhimmel und es kribbelte in meiner Nase.

Hatschi!

Die Frau starrte mich an und rollte mit ihrem Rollator ein Stück zurück. Und noch einmal.

Hatschi!

Jetzt kam Bewegung in die Sache. Hätte ich das früher gewusst. Ich schaute wieder in die Sonne und wartete.

Hatschi!

Die Dame war jetzt aufgestanden und hatte sich dezent ein Fläschchen Desinfektionsmittel aus der Manteltasche gezogen.

„Auf Wiedersehen!“, nickte sie und schob ihre Brote eilig davon. Ein paar Meter entfernt blieb sie stehen und schrubbte sich mit einem Feuchttuch das Gesicht ab.

Ich atmete erleichtert aus. Endlich Ruhe! Mit einem Schwung kippte ich mir eine neue Ladung Sonnenblumenkerne in die Haare. Aber wer hatte mir vorhin denn wirklich geschrieben?

Meine Schrott-zu-Schotter App blinkte. Jetzt ging das Geldverdienen los! Ich las meine erste Nachricht.

Hi du schweinische Babe 😉 Schick ma ein Bild von dir. Ich muss wissen ob du häslich bist oder heiß. Wenn heis zahl ich fieleich mehr. Was krieg ich überhaupt für die 5 Euro? Hier ist ein Bild von mir! 😉 Ruf schnell an ich warte.“

Anzeigen-Interessent auf der Schrott-zu-Schotter App

Ich starrte auf das eindrucksvolle Bild. Eine Mischung aus Photoshop und 80er-Jahre Ami-Fotostudio. Nächstes Mal musste ich meine Artikel auf Schrott-zu-Schotter sachlicher beschreiben. Dann hätte der Gute das „Schweinchen Babe für einen schönen Abend“ vielleicht nicht so falsch gedeutet. Ich grübelte, was ich auf diese Anfrage antworten sollte. Da nahm das Zwitschern um mich herum plötzlich Fahrt auf und mein Puls raste. Mit zwei Tippern hatte ich den Selbstauslöser wieder aktiviert. Näher, noch näher flogen die niedlichen, blauen Bällchen um meinen Kopf und – zack! Das Bild war im Kasten.

„Nimm das Marie!“, rief ich mit gestreckter Faust und rieselte an diesem Nachmittag eine feine Vogel-Fressspur vom Park bis zu meiner Wohnungstür.

2. Post von Marie – bad hair

Es war Mittwochmorgen und ich lag ausgestreckt in meinem zerwühlten Bett. Das neue Jahr startete, wie das alte sich verabschiedet hatte. Auf der Fensterbank standen Spike und Eddy, meine runzeligen Kakteen und sonnten sich. Prinzessin-Power-Pony pendelte friedlich an ihrer Angelschnur über meinem Kopf. Meine Nichte Lissy hatte mir das Pappmaché-Einhorn vor zwei Jahren geschenkt. Sein Horn bestand aus aneinandergeklebten Klorollen und glitzerte. Eigentlich gehörte das Einhorn meiner Schwester, aber sie hatte Lissy überredet, es mir zu schenken.

„Der komische Pony-Pups kommt auf keinen Fall in mein Wohnzimmer!“

Marie

„Der komische Pony-Pups kommt auf keinen Fall in mein Wohnzimmer!“, hatte sie zu mir gesagt. Ich fand das mies und schon am Freitag darauf, als Lissy zu mir zu Besuch kam, gehörte das Einhorn plötzlich mir.

„Mama hat gesagt, dass du traurig bist, weil nur sie ein Einhorn hat“, waren Lissys Worte, als sie es mir strahlend überreichte. Typisch meine Schwester. Das Papp-Tierchen bekam einen Ehrenplatz – über meinem Bett. Von da an stellte ich mir jeden Abend vor, es sei eine Piñata, die mir nachts Leckereien in den Mund fallen ließ.

„Kein Wunder, dass bei dir keine Beziehung hält!“, sagte Marie einmal. „Warum musstest du es ausgerechnet über dein Bett hängen? Da rennt doch jeder Typ gleich wieder weg!“

Marie glaubte auch, Lissy hätte „das Ding“ längst vergessen. Hatte sie nicht! Wann immer sie mich besuchte, schaute Lissy zuerst ins Schlafzimmer und fütterte es kurz mit etwas magischer Luft aus ihrer Hand.

