3. Von Nestern und Schweinchen

Ich saß weit zurückgelehnt am Küchentisch und rührte in meinem Tee, so vollgestopft, dass der oberste Knopf meiner Hose offen stand. Mareike aus dem Büromarkt hatte Brötchen ausgegeben. Die jungen Kolleginnen verschmähten wie immer das Essen, ich schätze, wegen ihrer Insta-Traumkörper. Nach kurzem Überlegen hatte ich beschlossen, ihre vier Portionen einfach mitzuessen. Sechs Brötchenhälften später lobte ich mich selbst für diese tolle Geldersparnis. Mein Magen fühlte sich zwar an wie ein Lehmklumpen, aber spätestens im Februar musste ich topfit sein als Sparfuchs.

Mein Plan lief brillant. Erst Kellerkrempel verkaufen und so den Februar überbrücken, dann eine neue Mini-Wohnung und ab März wieder zusätzlich als Maskottchen im Freizeitpark arbeiten. Check! Eine Wohnung hatte ich zwar noch nicht gefunden, aber da ergab sich schon noch irgendwas. Gekündigt hatte ich bereits und bis Februar waren es noch fast drei Wochen. Meine Schrott-zu-Schotter Anzeigen hatten sich immerhin schon Leute angesehen, aber die waren ja auch erst ein paar Tage online. Die Selfie-Challenge lief auch super. Beim Wühlen im Keller hatte ich das perfekte Requisit für mein nächstes Bild gefunden und das lag nun auf dem Küchentisch vor mir – ein Deko-Vogelnest.

„Dein Kopf sieht aus wie ein Vogelnest!“

Marie

Früher hatte ich sonntags mit Marie gerne Buden gebaut. Meine bestanden hauptsächlich aus engen Gängen. Ich wühlte mich immer erst aus der Kissen-und-Decken-Lawine heraus, wenn es mir selbst in Unterhose zu heiß geworden war.

„Bürste dich mal!“, sagte Marie, wenn ich mal wieder aus einem meiner geheimen Seitenarme gekrabbelt kam.

„Dein Kopf sieht aus wie ein Vogelnest!“

Ich dachte nie dran, mich zu bürsten, aber in diesem Moment, an meinem kleinen Küchentisch, ergab plötzlich alles einen Sinn. Das kleine, piksige Ding war meine Rettung. Selber wie ein Vogelnest auszusehen, schien Maries Vorstellungen von „bad hair“ perfekt zu entsprechen. Ich packte das Nest und eine Handvoll Haarspangen in meine Kameratasche und machte ich mich bereit, meinen Plan umzusetzen. Jetzt hieß es Daumendrücken. Ich hatte null Ahnung von Vogel-Zeiten, aber um halb fünf wurde es dunkel. Also nicht trödeln. Für die nächsten Tage war auch noch Regen angesagt.

Mit einem Klappstuhl unter dem Arm lief ich durch den Stadtpark, immer den Ohren nach. Mein Stativ baumelte schwer am Fotorucksack und knallte mir bei jedem Schritt in die Waden. Kurz vor dem Ententeich fand ich das perfekte Fleckchen. Hier zwitscherte es aus allen Ecken und ich baute mein kleines Projekt auf. Kamera auf Stativ, Stuhl unter potentielle Vogeläste und dann fehlte nur noch die passende Frisur. Ich toupierte meine Haare, klemmte hier und klippte dort eine Strähne fest, bis das Nest auf meinem Kopf hielt. Jetzt bloß keine ruckartigen Bewegungen mehr und bitte keine dicke Taube. Dann brach alles zusammen. Schlau, wie ich war, streute ich Sonnenblumenkerne als Köder in meine üppige Frisur. Ich setzte mich in Position. Die Kamera beobachtete mich einäugig von ihrem Stativ aus. Ich saß kerzengerade und fühlte mich wie eine Disney-Prinzessin des Waldes, um die sich in wenigen Momenten die Tierwelt des ganzen Stadtparks versammelt würde. Jetzt nur nicht mehr bewegen und den richtigen Moment abpassen. Ich stellte meine Atmung auf Scharfschützen-Modus und bewegte nur noch die Augen. Auf dem Bildschirm meines Telefons beobachtete ich den Kamerablick. Komm näher, noch ein winziges bisschen, du kleine, süße Meise. Mein Finger wanderte kaum merklich zur Auslösefläche.

„Füttern Sie auch die Enten?“

Dame mit Brot

„Füttern Sie auch die Enten?“, krähte eine alte Stimme von hinten in mein Ohr. Ich zuckte zusammen und die Sonnenblumenkerne prasselten mir wie Monster-Schuppen auf die Schultern. Schräg hinter mir stand eine Dame, die offensichtlich gerade von einem Feldzug durch die Bäckerlandschaft zurückgekehrt war. Sie schob einen beachtlichen Stapel Weißbrote vor sich her, den sie mit Klebeband zusammengebunden hatte.
„Nein, nein“, antwortete ich, „das hier ist ein Vogelexperiment.“

Sie nickte und rührte sich nicht.

