9. Stadtsafari

Die Sonne schien senkrecht auf meinen kleinen Kellervorplatz und wärmte die Steinplatten. Ich saß mit geschlossenen Augen auf einem Klappstuhl, Füße auf der Treppe zum Gehweg und entspannte mich. In den Büromarkt musste ich erst morgen wieder. Durch die geöffneten Türen meiner Wohnung roch ich die trocknende Wandfarbe. Herrlich, es ging voran. Vieke und Jenna hatten mir im Laufe der Woche Farbreste gebracht, die sie noch in ihren Garagen und Kellern gefunden hatten. Die Kombination aus Rosa, Mint und Grau an meinen Wänden sah sogar fast gewollt aus. Für eine 1×2 Meter große Stelle unter den Fenstern hatte die Farbe nicht gereicht, aber so kam endlich meine Kugelschreiber-Sammlung zum Zuge. Ich hatte schon angefangen, in Blau eine riesige Blumengirlande auf die vergilbte Vliestapete zu malen. Blöderweise musste ich ständig die Stifte wechseln, weil mir in dieser Position die Tinte zu schnell in den Stift zurücklief. Zwei Tage noch und das Kunstwerk konnte sich sehen lassen. Wer mich besuchen kam, durfte etwas Eigenes dazumalen. Bisher hatte mich der Umzug keinen Cent gekostet. Weiter so und ich kam mit meinem Geld locker bis Ende März über die Runden.

Die Haustür öffnete sich links neben meinem Kopf und ich sah hinauf auf den Gehweg. Mein Nachbar mit den Hunden trat ins Freie und unsere Blicke trafen sich. Pumpkin hing auf seiner Schulter wie ein Baby kurz vor dem Bäuerchen und TNT zerrte. Der Nachbar nickte kurz und bog dann schnell in die entgegengesetzte Richtung ab. Die drei erinnerten mich daran, dass ich noch ein Tier für mein letztes Selfie im Februar brauchte. Leider hatten meine Freunde keine Tiere. Und Clementine und Mirabelle von meinem Bruder hatte ich ja schon verewigt.

Da fiel mir mein alter Kollege Harald aus dem Freizeitpark ein. Ich rief einfach in der Personalabteilung an und klärte kurz die Sache mit meinem Job als Maskottchen ab März. Wenn ich den Job in der Tasche hatte, besuchte ich einfach Harald im Streichelzoo. Sache erledigt! Die besten Ideen kamen mir immer draußen in der Sonne. Ich suchte die Nummer der Personalfrau des Perfect-Paradise-Parks heraus.

„Oh, Frau Aroma, die Bewerbungsfrist für unsere Saisonstellen ist letzte Woche abgelaufen.“

Personalerin des Freizeitparks

Mir wurde kalt.

„Aber ich bin doch schon eingearbeitet.“

„Das weiß ich, aber wir haben die Stellen bereits besetzt. Das tut mir leid. Vielleicht nächstes Jahr wieder.“

Nächstes Jahr? Wie sollte ich eine so lange Zeit mit 450 Euro im Monat überbrücken, geschenkte Wandfarbe hin oder her?

„Haben Sie noch was anderes frei?“, bettelte ich, „an der Kasse vielleicht?“

„Sie kommen leider eine Woche zu spät.“

Während ich also letzte Woche mit meiner Freundin Vieke im Aufblaskostüm über den Deich gehüpft war, hatte mir jemand meinen fest eingeplanten Job weggeschnappt.

Ich legte auf und ich ließ ihren letzten Satz sacken. Auf die Schnelle hatte ich keinen Plan B bereit, aber Harald stand trotzdem noch auf meiner To-Do-Liste. Ich brauchte wenigstens ein Tier für mein Selfie.

„Mensch Iso, ich kann dich nicht einfach in den Streichelzoo lassen. Kauf dir doch eine Eintrittskarte. Wir machen am 1. März wieder auf“, sagte Harald.

Gerade war die Zeit nicht mein Freund.

„Das ist zu spät, ich brauche das Bild noch diese Woche.“

„Aber wenn du mit deinem Stativ zwischen den Ziegen stehst, sieht dich noch jemand und ich verliere meinen Job!“

An die Ziegen hatte ich auch gar nicht gedacht.

„Harald, kannst du mich zu den Schweinen schmuggeln? Die stehen doch im Stall und keiner kriegt was mit.“

Einen netteren Menschen als Harald gab es nicht. Er hatte am Telefon zwar etwas zerknirscht geklungen, aber wir verabredeten uns für den Nachmittag am Personaleingang des Parks. Dafür hatte er echt was gut bei mir.