An diesem Morgen war es plötzlich vorbei mit dem Dämmerschlaf im Regenbogenland. Etwas hatte mich beinahe erschlagen – in meinem eigenen Bett! Prinzessin-Power-Pony war mir direkt ins Gesicht gekracht. Vielleicht war eine einzelne Reißzwecke zum Befestigen keine gute Idee, dachte ich und rieb mir das Gesicht. Der Einhorn-Kopf lag auf dem Boden, der Rest verbeult auf meiner Bettdecke. Das war dann wohl ein Teil weniger, das ich in meiner neuen Wohnung unterbringen musste. Ich stand auf und stapelte die Überreste auf meinem vollen Papier-Mülleimer. Zeit, ihn nach unten zu bringen.

Eine Suppentüte hatte ich immer in Reserve!

Iso

Die To-do-Liste für heute war lang. Es war mein letzter Urlaubstag, bevor ich wieder Druckerpatronen einsortieren musste. Das verpennte Wochenende rächte sich. Ich war nur zum Essen aus dem Bett gekrabbelt und hatte mich von Buchstabensuppe ernährt. Es dauerte ewig, bis ich aus allen Buchstaben Wörter gebildet hatte. Wie immer hielt ich mich streng an die Regel, dass man nur die Nudeln essen darf, die komplette Wörter mit mindestens drei Buchstaben ergeben. „In“ und „um“ waren tabu! Als Kinder hatte ich das gerne mit Marie gespielt. Heute fand sie die Idee albern und weigerte sich, unser Spiel Lissy beizubringen. Gut, dass ich Lissy diesen Freitag schon mittags von der Schule abholte. Eine Suppentüte hatte ich immer in Reserve!

Schrott zu Schotter

Kleinanzeigen App

Gestern hatte ich mich endlich aufgerafft, nach Wohnungen zu gucken. Von zwei Zimmern auf ein einziges zu schrumpfen war mein Ziel. – aber wohin mit dem ganzen Kram? Flohmärkte im Januar waren mir zu kalt. Gab es sowas überhaupt im Winter? Ich überlegte mir stattdessen, eine Flohmarkt-App zu installieren. Meine beste Freundin Jenna schwärmte immer, wie viel Geld sie für ihre alten Babyklamotten auf der „Schrott zu Schotter“ Plattform verdiente, also installierte ich sie mir. Eigentlich hieß die App „Schönes zu Scheinchen“, aber das klang genauso blöd.

Was konnte weg? Das Einhorn hatte sich selbst erledigt. Wahrscheinlich ein Zeichen, dass ein neuer Lebensabschnitt bevorstand, dachte ich. Ich kniete mich auf den Flickenteppich und zog eine staubige Kiste mit alten DVDs unter dem Bett hervor. Mein Zeigefinger konnte nicht anders und ich malte ein Kleeblatt in die graue, flauschige Staubschicht. Auf die Disney-Filme und James Bond konnte ich verzichten. Entweder liefen sie im Fernsehen oder Lissy kannte die Filme aus dem Pay-TV. Also reihte ich auf, was mir Nutzloses in die Finger kam und fotografierte aus allen Richtungen. Langsam geriet ich in einen Rausch. Ich konnte gar nicht aufhören und durchwühlte jede Schublade. Als ich nichts mehr fand, schlüpfte ich in meine Jacke und rannte die Treppe runter in den Keller. Kurz davor blieb ich stehen und holte tief Luft. Das hier war eine andere Hausnummer.

Es brannte schon Licht im Kellerflur. Ich drehte den Schlüssel im Vorhängeschloss bis es aufsprang. Die Tür quietschte, als ich sie zaghaft anstupste. Man muss wissen, dass mein Keller in Gefahrenstufen eingeteilt ist. Direkt am Eingang gab es keine Probleme. Ich hatte mir einen passablen Gang durch die Kisten und Stapel gebaut. Aber weiter hinten schwankten die Türme gefährlich, wenn ich einmal wo anstieß. Ich hatte zwar in der obersten Reihe einen Regenschirm als Abstandshalter zwischen die Kisten geklemmt, aber die Spitze bohrte sich schon unangenehm tief in eine der beiden Kartonseiten. Also hieß es: wenig bewegen und von oben nach unten suchen.