Auf ein Neues, ihr kleinen Hüpfer, dachte ich. Aber nun stand die Dame mit ihrem Rollator in meiner linken Bildecke.

„Entschuldigung, könnten Sie einen Schritt zur Seite gehen? Ich habe Sie im Bild!“

„Aber sicher!“, lachte sie. „Hier vielleicht?“

Sie hatte sich kaum 10 cm zur Seite bewegt.

„Fantastisch!“, rief ich und dieses Mal zuckte sie zusammen. „Schauen Sie nur, die vielen Enten. Ich zeigte auf den Teich und lachte mit weit aufgerissenen Augen. Meine Augäpfel deuteten in die Richtung, aber es kümmerte sie nicht.

„Ich weiß, die warten schon auf mich.“

So wurde das nichts und mir gingen langsam die Ideen aus, wie ich die Dame loswerden konnte. Da meldete sich mein Telefon mit einem lauten Nachrichten-Pling. Die Erlösung, dachte ich!

„Oh, meine Mutter! Da muss ich leider drangehen“, log ich und hielt mir das Telefon ans Ohr.

Die Dame blieb an meiner Seite, legte sich die Brote auf den Schoß und setzte sich auf ihren Rollator.

„Wie schön, dass Ihre Mutter Sie anruft“, sagte sie und schaute erwartungsvoll auf mein Telefon.

„Ich bin gar nicht hier, ich höre weg!“

Dame mit Brot

„Hallo Mama!“, sprach ich ins Nichts. „Rufst du wegen der Geheimnummern an?“ Hoffentlich merkte die Frau meinen Schwindel nicht. Sie blickte mich weiter ungerührt an.

„Das ist schwierig, Mama, ich bin gerade nicht alleine.“

Die Dame winkte ab.

„Ich bin gar nicht hier, ich höre weg!“

Statt zu gehen, knabberte sie eines der Brote an – verdammt! Ich quasselte also belangloses Zeug in mein stummes Telefon.

Ein Sonnenstrahl fiel durch die kahlen Bäume. Ich blickte in den Winterhimmel und es kribbelte in meiner Nase.

Hatschi!

Die Frau starrte mich an und rollte mit ihrem Rollator ein Stück zurück. Und noch einmal.

Hatschi!

Jetzt kam Bewegung in die Sache. Hätte ich das früher gewusst. Ich schaute wieder in die Sonne und wartete.

Hatschi!

Die Dame war jetzt aufgestanden und hatte sich dezent ein Fläschchen Desinfektionsmittel aus der Manteltasche gezogen.

„Auf Wiedersehen!“, nickte sie und schob ihre Brote eilig davon. Ein paar Meter entfernt blieb sie stehen und schrubbte sich mit einem Feuchttuch das Gesicht ab.

Ich atmete erleichtert aus. Endlich Ruhe! Mit einem Schwung kippte ich mir eine neue Ladung Sonnenblumenkerne in die Haare. Aber wer hatte mir vorhin denn wirklich geschrieben?

Meine Schrott-zu-Schotter App blinkte. Jetzt ging das Geldverdienen los! Ich las meine erste Nachricht.

Hi du schweinische Babe 😉 Schick ma ein Bild von dir. Ich muss wissen ob du häslich bist oder heiß. Wenn heis zahl ich fieleich mehr. Was krieg ich überhaupt für die 5 Euro? Hier ist ein Bild von mir! 😉 Ruf schnell an ich warte.“

Anzeigen-Interessent auf der Schrott-zu-Schotter App

Ich starrte auf das eindrucksvolle Bild. Eine Mischung aus Photoshop und 80er-Jahre Ami-Fotostudio. Nächstes Mal musste ich meine Artikel auf Schrott-zu-Schotter sachlicher beschreiben. Dann hätte der Gute das „Schweinchen Babe für einen schönen Abend“ vielleicht nicht so falsch gedeutet. Ich grübelte, was ich auf diese Anfrage antworten sollte. Da nahm das Zwitschern um mich herum plötzlich Fahrt auf und mein Puls raste. Mit zwei Tippern hatte ich den Selbstauslöser wieder aktiviert. Näher, noch näher flogen die niedlichen, blauen Bällchen um meinen Kopf und – zack! Das Bild war im Kasten.

„Nimm das Marie!“, rief ich mit gestreckter Faust und rieselte an diesem Nachmittag eine feine Vogel-Fressspur vom Park bis zu meiner Wohnungstür.

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