Ich wartete pünktlich am Tor, Kamera und Stativ so in meinem Rucksack verstaut, dass mein Vorhaben nicht gleich zu erkennen war. Aus der Ferne hörte ich das Gerumpel einer Mistkarre und linste durch die Bastmatten, die das meterhohe Tor verdeckten. Da kam er. Harald öffnete mir die Tür und ich huschte durch den Spalt hinein. In der Schubkarre lagen zwei große Jutesäcke und Harald grinste, als mein Blick zwischen ihm und der Karre hin- und herwanderte.

„Ist das wirklich nötig?“, flüsterte ich.

Er nickte mit dem Kopf in Richtung Schubkarre und ich seufzte. Auf Knien und mit eingezogenem Kopf passte ich am besten hinein. Meinen Rucksack benutzte ich als Kissen und Geruchsbremse. Harald breitete die Säcke über mir aus und mein Taxi setzte sich holprig in Bewegung. Hätte ich bloß meinen Nachbarn nach seinem anderen Hund gefragt.

Der Schweinestall war liebevoll eingerichtet und dekoriert mit alten Werkzeugen. Schließlich sollte es hier nicht nur den Schweinen gefallen. Die Gruppe Bentheimer beachtete mich erst nicht, sondern rüsselte fröhlich durchs Stroh. Erst als ich auf den Zaun kletterte, kam Bewegung in die Gang.

„Stopp, da kannst du nicht durch!“

Harald

Ups, so laut hatte ich Harald noch nie erlebt und vor Schreck stürzte ich beinahe nach hinten ab.

„Erst in die Hygieneschleuse! Schweine sind mega empfindlich und die Vorschriften der Hammer.“

Er führte mich in einen Nebenraum, den ich nicht kannte. Aus Besuchersicht sah das Ganze irgendwie idyllischer aus. Jetzt musste ich mich komplett umziehen und fand mich eine Viertelstunde später rundum erneuert vor dem Eingangstor der Schweine.

„Chic, so im Blaumann“, lachte Harald und streckte seinen Daumen hoch.

„Jetzt kannst du loslegen. Aber wenn jemand kommt, musst du abtauchen! Ich bereite solange das Futter vor.“

Da stand ich nun vor einer selbstbewussten Truppe Schweine, die urplötzlich Gefallen an mir fand. Aber die Tiere ließen sich streicheln und mich durchströmte ein Gefühl von Dorfromantik. Es hielt aber nur einen kurzen Moment. Die Schweine hatten mein Equipment für sich entdeckt. Eins zupfte an meinem Blaumann, ein zweites kaute am Gummistiefel, da hatte ein anderes schon den Riemen meiner Kamera im Maul. Dieses Selfie musste schnell gehen, so viel war sicher. Ich stellte meinen Fotoapparat auf das Stativ und fokussierte eine Stelle im Stall, die ich mir für mein Bild ausgesucht hatte. Mit Mühe und Gehampel schaffte ich es, die Truppe mit mir an die richtige Stelle zu locken. Klick, Boom, kein Bild im Kasten! Einer der Eber hatte einen anderen Plan. Die Schrauben am Stativ standen zu verlockend ab. Während er das Plastik abkaute, geriet alles ins Schwanken und meine Kamera kippte mit Stativ ins Stroh. Bevor ich meine Ausrüstung retten konnte, hatte er auch noch den Kameragurt abgebissen. Jetzt verstand ich, warum Gangster in Filmen ihre Leichen gerne in Schweineställen entsorgten. Alles hier ging rasend schnell, was wenn ich zufällig ohnmächtig wurde? Haps, weg!

„Hilfe, Harald!“, rief ich und er kam angerannt.

Meine Kamera lebte zwar noch, das Stativ konnte ich jetzt allerdings nicht mehr ganz einfahren, so ohne Griff an den Verstellschrauben.

„Na, fressen sie dich?“ Er streckte mir die Hand entgegen und rettete meine Ausrüstung durch den Zaun.

„Setz’ dich kurz zu den Schweinen, dann mache ich ein Foto!“

Das tat ich dann auch, aber von einem Selfie war dieses Bild nun meilenweit entfernt.

Die Bentheimer Gang

Ich zog mich wieder um und setzte mich neben Harald auf eine Bank hinter dem Stall.

„Hast du zufällig noch einen Plan B? Irgendein Tier, das langsam ist und mich nicht fressen will? Ein Faultier vielleicht?“

Harald lachte und goss mir Tee aus seiner Thermoskanne in einen Pappbecher, den er aus dem Pausenraum mitgenommen hatte.

„Du hast doch jetzt ein Bild mit den Schweinen“, sagte er.

„Das ist ja schön, aber es zählt nicht, weil du es fotografiert hast.“

Harald grübelte eine Weile.

„Du wirst lachen“, sagte er, zog sein Handy aus dem Kittel und wählte eine Nummer.

„Es ist zwar kein Faultier, aber auch ziemlich gechillt.“

Die Sonne stand schon tief, als Harald in der Innenstadt nach einem Parkplatz suchte. Hoffentlich reichte das Tageslicht noch für ein Bild.