„Bleiben Sie noch lange da draußen? Ich krieg die Tür nicht auf!“

Nachbar

Ich fand: nie benutzte Sportgeräte, Küchenhelfer, die kein Mensch braucht und Berge an alten Klamotten. Erstaunlich, dass ich da einmal hineingepasst hatte. Einen Baustrahler hatte ich zum Glück gleich neben der Eingangstür entdeckt. Damit baute ich mir ein Mini-Fotostudio im sonst dunklen Kellerflur neben den Fahrrädern auf. Ich stellte meinen Fitness-Stepper vor eine der weißen Kellertüren. Die machte sich, bis auf die aufgesprühte Zahl, wunderbar als Fotohintergrund. Der Staub auf meinem Baustrahler schmorte dahin und es stank fürchterlich. Da musste ich jetzt durch.

„Psst, junge Frau!“

Ich fuhr herum, aber niemand stand im Flur.

„Psst, ich bin hier drüben in der 4!“

Erst jetzt sah ich, dass ein schwacher Lichtschein durch die Ritze der Kellertür vor mir fiel.

„Bleiben Sie noch lange da draußen? Ich krieg die Tür nicht auf!“

Peinlich, ich zerrte meinen Stepper zur Seite und gab die Tür frei.

Ein älterer Mann, den ich noch nie gesehen hatte, blinzelte durch den Türspalt.

„Ich müsste mal“, sagte er und grinste.

Ich ging einen Schritt zurück und zog meinen stinkenden Baustrahler aus dem Weg.

„Bin gleich zurück“, sagte er und mein Blick fiel für einen kurzen Moment in seine Männerhöhle mit Dartscheibe und Sofaecke.

„Sagen Sie’s nicht meiner Frau. Die denkt, ich bin auf Arbeit. OK?“

„Alles klar!“ ,sagte ich und beeilte mich fertig zu werden. Der Staub auf meiner Lampe rauchte schon und ich wollte keinen Feueralarm auslösen.

Am frühen Nachmittag zählte ich stolze 155 Bilder auf meinem Telefon. Als ich die Treppe aus dem Keller hochstapfte, fiel mein Blick auf den Briefkasten. Der Schlüssel lag oben in der Wohnung. Also quetschte ich meine Hand durch den Schlitz und angelte mit zwei Fingern heraus, was ich zu fassen bekam. Bitte verspätete Weihnachtspost und keine Rechnung hoffte ich, als ich etwas zu fassen bekam. Ich nahm den Umschlag mit nach oben. Im Inneren klapperte etwas. Bestimmt ein Geschenk!

Ich ließ mich wieder auf mein Bett fallen und kippte einen braunen Papp-Umschlag aus der Versandtasche. Es lag ein kurzer Brief dabei, oh Gott, das war Post von meiner Schwester! Auf dem Zettel stand: „Ich hab’s ernst gemeint! Thema I für Januar… Marie.“ Im Umschlag fand ich sieben Buchstaben aus einem Scrabble Spiel. A-D-R-A-I-H-B. Scheinbar gefielen ihr Buchstabenspiele doch noch. Damit hatte sie mich am Haken und ich begann zu rätseln. Es dauerte eine Weile und zig Versuche. Dann bekam ich einen Geistesblitz und löste das Rätsel: bad hair! Die Idee für ein passendes Selfie kam gleich hinterher.

Ich rief meine Freundin Jenna an.

„Hast du heute Abend Zeit? Ich muss mir die Haare machen und entweder sehe ich danach Hammer aus und wir müssen zusammen ausgehen, oder ich sehe scheiße aus und gewinne eine Wette!“

Jenna verstand überhaupt nichts, aber das war sie von mir schon gewohnt. Erst als ich ihr erzählte, dass ich im Januar jetzt jede Woche ein Selfie zum Thema „bad hair“ für meine Schwester schießen musste, wurde ihr alles klarer. Sie lachte und versprach vorbeizukommen, wenn ihre Kinder im Bett lagen.

Etwas wusste ich sicher, mich schminken und Frisuren zaubern konnte ich so gut wie Quantenphysik. Wenn ich versuchte, mir Locken einzudrehen, sahen meine Haare danach wie verkochte Spirelli-Nudeln aus! Das war nun also meine Chance, dachte ich, etwas, das ich wirklich kann: verhunzte Haare auf Bestellung. So leicht würde ich es Marie mit ihrer Wette nicht machen. Auf der Rückseite des Umschlags stand in kleinen Buchstaben ihre geschäftliche Email-Adresse und die Aufforderung: Jeden Montag bis 12.00 Uhr mittags ein Bild, sonst hast du die Wette verloren.

