1. Die Silvester-Wette

Meine Schwester hat alles. Ich habe nichts, findet sie jedenfalls. Was unsere Vornamen betrifft, liegt sie tatsächlich weit vorne. Sie hat das große Glück ein Jahr älter zu sein als ich, deshalb hatte sie auch als erste Namenswahl. Wir heißen alle drei nach unseren Großeltern, also bekam sie den Namen Marie. Dieser Klang, wie ein warmer Frühlingsmorgen. Für mich blieb nur noch Isolde übrig. Eigentlich kein Ding, wenn mich bloß keiner so nennt. Für die meisten meiner Freunde heiße ich bloß Iso. Das passt zu meinem Hobby. Ohne Kamera verlasse ich nämlich nie das Haus.
Mein Bruder hat auch Glück. Er heißt Johannes. Johannes hat nicht nur Glück mit seinem Namen, er bekommt im Gegensatz zu mir auch weiter Geld von unserem Vater. Für mich ist erstmal Schluss, Geldhahn zugedreht sozusagen. Das war sein Silvestergeschenk an mich, irgendwann in einer stillen Minute zwischen Silvesterbrunch und Party.

„Wann gedenkst du mal richtig zu arbeiten?“

Marie

Mein Vater liebt mich, das weiß ich, aber seit er neulich so einen Artikel gelesen hat – eigentlich ist es nie gut, wenn er Artikel liest. Nun meint er, ich müsse auf eigenen Beinen stehen und das so schnell wie möglich. Im nächsten Jahr, also gleich im Februar, denn für Januar hatte er schon überwiesen.
Ich wette, meine Schwester war daran auch nicht ganz unbeteiligt.
„Wie lange hast du dein Auto jetzt nicht benutzt?“, fragte sie beim Familien-Brunch heute früh. Sie schob sich dabei eine Weintraube in den Mund. Ich stellte mir vor, wie ein Diener sie mit einem Palmwedel fächerte.
„Ähm, seit März“, überlegte ich.
„Und warum lässt du es nicht endlich reparieren?“
Marie wusste genau warum, aber irgendwie musste sie es unseren Eltern doch auf die Nase binden.
„Wenn ich noch einen zweiten Job finde -“
Mein Vater hatte mich unterbrochen und ausnahmsweise war das mal ganz angenehm.
„Schatz, brauchst du Geld?“
„Wohl eher etwas mehr Druck!“, hatte meine Schwester geantwortet. Sie war wie immer schneller als ich.
„Du bist ja nun auch keine 20 mehr. Wann gedenkst du mal richtig zu arbeiten?“
Ich pikte Blaubeeren auf meine Gabel und betrachtete mein Werk.
„Nein Papa, ich brauche nichts.“

Jetzt war es kurz vor Mitternacht und ich saß auf der cremefarbenen Couch im Wohnzimmer meiner Schwester, ein Glas Sekt in der Hand. Johannes stand im Türrahmen der Küche und baggerte eine viel ältere Single-Freundin meiner Schwester an. Wahrscheinlich hatte er morgen früh einen Krampf im Gesicht. Die Frau schien sein Grinsen gar nicht unnatürlich zu finden. Jedenfalls schmachtete sie ihn an.

Marie hatte mittlerweile einen knallroten Kopf und hielt sich mit einer Hand am Tresen fest. Sie schüttelte ihre Extensions ein bisschen von links nach rechts, aber nüchtern wurde sie davon nicht. Ich kippte das Glas Sekt hinunter, eine halbe Stunde zu früh, aber es stand nun mal vor meiner Nase.

Aber wen schert’s, wenn die Brille aussieht wie ein Schmetterling im Abflug.

Iso

Früher kannte ich alle Freunde meiner Schwester, aber dieses Jahr war es anders. Sicher Kollegen aus Maries Agentur oder Geschäftspartner, keine Ahnung, aber alle ziemlich steif. Ich zog ein paar lustige Fotorequisiten für Silvester aus meinem Rucksack. Blöderweise hatte ich mich gleich am Anfang der Party darauf gesetzt. Aber wen schert’s, wenn die Brille aussieht wie ein Schmetterling im Abflug. Mit Kindern wäre die Party sicher lustiger gewesen. Die waren an diesem Abend allerdings tabu. Marie und ihr Mann Manuel hatten Lissy, die eigentlich Elisabeth hieß, nach dem Brunch meinen Eltern mitgegeben.