„Du wirst begeistert sein“, sagte er, „die Wohnung ist krasser als eine Zoohandlung und ich habe bei den Jungs noch was gut!“

Harald half mir, mein „von-jetzt-an-immer-riesig-Stativ“ ins Dachgeschoss zu schleppen. Neben der Eingangstür prangte ein gigantisches Metallschild „Reptilien-WG“.

Drei junge Männer öffneten uns die Tür. Einer trug ein braun-graues Chamäleon auf seiner Hand und streckte es mir entgegen.

„Das hier ist Princeps Color, dein Fotopartner!“ Der junge Mann zog das Tier wieder zurück und tätschelte es.

„Und er frisst dich definitiv nicht auf!“ Die Männer lachten.

Danke Harald, dass du gleich alles erzählen musstest, dachte ich, freute mich aber schon auf den kleinen Kerl. Das Chamäleon bewegte sich in einer faszinierenden Langsamkeit über den Arm meines Gastgebers. Die Jungs stellten sich als Tom, Sven und Daniel vor und führten mich in ihren urbanen Urwald. Im riesigen Gemeinschaftsraum standen neben einem Esstisch zig Terrarien und eine gigantische Wasserlandschaft für Schildkröten, Axolotl und Fische. Kein Fleckchen Wand blitzte mehr durch und ich wollte nie wieder gehen. Leider hatten die Jungs kein Zimmer zu vermieten, denn wie sich herausstellte, gehörte das einzig freie Schlafzimmer einer Gruppe unterschiedlicher Nager.

Princeps Color auf meiner Hand

Harald unterhielt sich am Tisch mit seinen Freunden, während Tom mir mit den Tieren half. Ich blickte mich um und hatte keine Idee, womit wir beginnen sollten. Es gab einfach zu viele Möglichkeiten. Aus meinem Rucksack zog ich zwei verschiedene Decken als Hintergrund und Oberteile zum Umziehen. Tom reichte mir ein Tier nach dem anderen an und ich geriet in einen wahren Rausch. Noch eine Schlange, die sich unter meinem Nacken hindurchschlängelte, ein Chamäleon auf der Hand und vielleicht ein Bild mit Ratten? Es fühlte sich an wie im Paradies. Die angenehm kühle Schlangenhaut, die sich um mein Handgelenk schlängelte, die beruhigende Langsamkeit von Princeps Color, dem Chamäleon, das war besser als jede Meditation. Ich stellte mir vor, einfach auf meiner Decke liegenzubleiben, umgeben von all diesen Exoten. Alle Probleme gelöst. Aber jetzt durfte ich nicht schlappmachen. Umziehen, Haare verändern und weiter.

Tom legte mir die dritte Schlange auf den Körper, als Harald ihn zu sich rief. Die Männer saßen um Haralds Handy versammelt und schauten sich ein Video an.

Meine Kamera klickte im Takt des Selbstauslösers.

„Da wart ihr fast noch Kinder!“, lachte mein ehemaliger Kollege und jetzt dämmerte mir, dass die Jungs vielleicht Brüder waren.

Tom kehrte zurück und kniff die Augen zusammen.

„Komm mal kurz hoch“, sagte er zu mir, „Victoria hat sich unter dir verkrochen!“

Witzig, ich spürte es gar nicht.

Weniger witzig sah Toms Gesicht aus, als er feststellte, dass die Schlange sich nicht unter mir versteckt hatte.

„Wohnzimmertür zu!“, brüllte er in die Runde. Sven war der Schnellste und knallte mit einem Ausfallschritt die Tür in den Rahmen. Fast gleichzeitig ließen sich die jungen Männer auf die Knie fallen und suchten die Nischen und Schlitze unter den Terrarien ab. Ich saß ratlos mit den beiden anderen Schlangen auf meiner Decke. Harald kam und nahm sie mir ab.

„Toilette!“, rief Daniel, riss die Tür wieder auf und stürzte den Flur hinunter in Richtung Badezimmer. Sven rannte hinterher. All das passierte in weniger als einer Minute. Ich fühlte mich wie ein dummer Passant in einem Actionfilm. Wilde Geräusche kamen aus dem Bad und mein Herz raste.

„Das war knapp!“, schnaufte Daniel, als er zurückkam. In seiner Hand hielt er die tropfende Schlange wie eine Trophäe. Sven putzte die Klowasserflecken im Flur weg und reichte Daniel ein Handtuch.

Wie war das? Alles gechillt mit den Reptilien?

Zu Hause lud ich die Bilder auf meinen Rechner und schaute sie zufrieden durch. Perfekt, besonders weil ich wusste, wie meine Schwester auf das Schlangenbild reagieren würde!

2 Antworten auf „9. Stadtsafari

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