5. Peng, peng!

Die nächste Frisur war fällig! Ich saß auf einem Küchenstuhl und von meinem Kopf standen struppige Zöpfe in alle Himmelsrichtungen ab. Zwischen meinen Beinen klemmte eine Heliumflasche, die Marie mir zum Entsorgen nach dem letzten Kindergeburtstag von Lissy mitgegeben hatte. Ein bisschen Gas war noch drin, also hatte ich sie aufgehoben. Womit meine Schwester sicher nicht gerechnet hatte, war dass ich damit ihre Wette gewinnen würde. Das letzte Bild für die Januar-Challenge stand an und ich musste noch einmal alles geben für ein „bad-hair“ Foto. Ich schnürte also Helium-Ballons an alle abstehenden Haarsträhnen, denn es sollte eine richtig üppige Frisur irgendwo zwischen Pumuckl und Kumuluswolke werden. Mit blauen statt orange und roten Ballons wäre ich sicher auch als Marge Simpson durchgegangen. Als ich mit der Hälfte meiner Frisur fertig war, klingelte es an der Tür. Super Timing. Die vorbereiteten, fertigen Ballons flutschten unter meinem Stuhl hervor und sammelten sich unter der Zimmerdecke. Ein hübsches Abschiedsgeschenk für meinen Vermieter, dachte ich und öffnete die Haustür mit einem Kopf, der aussah wie eine halb aufgegessene Weintraube. Ein junger Mann mit krauser Stirn stand mir gegenüber.

Oh, Kindergeburtstag?“

Paketbote

Er lachte und warf einen Blick an mir vorbei in die leere Wohnung.

Ich schüttelte den Kopf und die Ballons quietschten in mein Ohr.

Der Paketbote reichte mir einen mit Blumen bedruckten Karton.

Frau Aroma, oder?“

Ich schnappte mir die Kiste und verabschiedete ihn schnell. Der Luftzug der Tür wirbelte meine Ballon-Frisur quietschend durcheinander und ich war kurzzeitig einäugig unterwegs. Ich setzte mich wieder auf den Stuhl und riss die Pappe auf. Ein Blumengesteck mit Grußkarte.

Alles Gute zum Geburtstag, Schwes!“, las ich die gedruckte Nachricht. „Lass uns am Wochenende zum Italiener gehen, ich lade dich ein. PS: Vergiss bitte nicht, Elisabeth heute von der Schule abzuholen. -Marie“

Im Dezember wäre ich mir sicher gewesen, dass meine Schwester meinen Geburtstag vergisst. Warum hätte sie mich sonst genau heute als Abholdienst bestimmt.Sie hatte dran gedacht und für ihre Verhältnisse war das Ganze hier fast schon warmherzig. Allerdings war mir gerade nicht nach essen gehen. Bisher hatte ich nur Absagen für die besichtigten Wohnungen kassiert und jetzt wurde es eng. Morgen um 17.00 Uhr kam der Vermieter zur Schlüsselübergabe. Wenigstens musste ich nicht auch noch streichen. Für nachmittags hatte sich jemand über Schrott-zu-Schotter gemeldet, mir die Küche abzukaufen. Bei meinem Bruder Johannes konnte ich zwar übergangsweise schlafen, aber wohin mit meinem Kram?

Ich kletterte auf den Küchenstuhl und sammelte die ausgebüchsten Ballons wieder ein. Da kam mir die rettende Idee! Mein Auto. Wenn ich nur richtig stopfte, konnte ich neben ein Paar Kisten alle weichen Sachen hier zwischenlagern. Die Türen gingen ja noch auf, nur der Motor wollte nicht mehr.

Als ich den letzten Ballon auf meinem Kopf befestigt hatte, zeigte meine Küchenuhr bereits halb 12 und der Bus zu Lissys Schule fuhr bald ab. Auf dem Weg zur Haltestelle wollte ich kurz mein Selfie fotografieren und dann Lissy mit meinem coolen Look zum Lachen bringen. Aber erst musste ich mit der Wolke auf dem Kopf überhaupt aus dem Haus kommen. Während meine Füße schon im Flur standen, stoppte mich die üppige Frisur im Türrahmen. Peng! Schon war Nummer eins futsch. Ich musste besser aufpassen, aber wer wenn nicht ich konnte so eine Situation meistern. Nicht ohne Grund hatte ich den Job, als Maskottchen im Freizeitpark bekommen.

Jetzt gehen Sie durch den Raum, in den Flur und zurück!“

Kaum zu glauben, aber das war damals das „Probearbeiten“ gewesen. Reihenweise hatte es meine Mitbewerber beim Gang durch die Tür von den Beinen gerissen, weil der gigantisch breite Bärenkopf sie gestoppt hatte. Nur Manni und ich waren seitlich in die Knie gegangen und im Krebsgang durchmarschiert. Der Anfang einer wunderbaren Freizeitpark-Karriere.

Allerdings war meine Ballontraube jetzt etwas störrisch und das Gequietsche in den Ohren ungefähr so melodiös wie Fingernägel an der Schultafel.

Ich schaffte es gerade so aus dem Haus und zur Haltestelle, als mein Bus heranfuhr. Ich hätte es besser wissen müssen, mittags unter der Woche. Der Fahrer öffnete die Türen seines überfüllten Busses, lachte und schüttelte den Kopf, als er mich sah.

So kann ich sie gerade nicht reinlassen!“

Ich konnte es ihm nicht einmal verübeln, die Hälfte meiner Frisur hätte wohl außerhalb der Klapptüren mitfahren müssen.