Jenna kam gegen neun und wir bestellten Pizza. Sie half mir bei den Haaren und es war ihre Idee, das Haus lieber nicht zu verlassen. Es hing jetzt zwar kein Einhorn mehr über dem Bett, aber meine Frisur hätte wahrscheinlich einen ähnlichen Effekt auf die Männerwelt gehabt, wie Prinzessin-Power-Pony. Ich schaute in den Spiegel und zückte meine Kamera. Nimm das, Marie! Woche eins geschafft!

1. Die Silvester-Wette

Meine Schwester hat alles. Ich habe nichts, findet sie jedenfalls. Was unsere Vornamen betrifft, liegt sie tatsächlich weit vorne. Sie hat das große Glück ein Jahr älter zu sein als ich, deshalb hatte sie auch als erste Namenswahl. Wir heißen alle drei nach unseren Großeltern, also bekam sie den Namen Marie. Dieser Klang, wie ein warmer Frühlingsmorgen. Für mich blieb nur noch Isolde übrig. Eigentlich kein Ding, wenn mich bloß keiner so nennt. Für die meisten meiner Freunde heiße ich bloß Iso. Das passt zu meinem Hobby. Ohne Kamera verlasse ich nämlich nie das Haus.
Mein Bruder hat auch Glück. Er heißt Johannes. Johannes hat nicht nur Glück mit seinem Namen, er bekommt im Gegensatz zu mir auch weiter Geld von unserem Vater. Für mich ist erstmal Schluss, Geldhahn zugedreht sozusagen. Das war sein Silvestergeschenk an mich, irgendwann in einer stillen Minute zwischen Silvesterbrunch und Party.

„Wann gedenkst du mal richtig zu arbeiten?“

Marie

Mein Vater liebt mich, das weiß ich, aber seit er neulich so einen Artikel gelesen hat – eigentlich ist es nie gut, wenn er Artikel liest. Nun meint er, ich müsse auf eigenen Beinen stehen und das so schnell wie möglich. Im nächsten Jahr, also gleich im Februar, denn für Januar hatte er schon überwiesen.
Ich wette, meine Schwester war daran auch nicht ganz unbeteiligt.
„Wie lange hast du dein Auto jetzt nicht benutzt?“, fragte sie beim Familien-Brunch heute früh. Sie schob sich dabei eine Weintraube in den Mund. Ich stellte mir vor, wie ein Diener sie mit einem Palmwedel fächerte.
„Ähm, seit März“, überlegte ich.
„Und warum lässt du es nicht endlich reparieren?“
Marie wusste genau warum, aber irgendwie musste sie es unseren Eltern doch auf die Nase binden.
„Wenn ich noch einen zweiten Job finde -“
Mein Vater hatte mich unterbrochen und ausnahmsweise war das mal ganz angenehm.
„Schatz, brauchst du Geld?“
„Wohl eher etwas mehr Druck!“, hatte meine Schwester geantwortet. Sie war wie immer schneller als ich.
„Du bist ja nun auch keine 20 mehr. Wann gedenkst du mal richtig zu arbeiten?“
Ich pikte Blaubeeren auf meine Gabel und betrachtete mein Werk.
„Nein Papa, ich brauche nichts.“

Jetzt war es kurz vor Mitternacht und ich saß auf der cremefarbenen Couch im Wohnzimmer meiner Schwester, ein Glas Sekt in der Hand. Johannes stand im Türrahmen der Küche und baggerte eine viel ältere Single-Freundin meiner Schwester an. Wahrscheinlich hatte er morgen früh einen Krampf im Gesicht. Die Frau schien sein Grinsen gar nicht unnatürlich zu finden. Jedenfalls schmachtete sie ihn an.

Marie hatte mittlerweile einen knallroten Kopf und hielt sich mit einer Hand am Tresen fest. Sie schüttelte ihre Extensions ein bisschen von links nach rechts, aber nüchtern wurde sie davon nicht. Ich kippte das Glas Sekt hinunter, eine halbe Stunde zu früh, aber es stand nun mal vor meiner Nase.

Aber wen schert’s, wenn die Brille aussieht wie ein Schmetterling im Abflug.