„Sie ist professionelle Lebenskünstlerin!“

Marie

„Ja, das ist meine Schwester Isolde“, hörte ich Marie ein bisschen zu laut lachen. Ihre neue blonde Pferdeschwanz-Freundin sah zu mir herüber. Aus Reflex hielt ich mir eine goldene Glitzerbrille am Stab vor die Augen. Wie wirkungsvoll, sie guckten immer noch. Langsam ließ ich mich von der Sofakante auf den Teppich rutschen und legte mich flach auf den Boden. In der einen Hand hielt ich mein Handy, in der anderen die Stab-Brille.
„Sie ist professionelle Lebenskünstlerin!“, sagte meine Schwester. Ihre Füße standen nun neben meinen Ohren und sie blickte mich kopfschüttelnd von oben an.
„Du bist Künstlerin?“, fragte die Freundin, die nun auch über mir stand.
„Nein, Maskottchen in einem Freizeitpark!“, antwortete meine Schwester für mich. „Stimmt doch, oder? Manchmal komme ich gar nicht hinterher mit deiner Karriere.“
„Ist so ein Saison-Job“, sagte ich. „Im Moment jobbe ich in einem Büromarkt.“
Meine Schwester verdrehte die Augen.
„Ja, genau dafür hast du Abitur gemacht.“
Ich zückte wieder meine Brille und versuchte, lustig zu gucken. Kleine Barriere sozusagen zwischen meiner Schwester und mir, aber es half nichts. Sie hatte wirklich zu viel getrunken und redete sich immer mehr in Rage. Ihre Freundin tätschelte Marie den Arm und wollte gehen, aber sie drehte sich wieder zu mir um.
„Warum kannst du nicht einfach mal eine Sache durchziehen? Ich wett,e du würdest es nicht mal schaffen, regelmäßig Selfies von dir zu machen.“
Ich schaute auf mein Telefon und steckt es in die Tasche.
„Ha!“, sagte sie. Ich zuckte zusammen.
„Ich wette mit dir! Wenn du es ein Jahr durchhältst Selfies von dir zu machen, dann gebe ich dir nächstes Silvester einen Job in meiner Agentur.“
Komisches Angebot, dachte ich. Da sprach wohl der Aperol aus ihr.
„Du hältst dich doch immer für so kreativ. Ich gebe dir für jeden Monat eine Aufgabe und du machst jede Woche ein Selfie. Deal?“ Sie hielt mir ihre Hand entgegen. Ich setzte mich auf und zuckte mit den Schultern. Ich hatte nichts zu verlieren und wenigstens ließ sie mich dann vielleicht in Ruhe. Ich schlug ein.

„Ach, kannst du Elisabeth nächsten Freitag aus der Schule abholen?“
Sie wartete meine Antwort nicht ab. Alles war wie immer und daran würde weder das neue Jahr noch ihre komische Wette etwas ändern. Dachte ich jedenfalls.
Ich stand auf und ging zu meinem Bruder. Es war der erste Moment dieses Tages, an dem er mal alleine stand und nicht belagert wurde.
„Happy New Year!“, rief ich und sprang ihm um den Hals. Um uns herum guckten alle Partygäste gleichzeitig auf ihre Telefone und Armbanduhren.
„Erst in 10 Minuten!“, sagte Johannes und berappelte sich.
„Weiß ich“, flüsterte ich in sein Ohr, „wünsche ich dir aber trotzdem.“

Ohne Geld war bald auch kein Taxi mehr drin.

Iso

Ich winkte den Verunsicherten und schnappte mir meine Jacke von der Garderobe. Mal sehen, ob jetzt ein Taxi fuhr. Hinter mir sank die Haustür ins Schloss und ich überlegte einen Moment. Ohne Geld war bald auch kein Taxi mehr drin. Zeit, sich eine billigere Wohnung zu suchen, beschloss ich. Aber das konnte bis morgen warten. So marschierte ich durch die bunte Nacht und kippte zwei Stunden später in mein Bett.

7 Antworten auf „1. Die Silvester-Wette

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  1. Oh, da komme ich wohl etwas spät, um auf das neue Jahr und die Wette anzustoßen. 🙂 Sehr schöner Einstieg in eine, mir scheint recht verrückte Geschichte. Gefällt mir. Ich lese auf jeden Fall weiter.

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