Der Bus fuhr wieder an und ich wartete auf den nächsten. Dieses Mal stellte ich mich cleverer an und stieg nicht direkt beim Fahrer ein. Und ich hatte Glück. Im Mittelteil stand eine Frau mit Zwillingswagen. Den Platz, den sie unten einnahm, füllte ich oben aus, als ich mich leicht über ihre Kinder beugte.

Die beiden streckten ihre kleinen Finger nach mir aus.

Schaut mal, ein Clownie!“, sagte die Mutter und schnippte einen meiner Ballons zur Seite.

Der Bus fuhr los und meine Turmfrisur quietschte an der Scheibe entlang. Die ersten Fahrgäste verzogen das Gesicht oder hielten sich gleich die Ohren zu und ich konnte die Erleichterung in den Gesichtern derer sehen, die Haltestelle für Haltestelle den Bus verlassen durften.

Eine halbe Stunde später stand ich vor Lissys Grundschule, gerade noch rechtzeitig. Die ersten Kinder kamen mir schon mit ihren riesigen Ranzen entgegen, von denen man nur erahnen konnte, wer von beiden gerade die Oberhand hatte. Ich wartete wie jedes Mal am Schultor. In dieser Aufmachung hätten sie mich vermutlich auch gar nicht auf einen Schulhof gelassen.

Kumulus-Kobold

Neben mir im Gebüsch kicherten zwei Jungs. Einer davon baute sich mutig vor mir auf und zog den kleinen Kumpel am Ranzen mit sich.

Bist du Chucky, die Mörderpuppe?“ Seine Augen sahen mich mit einer Mischung aus Neugier und Furcht an.

Nein“, antwortete ich, „guck genau hin. Ich bin Es!“

Die Jungs blieben erst einen Moment zweifelnd vor mir stehen und rannten dann weg, zu ihren Freunden. Wieso kannten Grundschüler schon Horrorfilme?

Lissy sah mich aus der Ferne, hätte mich aber um ein Haar nicht erkannt. Ihre Freundinnen zeigten auf mich, also drehte ich mich ein wenig im Kreis, damit die Ballons auf dem Kopf wippten.

Deine Tante ist cool!“, hörte ich Lissys Freundin Mira sagen. Sie stand ehrfürchtig vor mir und starrte auf meinen Kopfschmuck. Etwas weniger ehrfürchtig, um nicht zu sagen, distanzlos, kam ein Junge nur mit Mütze aber ohne Jacke hinter den Mädchen her gerannt.

Aahhhh, wusch, dusch!“ ,kreischte er und boxte auf meine Ballons ein. Ich ging einen Schritt zurück, aber er sprang wie ein Flummi um mich herum und versuchte zu zerstören, was zwischen seine kleinen Fingernägel geriet. Das war der Grund, warum Maskottchen im Freizeitpark nie ohne Begleitung liefen.

Hör‘ auf Clive!“, riefen die Mädchen und versuchten, ihn festzuhalten. Es half nichts. Peng! Der zweite Ballon war hinüber und peng, der dritte gleich hinterher. Mein Werk von zwei Stunden löste sich zwischen winzigen Fingern buchstäblich in Luft auf. Ich versuchte, ihn abzuwehren, aber es funktionierte nicht. Mit einem Ruck zog ich ihm seine Gangster-Mütze über die Augen und er stolperte einen Schritt rückwärts. Die Mädchen lachten und ich schnappte mir Lissys Hand. Wir rannten gemeinsam zum Bus und rauschten davon. Als wir vor dem Haus ankamen, knipste ich schnell mein Selfie. Nächstes Mal gleich fotografieren, dachte ich mir und überlegte, was sich Marie wohl als nächstes Thema ausdenken würde. Ich steckte den Schlüssel ins Schloss.

Schuldigung, wo ist hier Nummer 33?“, fragte eine Männerstimme hinter mir. Er hatte einen Werkzeugkoffer im Arm. Mir dämmerte Übles, als ich einen Blick auf meine Uhr warf.

Kommen Sie für die Küche?“

Er nickte und musterte mich.

Folgen Sie mir bitte!“

Eigentlich hatte ich vorher meine Ballons und den Müll entfsorgen wollen. Jetzt ergab ich mich in mein Schicksal und quietschte voraus unsere Treppe hinauf bis in meine Wohnung.

Hier sind schon mal die 200 Euro!“, sagte er und reichte mir einen Schein.

Plötzlich standen noch vier weitere Männer in meiner Wohnung und wie in einem Ameisenhaufen verschwand ein Küchenschrank nach dem anderen blitzschnell aus meiner Bude.

Ich habe Hunger!“, sagte Lissy, als der letzte Mann die Tür hinter sich geschlossen hatte. Nur mein Wasserkocher, eine Kühlbox und eine Klappkiste voller Lebensmittel standen noch auf dem Boden vor dem leeren Fliesenspiegel.

Lust auf Krautsalat?“

Ich kippte Salz, Zucker, Essig und heißes Wasser über einen halben, geriebenen Weißkohl von gestern und siehe da, es schmeckte Lissy sogar.

Tante Iso, ich bin kaputt!“

Komm mit“, sagte ich, griff meine Sofakissen und eine Decke und lotste sie ins Badezimmer.

Letzte Chance, wer weiß ob ich übermorgen noch eine Badewanne habe.“

Ich warf alles hinein und erfüllte mein langes Versprechen, Lissy einmal in der Badewanne schlafen zu lassen. Sie fiel mir um den Hals.

Und du sagst es nicht Mama?“

Ich zwinkerte ihr zu und ließ sie ihr Nest bauen.

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