Iso

Früher kannte ich alle Freunde meiner Schwester, aber dieses Jahr war es anders. Sicher Kollegen aus Maries Agentur oder Geschäftspartner, keine Ahnung, aber alle ziemlich steif. Ich zog ein paar lustige Fotorequisiten für Silvester aus meinem Rucksack. Blöderweise hatte ich mich gleich am Anfang der Party darauf gesetzt. Aber wen schert’s, wenn die Brille aussieht wie ein Schmetterling im Abflug. Mit Kindern wäre die Party sicher lustiger gewesen. Die waren an diesem Abend allerdings tabu. Marie und ihr Mann Manuel hatten Lissy, die eigentlich Elisabeth hieß, nach dem Brunch meinen Eltern mitgegeben.

„Sie ist professionelle Lebenskünstlerin!“

Marie

„Ja, das ist meine Schwester Isolde“, hörte ich Marie ein bisschen zu laut lachen. Ihre neue blonde Pferdeschwanz-Freundin sah zu mir herüber. Aus Reflex hielt ich mir eine goldene Glitzerbrille am Stab vor die Augen. Wie wirkungsvoll, sie guckten immer noch. Langsam ließ ich mich von der Sofakante auf den Teppich rutschen und legte mich flach auf den Boden. In der einen Hand hielt ich mein Handy, in der anderen die Stab-Brille.
„Sie ist professionelle Lebenskünstlerin!“, sagte meine Schwester. Ihre Füße standen nun neben meinen Ohren und sie blickte mich kopfschüttelnd von oben an.
„Du bist Künstlerin?“, fragte die Freundin, die nun auch über mir stand.
„Nein, Maskottchen in einem Freizeitpark!“, antwortete meine Schwester für mich. „Stimmt doch, oder? Manchmal komme ich gar nicht hinterher mit deiner Karriere.“
„Ist so ein Saison-Job“, sagte ich. „Im Moment jobbe ich in einem Büromarkt.“
Meine Schwester verdrehte die Augen.
„Ja, genau dafür hast du Abitur gemacht.“
Ich zückte wieder meine Brille und versuchte, lustig zu gucken. Kleine Barriere sozusagen zwischen meiner Schwester und mir, aber es half nichts. Sie hatte wirklich zu viel getrunken und redete sich immer mehr in Rage. Ihre Freundin tätschelte Marie den Arm und wollte gehen, aber sie drehte sich wieder zu mir um.
„Warum kannst du nicht einfach mal eine Sache durchziehen? Ich wett,e du würdest es nicht mal schaffen, regelmäßig Selfies von dir zu machen.“
Ich schaute auf mein Telefon und steckt es in die Tasche.
„Ha!“, sagte sie. Ich zuckte zusammen.
„Ich wette mit dir! Wenn du es ein Jahr durchhältst Selfies von dir zu machen, dann gebe ich dir nächstes Silvester einen Job in meiner Agentur.“
Komisches Angebot, dachte ich. Da sprach wohl der Aperol aus ihr.
„Du hältst dich doch immer für so kreativ. Ich gebe dir für jeden Monat eine Aufgabe und du machst jede Woche ein Selfie. Deal?“ Sie hielt mir ihre Hand entgegen. Ich setzte mich auf und zuckte mit den Schultern. Ich hatte nichts zu verlieren und wenigstens ließ sie mich dann vielleicht in Ruhe. Ich schlug ein.

„Ach, kannst du Elisabeth nächsten Freitag aus der Schule abholen?“
Sie wartete meine Antwort nicht ab. Alles war wie immer und daran würde weder das neue Jahr noch ihre komische Wette etwas ändern. Dachte ich jedenfalls.
Ich stand auf und ging zu meinem Bruder. Es war der erste Moment dieses Tages, an dem er mal alleine stand und nicht belagert wurde.
„Happy New Year!“, rief ich und sprang ihm um den Hals. Um uns herum guckten alle Partygäste gleichzeitig auf ihre Telefone und Armbanduhren.
„Erst in 10 Minuten!“, sagte Johannes und berappelte sich.
„Weiß ich“, flüsterte ich in sein Ohr, „wünsche ich dir aber trotzdem.“

Ohne Geld war bald auch kein Taxi mehr drin.

Iso

Ich winkte den Verunsicherten und schnappte mir meine Jacke von der Garderobe. Mal sehen, ob jetzt ein Taxi fuhr. Hinter mir sank die Haustür ins Schloss und ich überlegte einen Moment. Ohne Geld war bald auch kein Taxi mehr drin. Zeit, sich eine billigere Wohnung zu suchen, beschloss ich. Aber das konnte bis morgen warten. So marschierte ich durch die bunte Nacht und kippte zwei Stunden später in mein Bett.

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